Das Wiki-Konzept und Wikipedia

1995 entwarf der Programmierer Ward Cunningham eine Website namens Wiki, auf der jeder Besucher ohne Zugangsbeschränkungen beliebige Artikel erstellen, ändern oder löschen konnte.[1] Wenn es nur genug Benutzer gäbe, die an einer Aufgabe mitwirken, bräuchte es Cunninghams Meinung nach keiner Kontrollinstanz mehr. Die gemeinsame Arbeit aller Benutzer könnte am Ende ein Werk schaffen, das inhaltlich außerordentlich effizient wäre.[2]

2001 entwickelte der Unternehmer Jimmy Wales gemeinsam mit dem Philosophen Larry Sanger eine Internet-Enzyklopädie namens Wikipedia nach dem Wiki-Konzept von Cunningham.[3] Das Prinzip von Wikipedia basiert ebenfalls auf Selbstregulation: Jeder Benutzer kann beliebig Artikel ändern, jede Änderung wird in einer Art Historie festgehalten. Wenn ein Nutzer der Arbeit des anderen nicht zustimmt, kann er die alte Version wiederherstellen oder sie nach eigenem Ermessen verbessern.

Die ersten Kritiker prognostizierten einem Konzept wie diesem anarchistische und chaotische Zustände. Als beispielsweise die Tageszeitung L.A. Times in ihr Online-Portal ein Forum nach dem Muster von Wikipedia integrierte, wurden Inhalte von diversen anonymen Nutzern mit obszönen und politisch umstrittenen Artikeln versehen. Nach nur zwei Tagen musste die Software wieder durch den verantwortlichen Redakteur Michael Newman entfernt werden[4] Aus Wikipedia hingegen entwickelte sich im Gegensatz dazu die größte Enzyklopädie der Welt.[5]

Waren es im Jahre 2001 noch knapp 5000 englische Artikel, hat Wikipedia mittlerweile die Millionengrenze erreicht und bietet zudem Inhalte in mehr als 100 Sprachen an.[6] Damit enthält Wikipedia mehr Einträge, als ein gewöhnliches Wörterbuch. Große Tageszeitungen wie Daily Telegraph Online, Guardian, Sydney Morning Herald und mehr zitieren mittlerweile aus Wikipedia.[7] Entgegen der Meinung vieler Kritiker ist die Qualität der Inhalte qualitativ hochwertig. „Es handelt sich großteils um solides Weltwissen“.[8] Mehr als 100.000 registrierte Benutzer sowie unzählige anonyme Mitgestalter und Administratoren pflegen freiwillig die Enzyklopädie und erstellen deren Inhalte, täglich kommen etwa 500 neue Artikel hinzu. Offensichtlicher Unfug oder fehlerhafte Texte werden von der Wikipedia-Gemeinde schnell korrigiert oder entfernt.[9] Geht es um strittige Themen, entfacht sich oft ein Streit um bestimmte Artikel. Verschiedene Meinungen prallen aufeinander und es wird so lange formuliert, bis am Ende das pure Faktenwissen überlebt.[10] Da die Texte online sind, ist Wikipedia zudem äußerst aktuell, wie es bereits sein Name andeutet (das Wort „wiki“ kommt aus dem hawaiianischem und bedeutet „schnell“). Dabei können die Texte und Bilder von Wikipedia von jedermann frei genutzt werden.[11] Unterdessen ist Wikipedia auch zu einer ernsthaften Konkurrenz für die bisher am Markt bekannten Enzyklopädien wie Brockhaus oder Microsoft Encarta geworden. Gemessen an der Menge verfügbarer Artikel können die kommerziellen Anbieter bereits nicht mehr mithalten. Verglichen mit knapp einer Million Einträgen der englischsprachigen Wikipedia, erscheint selbst die Encyclopaedia Britannica mit etwa 65.000 Artikeln klein.[12] Selbst die Qualität der Inhalte der beiden Enzyklopädien ist nach einer Studie des Wissenschaftsjournals Nature gleichzusetzen.[13]


[1] Vgl. http://en.wikipedia.org/wiki/Wiki (Stand: 03.03.2006).
[2] Vgl. http://www.c2.com/cgi/wiki?WardCunningham (Stand: 03.03.2006).
[3] Ebd.
[4] Vgl. Joe 2005.
[5] Vgl. Swisher 2004, S. B1.
[6] Vgl. http://www.wikipedia.com (Stand: 12.09.2005).
[7] Vgl. Greifeneder 2004.
[8] Dworschak 2004.
[9] Vgl. Porrmann 2004.
[10] Vgl. Dworschak 2004.
[11] Vgl. N.n. 2002 (a).
[12] Vgl. http://corporate.britannica.com/library/print/eb.html (Stand: 18.01.2006).
[13] Vgl. N.n. 2005 (o).

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