Wenn die Scene feiert

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Mekka Symposium Demoparty 1999

Die Mekka & Symposium Party findet jährlich in Fallingbostel statt und gehört zu den größten deutschen Scene Parties

Einmal im Jahr wird wechselweise einer der drei kleinen Orte Aars, Fredericia oder Herning in Dänemark für jeden Scener, legal oder illegal, zum Mittelpunkt der Welt. Zwischen Weihnachten und Silvester findet dort das größte Scenetreffen der Welt statt. Tausende von Hackern, Phreakern, Tradern, Codern, Grafikern und Musikern reisen oft um den halben Globus, um an diesem Ereignis teilzunehmen.

Dieses gigantische Treffen, in der Scene als “The Party” bekannt, ist ein organisatorischer Geniestreich. Dabei sind die meisten Organisatoren der Party kaum älter als 23. Presse und Fernsehen sind häufig anwesend, um das Ereignis zu dokumentieren. Auch Verantwortliche führender Softwareunternehmen kommen auf diese Party und nutzen die Gelegenheit, neue Talente anzuwerben. Mehr Informationen über “The Party” sind jährlich zwischen November und Januar zu finden unter der Homepage:

theparty.dk

Derartige Parties finden meist in riesigen Hallen statt. Für “The Party” in Dänemark werden schon seit Jahren Messehallen angemietet, um die enormen Menschenmassen fassen zu können.

Scener erscheinen ständig auf irgendwelchen kleineren oder mittelgroßen Parties in ganz Europa, um ihren Bekanntheitsgrad zu sichern. Doch das wäre wohl kaum Grund genug für ein Scener, eine stundenlange Reise auf sich zu nehmen. Im Mittelpunkt steht immer der Spaß an der Sache: Scener treffen, alte Gesichter wiedersehen, neue Freundschaften schließen und vor allen Dingen die Arbeit der anderen bewundern.

Da die meisten Scener Autodidakten sind, nutzen viele diese Gelegenheit, um sich neues Wissen anzueignen. Häufig steht man vor technischen Problemen, die man selbst nicht lösen kann. Hier steht der Austausch mit anderen Scenern an erster Stelle.

Für einen Außenstehenden mag die Vorstellung, bei einer Party anwesend zu sein, auf der nur Computerfreaks herumgeistern und sich in hermetischer, fast wissenschaftlich erscheinender Sprache über abstruse Themen der Computerwelt unterhalten, dem Effekt einer Valiumtablette gleichkommen. Ganz so ist dem aber nicht. Die verbreitete Vorstellung, dass auf einer solchen Veranstaltung nur Menschen mit Hornbrille und Pickeln umhergeistern, trifft nicht zu. Ebenso falsch wäre es allerdings, das Gegenteil zu behaupten. Den durchschnittlichen Scener kann man nun mal nicht ermitteln. Man trifft Menschen, von denen man nicht einmal denken würde, dass sie der Programmierung eines Videorekorders mächtig seien. Und nicht selten sind es genau diese, die die Computerelite darstellen. Die Bandbreite reicht von Punker bis Papa, von scheinbar normal bis total übergeschnappt, von jung bis alt. Es ist einfach alles vertreten, was das bunte Leben zu bieten hat. Toleranz wird in der legalen Scene nicht nur mit großen Lettern geschrieben.

Günther Freiherr von Gravenreuth

von Gravenreuth auf der Scenetreffen “Cologne Conference Party” in 1999 beim berühmten Gravenreuth-Dartspiel: Die Zielscheibe ist sein eigenes Konterfeit.

