Buster

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Wie jedes Jahr war ich zur Computermesse nach Köln gekommen, um alte Freunde aus der Szene zu treffen. ich wanderte durch die Messehallen und hielt Ausschau nach bekannten Gesichtern. Früher hatte mich dabei immer

eine gewisse Vorfreude begleitet, diesmal war es anders. Ich war unzufrieden mit mir selbst. In letzter Zeit hatte ich ein paar herbe Enttäuschungen wegstecken müssen und begann allmählich dem ewigen Vorwurf meiner Eltern, dass ich mir mein Leben durch den Computer versauen würde, Glauben zu schenken. Aufgrund meiner Computersucht, der ich mir mittlerweile selbst bewusst war, und den daraus resultierenden schwachen Leistungen an der Uni, waren meine Zukunftsperspektiven alles andere als rosig. An einen Abschluss meines Informatikstudiums war nicht zu denken. Irgendwie verachtete ich die Szene. Ich machte sie insgeheim mitverantwortlich dafür, dass ich nicht vorwärts kam. Ein Streit mit meinem besten Freund Florian, mit dem ich meinen Fanatismus für Computer teilte, machte die Situation nicht eben einfacher. Ich wusste nicht einmal mehr, wer diesen Streit vom Zaun gebrochen hatte. Wir hatten uns gegenseitig vorgeworfen, nichtsauf die Beine gestellt zu bekommen. Anscheinend war das für uns beide ein wunder Punkt. Zwar machte mich meine langjährige Zugehörigkeit zur Szene zu einem Teil der sogenannten “Elite”, aber Florian meinte, ich solle mir deswegen bloß nichts vormachen. Ständig musste ich mir auch von anderen anhören, dass die Erfahrung, die ich im Laufe der vielen Jahre in der Szene gesammelt hatte, in der freien Marktwirtschaft gegen ein abgeschlossenes Informatikstudium nur wenig wog. Sämtliche Versuche, mit unterschiedlichen Szenemitgliedern eine Computerfirma zu gründen, blieben schon im Ansatz stecken. Ich konnte tun und lassen, was ich wollte, irgendwie kam ich auf keinen grünen Zweig.
Das Seminar von Günni, einem bekannten Rechtsanwalt in Sachen Computerrecht, der immer wieder durch seine umstrittenen Methoden für Schlagzeilen sorgte, sollte um 16:00 Uhr in einem Seminarraum am Rande der Messe stattfinden. Obwohl ich zwanzig Minuten früher eintraf, waren bereits alle zweihundert Plätze fast ausschließlich von Scenern besetzt. Viele Szenemitglieder hatten schon einmal Ärger mit dem Gesetz und damit auch mit Günni gehabt. Trotzdem konnte ihn keiner von uns so richtig hassen. Ich wusste nicht recht, woraus diese Hassliebe resultierte. Vielleicht lag es an seiner freundlichen und scheinbar hilfsbereiten Art. Zwar war das für mich nicht nachvollziehbar, aber von einer gewissen Faszination konnte auch ich mich nicht ganz freisprechen.
Aufgrund des hohen Lärmpegels hätte man meinen können, der aus allen Nähten platzende Raum wäre von einer Horde aufgebrachter Demonstranten besetzt worden. Man konnte das Grölen und Brüllen durch alle Ausstellungshallen der Computermesse hören. Ein paar Szenemitglieder hatten sich barfuß oder in zerfetzten Klamotten unter grimmig schauende Geschäftsleute und seriöse Journalisten gemischt. Andere trugen Gesichtsbemalungen, Gas- oder Totenkopfmasken und besudelten ihre ohnehin schon verdreckten T-Shirts zusätzlich mit Dosenbier. Früher hatte ich für dieses computeranarchistische Verhalten Sympathie empfunden. Mittlerweile erschien es mir nur noch albern und pubertär. “Versager”, dachte ich mir und zählte mich insgeheim selbst dazu. Ich zwängte mich durch die nach Alkohol und Schweiß stinkende Menge und fand den Sitzplatz, der von Mitgliedern meiner Gruppe für mich freigehalten worden war. Die Sicht ließ ein wenig zu wünschen übrig. Ein zwei Meter großer Taugenichts saß mit einem piepsenden Gerät in der Hand genau vor mir. Auf dem Gerät klebte das Siegel der deutschen Post, über das er irgendetwas mit Filzstift gemalt hatte. Als ich auf das untalentierte Gekritzel deutete und fragte, was das darstellen solle, antwortete er prompt:
