Interview mit Timelord

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von der Gruppe TRSI (Tristar & Red Sector Incorporated)

Timelord ist ein Scener, der der Scene bereits in der Anfangszeit beigetreten ist. Er war jahrelang in der illegalen Sektion der legendären Gruppe TRSI tätig. Hin und wieder trifft man ihn auf Scene-Veranstaltungen, wo er sich der alten Zeiten wegen blicken lässt.

Wir hatten das Glück, ihn zufällig auf der Computermesse 97 in Köln zu treffen und nutzten dieses Wiedersehen für ein Interview.

Autoren: Würdest du uns von den Anfängen der Scene erzählen?
Timelord: Das fing in den 80ern an, als die Scene in dieser Form noch gar nicht existierte. Man traf sich in der Innenstadt, meistens in Geschäften, hat sich mit ein paar Leuten unterhalten, auch mit denjenigen, die dort arbeiteten. Dann hat man angefangen Software zu tauschen, weil die damals noch so wahnsinnig teuer war. Um die 100 Mark. Und so ist man da eben reingeklettert.

Wie lief der Tausch mit der Software ab? Ist es damals einfacher gewesen als heutzutage?
Am Anfang schon. Da konnte man in den Zeitschriften noch annoncieren: „Suche Software“ und ähnliches. Da gab es noch keinen Gravenreuth. Zum Teil hat man die Leute auch persönlich kennengelernt. Zu einigen habe ich auch jetzt, nach zwanzig Jahren, noch Kontakt.

Wie hat sich die Scene überhaupt entwickelt? Wie kam es dazu, dass sich die Leute organisiert haben?
Die Softwarefirmen haben damals für Software viel zu hohe Preise verlangt. Und es gab nur ein paar Ausnahmen, wie Brotherbund, die dafür auch Qualität lieferten. Die meisten Firmen haben im Grunde Crap für sehr teures Geld verkauft. Und deshalb etablierte es sich, dass die Scene die Sachen crackte und weiterverteilte.

In welcher Beziehung hast du damals zur Scene gestanden? Hast du auch Software gecrackt?
Damals haben wir im Kleinen gecrackt, es ging ja noch alles viel, viel einfacher. Da hat man Speed-OS gehabt, hat dann ganz dezent auf den Tasten rumgehauen und die Einsprungadressen in den 64er-Games gesucht. Nachher nutzten die Lamer Freezeframe und wie der ganze Kram hieß, damit konnte jedes Würstchen cracken. Aber die alte Garde hat da immer noch mit Esmon gearbeitet, den im Höchstfall vielleicht auf ein Modul gebrannt, Reset gedrückt und im Speicher rumgewühlt. Dann lief der Kram, und der wurde natürlich auch getauscht.

Wie war die Scene damals organisiert, wie hat man sich abgesprochen?
Absprache … das war zu der Zeit, wo die Modems noch Akustikkoppler hießen und 300 Baud hatten. Da ging’s ganz normal über Telefon. Oder man hat eben feste Zeiten vereinbart. Also ich habe mich zum Beispiel mit ein paar Leuten immer samstags in der City getroffen. Dort haben wir die Sachen kopiert und getauscht.

Hattet ihr Leute, die in eurer Gruppe waren und gleichzeitig bei einer Softwarefirma arbeiteten?
Ja, selbstverständlich. Selbst heute in der Scene gibt es noch genügend Scener, die in Softwarefirmen und in Softwarevertrieben arbeiten oder selbst Geschäfte haben und Programme cracken, um sie zu vertreiben.

Einige Mitarbeiter von Softwarefirmen cracken also selbst?
Ja, sicher. In der Scene geht ein glaubhaftes Gerücht um, nachdem eine Softwarefirma mit der Scene zusammengearbeitet haben soll. Es hat ein paar scene-interne Sachen gegeben damals. Auch Absprachen, dass Gelder gezahlt worden sind, damit eine bestimmte Gruppe ein Spiel nicht crackt.

Kannst du uns da einige konkrete Beispiele nennen?
Es gibt eine ehemalige Scene Group, die sich jetzt „Factor 5“ nennt. Ein paar von den Leute hießen damals in der Scene „The Light Circle“ und stammten aus Köln. Es gab Absprachen, Sachen erst nach einem bestimmten Termin zu cracken. Die haben es dann auch ungecrackt der Scene zur Verfügung gestellt, und so ist es dann trotzdem verbreitet worden.