Auf vielen Parties im deutschen Raum kann man sogar den bekannten und berüchtigten Rechtsanwalt Günter von Gravenreuth, dem Scenefeind Nummer Eins, antreffen. Was auch immer seine Motivation ist, eine Sceneparty zu besuchen, sei sie beruflicher Natur oder rein privat: selbst er ist willkommen, wie ein Mitglied der Familie. So kommt es nicht selten vor, dass Jäger und Wild zusammen an einem Tisch sitzen und sich gegenseitig zuprosten. Auf einer Sceneparty hat jeder freies Geleit. Irgendwie macht er es selbst den illegalen Scenern, die das Glück hatten, ihm noch nicht auf beruflicher Ebene zu begegnen, schwer, ihn nicht zu mögen. Denn wer von Gravenreuth schon einmal auf einer Party erlebt hat, kann bezeugen, dass er für jeden Spaß zu haben ist. Es ist fast so, als hätte er keine anderen Freunde auf dieser Welt. Auf der “Rainbow Party” in Aachen beispielsweise ließ er sich zu einer Runde Fußball überreden und dribbelte seine Kontrahenten gekonnt aus. Es ist wohl seine unermüdliche Art sich immer zwischen junge Scener zu mischen, die ihm in einer Ausgabe des Magazins “Amiga Joker” den Titel “Partylöwe” einbrachte. Seine Aufkleber mit der Aufschrift “Don’t spread illegal copies, Gravenreuth is watching you!” (zu Deutsch: Bring keine illegalen Kopien in Umlauf, Gravenreuth sieht Dich!) werden mittlerweile hoch gehandelt.

Von Gravenreuth, von der Scene oft auch Günni genannt und in den NFO Files mit GvG abgekürzt, gehört zumindest in der deutschen Scene fast schon zum Inventar. Auf der “Coma Party” liefen ihm einige wild gewordene Scener hinterher, um sich ein Autogramm auf ihr Mousepad geben zu lassen.

Wie vielfältig das Spektrum an Besuchern auch ist, man muss wohl ein wenig verrückt sein, um sich diesem Haufen anzuschließen. Was geht im Kopf eines Coders vor, der zwei Tage und Nächte auf seinen Computer eingetippt hat, um dann zu sehen, dass nichts so läuft, wie er es sich vorgestellt hat? Oft sieht man Leute, die den Abdruck ihrer Tastatur im Gesicht haben, weil sie vor lauter Schlafentzug erschöpft auf ihrem Rechner zusammengebrochen sind.

Neben der Riesenmenge an Computern, die von den Besuchern zu einem Partyplatz mitgeschleppt werden, finden sich noch allerhand andere Gerätschaften, die man zum täglichen Überleben braucht. Auf größeren Parties mit über 2.000 Besuchern sind Kühlschränke, Elektroherde und Fernseher keine Seltenheit. Hin und wieder kommt es dann auch zu Streitigkeiten, weil zum Beispiel Mikrowellen als Störsender die Funktion von Monitoren beeinträchtigen. Platzprobleme lassen andere zu wahrhaftigen Zirkusakrobaten werden. Eine Mikrowelle, die halsbrecherisch über einem Monitor schwankt und eine Pizza nach der anderen ausspuckt, interessiert den am Computer sitzenden Coder nur wenig. Er ist nur darauf bedacht, dass, falls die Mikrowelle herunterfallen sollte, seine Tastatur keinen Schaden nimmt. Deshalb bastelte er sich ein Mikrowellen-Fall-Frühwarnsystem, das aus einer Schnur und einer Kuhglocke besteht, die an der Mikrowelle und am Fernseher des Nachbartisches befestigt ist. Wenn die Mikrowelle nun langsam nach vorne wegrutschen sollte, bimmelt die Glocke, und der Coder hat noch genügend Zeit, die bevorstehende Katastrophe abzuwenden. Es bleibt ein Rätsel, wer auf die Idee kam, eine Kuhglocke mit auf die Party zu nehmen.
Jeder will auf einer Party gegen alle erdenklichen Fälle gewappnet sein, und so nimmt man einfach alles mit, was irgendwie brauchbar ist. Und wenn man etwas nicht braucht, nimmt man es trotzdem mit, um die anderen Besucher zum Lachen und Staunen zu bringen. Jeder inszeniert sich selbst, je verrückter, desto besser. Denn verrückt ist lustig, und Spaß wollen alle haben. Wer einmal in seinem Leben eine Sceneparty miterlebt hat, wird dieses Erlebnis in Erinnerung behalten und den Sinn dieser Veranstaltungen besser verstehen. Wie bei vielen Dingen im Leben ist es schwer zu erläutern, worin der Reiz einer Sceneparty besteht.