“Bluebox! Das Gehäuse habe ich mal einem Typen auf einer Party abgekauft. Das Ding stammt wohl aus den ersten Phreaker-Zeiten. Ich hab es nachträglich mit einem C64-Soundchip aufgerüstet und selbst layoutet. Das Ding hat über hundert Standard-Frequenzen gespeichert. Damit kannst du fast alle analogen Lines braken, die keine Filter haben. Du kannst auch selbst die Frequenzen composen und abspeichern.”
Müde lächelnd zog ich die Augenbrauen hoch. Anscheinend hatte der völlig verblödete Phreaker meine Frage falsch verstanden. “Ich meine das da!”, wiederholte ich, mit beiden Zeigefingern auf das Gekritzel deutend.
“Totenkopf”, murmelte er.
“Klasse!”, nickte ich. Ein Picasso war nun wirklich nicht an ihm verloren gegangen, doch das brauchte ihn nicht weiter zu beunruhigen. Sein Talent lag wohl eher auf anderen Gebieten als der bildenden Kunst. Mit einem hastigen “Es geht los!” wandte er sich von mir ab. Es kam mir vor, als hätte sich der Lärmpegel von einem Moment zum nächsten verdoppelt. Günni harte sich an das Rednerpult begeben. Er begrüßte sein Publikum und begann sofort irgendwelche Geschichten zu erzählen. Er liebte es, im Mittelpunkt zu stehen. Die Menge, die ihn umzingelt hatte, entsprach anscheinend genau seinen Vorstellungen von Publicity. Ich redete mir ein, mich nicht dafür zu interessieren. Er erzählte stolz, wie er eine private Board namens “Rainbow BBS” aufgrund einer Namensverwechslung mit einer gleichnamigen Softwarefirma erfolgreich abmahnen konnte. Jedes Jahr dieselben Geschichten. Allmählich begann mich die Begeisterung der Leute für ihn anzukotzen. Seine Ausführungen wurden bei jedem zweiten Satz von lautem Gelächter begleitet. Zusammengeknüllte Werbebroschüren, CDs und Merchandising-Artikel flogen als Ersatz für faule Tomaten durch den Seminarraum. Zwar trafen sie nicht unbedingt immer die Person, der sie galten, dafür prasselten sie dem einen oder anderen Journalisten in kurzen Intervallen auf den Kopf. Günnis versteinertes Grinsen verschwand nicht für eine Sekunde aus seinem Gesicht. Er erzählte und erzählte. Er hätte wahrscheinlich auch noch weitererzählt, wenn direkt neben seinem Rednerpult eine Bombe explodiert wäre. Als er den Namen “Kimble” erwähnte, ging ein lautes Raunen durch den Saal. Die Szene warf Kimble vor, sie verraten zu haben. Nachdem die Polizei ihn erwischt hatte, hatte er Namen und Adressen verschiedener Szenemitglieder in hohen Positionen preisgegeben, um seinen Kopf aus der Schlinge zu ziehen. “Gut gelöst”, dachte ich und war mir sicher, dass ich in einem solchen Fall genauso gehandelt hätte. Im Gegensatz zu den Computeranarchisten um mich herum hatte dieser fette Kimble immerhin genug auf seinem Konto, um jeden, der ihm Verrat vorwarf, auszulachen. Letzten Endes dreht es sich sowieso nur ums Geld.
Nach Günnis Rede stürmte eine Meute von Szenemitgliedern auf ihn zu und bombardierte ihn mit Fragen und Aufklebern ihrer Groups. Irgendein Typ schaffte es, in dem Chaos unbemerkt Günnis Rücken mit einem Edding zu bepinseln. Die Menge war entfesselt. Für einen kurzen Moment blickte mich Günni mit einem freundlichen Lächeln an. Er kannte mich, so wie er nahezu jedes Szenemitglied kannte. Ich war mir jedoch nicht sicher, warum er sich gerade mein Gesicht eingeprägt hatte. Bestimmt nicht weil er wusste, dass ich illegal agierte, denn das taten die meisten von uns. Es musste etwas anderes sein. Unterschriften auf Mousepads, CDs, Gesichter und selbst auf fette Bierbäuche verteilend, kämpfte er sich, noch immer grinsend, den Weg frei. Mit einer halben Stunde Verspätung überließ er dem nächsten Redner das völlig zugemüllte Pult. Ich gab mir einen Ruck und schnappte mir auch ein Stück von Günni: seine Visitenkarte.