Die Cracking Group hat sich doch dadurch auch einen schlechten Namen gemacht, oder? Schließlich bemüht sich jede Cracking Group um einen guten Namen. Versuchen dann nicht die anderen Gruppen in der Scene, diese Gruppe zu ruinieren?
Das hat es zu der Zeit, in der ich aktiv war, mehrfach gegeben, siehe TRSI und Alpha Flight – der ewige Krieg. Das ist klar.
Aber die besten Cracker sind zu Gruppen gegangen, die auch dafür zahlten oder sonstwie Vergünstigungen anboten. Und die haben sich zum Teil dann eben übel bekriegt.

Wie laufen solche Kriege ab?
Also, das ging damals los mit Hetzbriefen, bevor es die
FILE_ID.DIZ gab, da wurden dann Textfiles geadded, mit Bekanntgabe von Namen und Adressen und sonstigem, aber das waren Kinkerlitzchen.
Was darüber hinaus noch alles passiert ist, dazu will ich lieber nichts Genaueres sagen.

Kannst du von Konflikten mit der Polizei in der damaligen Zeit erzählen? Unangenehmes oder vielleicht sogar Lustiges?
Es gab da einen guten Freund von mir. Ich war bei ihm zu Besuch. Er war noch nicht zu Hause, weil er noch arbeiten war und Überstunden machte. Ich hab auf ihn gewartet, ich kannte auch seine Familie. Auf einmal kam sein Vater zu mir rein und zeigte mir ein Din-A4-Blatt und meinte: „Sag mal was dazu.“ Es handelte sich um einen Hausdurchsuchungsbefehl. Ein paar grüne Männlein rannten mit zwei Typen in Zivil ums Haus. Ein ganz normales Einfamilienhaus. Mein Freund, der gebustet wurde, war Phantom von BAT und hatte sein eigenes abschließbares Zimmer im Keller. Die haben ein Brimborium gemacht, dass der Schlüssel besorgt werden sollte, um die Tür aufzumachen. In der Zwischenzeit bin ich kurz zum Nachbarn rübergegangen, da die Polizei sich nicht für mich interessierte. Von da aus habe ich Phantom angerufen. Der ging dann von außen ins Board rein. Er hat das Board formatiert soweit es ging. Bis die Polizei die Türe geöffnet hatte, war das Board unbrauchbar geworden. Das wusste die Polizei aber nicht. Die sind dann unten wie wild rumgelaufen, bis einer der Polizisten eine 51/4-Zoll-Diskette auspackte und sie seinem Kollegen unter die Nase hielt und todernst meinte: „Danach suchen wir.“
Das war superwitzig, man bemerke, das war Anfang der 90er und da suchten die nach 51/4-Zoll-Disketten! Da aber zu dem Zeitpunkt 51/4-Zoll-Disketten noch billiger als 31/2er-Scheiben waren, hatte mein Kumpel trotzdem sehr viele davon.
Die haben sie dann alle eingesammelt, das Board aber haben sie stehen gelassen. Darüberhinaus lagen da noch sechshundert bis achthundert 31/2-Zoll-Disketten mit Warez im Schrank. Die haben sie auch nicht angerührt. Und oben im Zimmer, wo ich schon mal übernachtete, stand mein Super-Nintendo und ein paar hundert schwarzkopierte Spiele, die sie auch übersehen haben.
Endeffekt war, Günni hat ihm eine Unterlassungsklage reingedrückt, und er musste 4.000 Mark bezahlen, damit war die Sache gegessen.

4.000 Mark? Gerüchten zufolge müsste es sich doch um viel mehr handeln? Warum einigt man sich dann auf eine so geringe Summe?
In Deutschland muss bewiesen werden, was im Endeffekt schwarzkopiert worden ist. Und da in diesem Falle die Beweismittel eher mager waren, kamen halt 4.000 Mark raus und eine Unterlassungsklage.

Wir haben von Deals zwischen Anwälten und Computerbenutzern gehört, kannst du uns auch davon erzählen?
Es gibt einige Sachen, die da gelaufen sind. Zum Beispiel Gravenreuth, der hat auch ein paar Deals gemacht, über die ich Bescheid weiß. Da haben Leute andere verpfiffen, damit sie nicht selbst vor Gericht kommen. Das ist mehrfach vorgekommen.


Anhang

Interview mit einem Phreaker
Interview mit Timelord
Interview mit sTEELER
Interview mit Uwe Fürstenberg (Software 2000)