Parties finden in der Regel über einen Zeitraum von mehreren Tagen statt, was auch nötig ist. Die Vielfalt des Programms auf einer solchen Party ist so groß, dass man sich kaum traut zu schlafen, um bloß nichts zu verpassen. Das Angebot geht von Tanzeinlagen auf der Bühne bis hin zu Sportturnieren wie Modem-Weitwurf oder Computer-Fußball auf dem Vorplatz des Partygeländes. Die Organisatoren der Parties lassen sich immer wieder etwas Neues einfallen, um ihre Party zu einem unvergesslichen Event zu machen. So gibt es immer wieder verrückte Wettbewerbe, wie zum Beispiel den “Computer-Zerstör-Wett-bewerb”, der auf der “Saturne Party” in Paris viele Scener wie gewalttätige Monster aussehen ließ. Es gab einen völlig verrückten Typen, der mit einem Schwert, das er von zu Hause mitgebracht hatte, solange auf einen Computer einschlug, bis es in zwei Teile brach. Ess- und Trink-Wettbewerbe erfreuen sich auch immer wieder neuer Beliebtheit. Es ist ein verrückter Anblick, jemandem dabei zuzusehen, wie er eine 1,5-Literflasche Cola in nur 20 Sekunden leertrinkt.

Mat of Ozone

Mat von der Gruppe “Ozone” benutzt für seinen Computer seit Jahren kein Gehäuse, da ihm das ständige Auf- und Zuschrauben zu lästig wurde.

Doch der wichtigste Wettbewerb einer Party ist und bleibt mit dem Computer verbunden und ist oft in drei Grundwettbewerbe gesplittet: Demo, Grafik und Musik. Hier kann jeder sein Können beweisen. Demos und Grafiken werden auf eine riesige Leinwand projiziert. Musik wird abgespielt und später von einem Jurorenteam oder von den Besuchern bewertet. Den Gewinnern winken Geld- oder Hardwarepreise, die sich durchaus sehen lassen können. Sie schwanken zwischen umgerechnet 100 und 5.000 Mark. Die Höchstsumme, die bei der Prämierung der besten Demo auf einer Veranstaltung je ausgesetzt war, belief sich auf 50.000 Mark.

Doch dies ist nicht der größte Ansporn, an einem Wettbewerb teilzunehmen. Wie bei den olympischen Spielen gilt hier eher: “Dabeisein ist alles” Hinzu kommt noch, dass es schon ein angenehmes Gefühl ist, wenn die eigene Produktion von über tausend Experten mit tosendem Applaus bejubelt wird. Die Mitarbeiter von Demos werden wie Stars umringt und regelrecht gefeiert. Eine bessere Motivation, um ein neues Projekt in Angriff zu nehmen, gibt es nicht. Neben diesen drei Grundwettbewerben tauchen immer neue Wettbewerbe auf, die sich zu festen Bestandteilen einer Party entwickeln. Einer, der mittlerweile zum festen Programm jeder Party geworden ist, ist die “Wild Competition”, in der jeder das machen kann, was er will. Wenn jemandem danach ist, auf die Bühne zu steigen und laut zu singen, dann darf er das im Rahmen der Wild Competition tun. Es ist einfach alles erlaubt, was lustig, verrückt oder einfach nur “wild” ist. Natürlich gibt es auch kreative Beiträge. Beliebt sind Kurzfilme und alles rund um das Medium Video.

Parties sind nicht nur ein wesentlicher Teil der legalen Scene, sie sind auch für viele illegale Softwarepiraten, ein Ort, an dem sie neue Beziehungen knüpfen.


6. Hauptsache Spaß

Vom Cracker zum Coder
Demos: Die elektronische Kunst
Wenn die Scene feiert


7. In Kontakt mit der Szene

“Eine Bande von Chaoten”
Internet als Treffpunkt