Der Einstieg

Als ich den Computer ausschaltete, holte mich meine innere Unruhe wieder ein. Ich schaute auf die Uhr und sah, dass ich eigentlich schon vor Stunden den Ausschalter des Rechners hätte finden sollen.
Meine Leistungen im Studium litten mehr denn je unter meiner Sucht. Dennoch verspürte ich keinerlei Lust, das Defizit aufzuholen. Ganz andere Dinge dominierten meine Gedanken. In einer knappen halben Stunde würde meine Vorlesung beginnen. Trotzdem entschied ich, mich nicht darum zu kümmern, und blickte übermüdet in meinem Zimmer umher. Die Wäsche stapelte sich seit Wochen auf der Kommode. Bücher und Computerteile lagen kreuz und quer auf dem Boden verstreut und bildeten nicht ungefährliche Stolperfallen. Neben dem bekannten Aufkleber “Don’t spread illegal copies, Günni is watching you” dem ich einen Ehrenplatz an meiner Wand vermacht hatte, war nun auch die Visitenkarte des Anwalts angebracht. Ich versuchte mir ein klareres Bild von dem Menschen zu machen, der eigentlich mein Feind war und trotzdem solch eine faszinierende Ausstrahlung hatte. Ich musste an einige Freunde denken, die in ihrem Leben nichts anderes kannten, als die Szene. So wie ich bis vor kurzem. Mit vielen von ihnen hatte ich mich in letzter Zeit hoffnungslos zerstritten. Mir wurde immer klarer, dass ich trotz der endlos langen Zeit in der Szene keinen Platz mehr in ihr hatte. Ich durfte nicht auch so enden, redete ich mir ein.
Ich griff zum Telefon und wählte die Nummer des Anwalts. Eine Sekretärin nahm an und fragte mich nach der Aktennummer. Als ich ihr und auch mir selbst zu erklären versuchte, aus welchem Grund ich anrief, wurde ich sofort mit Günni verbunden. Schon vor der Messe hatte ich sein Interesse an meiner Person bemerkt. Auch auf Parties und anderen Veranstaltungen hatte er mich mit diesem vertrauten Blick angelächelt. Was dieser Blick zu bedeuten hatte, sollte sich in den nächsten Sekunden herausstellen.
“Guten Tag”, sagte ich. “Um gleich auf den Punkt zu kommen, Ich wollte Sie fragen, ob Sie an Nummern von gewissen Boards interessiert sind.
Meine Gelassenheit erschreckte mich. Immerhin hatte ich allein schon mir diesem Anruf den Szenecodex gebrochen. Günni atmete kurz, fast schon asthmatisch ein und aus. “Ja! “, gab er trocken von sich.
Meine Coolness verwandelte sich in Sprachlosigkeit. Eine so direkte und deutliche Antwort hatte ich nicht erwartet. Mein Zögern weitete sich zu einer peinlichen Pause aus, “Flucht nach vorn”, schoss es mir durch den Kopf.
“Nun, ich habe hier einige Nummern. Sie wissen schon. Gewisse Boards und Boards, die Warez anbieten.”
“Über Beträge kann ich mit Ihnen natürlich nicht jetzt am Telefon reden”, unterbrach er mich. Er harte derartige Gespräche schon zu oft geführt, als sich in unnötiges Geschwätz verwickeln zu lassen. Er fuhr fort: “Das müssten wir schon persönlich regeln. Das beste wäre, natürlich nur wenn es Ihnen nichts ausmacht, wir treffen uns in einem Café. Ich bin oft unterwegs und komme viel herum. Darf ich fragen, woher Sie anrufen?”
“Hamburg!”
“Also ich hin in den nächsten Wochen wieder in Hamburg, da komme ich oft vorbei, dann könnten wir uns kurz treffen. Kennen Sie ein gutes Café?”
Ich erklärte ihm, dass dies etwas schwierig sei: Immerhin kannte man mich in der Stadt. Nicht auszudenken, wenn mich ein Szenemitglied mit ihm in einem Lokal bei einem Bier sitzen sehen würde.
Günni lachte kurz auf und sagte: “Das verstehe ich natürlich. Also, da ich erst in zwei Wochen wieder in Hamburg bin, schlage ich vor, dass Sie bis dahin schauen, wo man sich treffen könnte, und rufen mich dann wieder an. Was glauben Sie, wie viele Boards Sie haben?”
Ich überschlug die Zahl im Kopf, meine Finger reichten nicht aus.
“Ich habe einige. Ich könnte Ihnen, sagen wir, zwanzig Boards nennen, die randvoll mit Warez sind, ich bin schon lange in der Szene und kenne mich bestens aus.”
“Das glaube ich Ihnen”, erwiderte er und fuhr fort: “Also in zwei Wochen können wir uns treffen. Ich schlage vor, Sie rufen mich bis dahin wegen des Treffpunktes an. Gut wäre es, wenn Sie ein Capture von einigen Boards mitbringen könnten.”
Ich willigte ein. Günni gab mir noch die Nummer seines Mobiltelefons und hängte mit einem knappen “Danke” ein. Das Gespräch hatte nicht länger als zwei Minuten gedauert. Dass er mir sogar seine Mobilnummer anvertraute, wusste ich nicht einzuordnen. Ich wusste nicht, ob es Vertrauen, Instinkt oder Routine war.

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