The Party

Der einzige Grund, warum in der ödesten Pampa Dänemarks die Bürgersteige nach 19 Uhr nicht hochgeklappt werden, ist der, dass es keine gibt. Hauptbahnhof Fredericia war erst einmal Endstation für mich und Brötchen, der bereits anfing, es sich auf der kalten Metallbank gemütlich zu machen. Meine Partylaune sank unter den Gefrierpunkt.

„Du willst doch nicht etwa zehn Stunden hier rumhocken?“, fuhr ich ihn an.

„Was sonst?“, erwiderte er. „Fährt halt kein anderer Zug.“

Er hatte natürlich recht. Es fiel mir jedoch schwer, mich mit dieser Situation abzufinden. Noch nie war ich für eine Szeneparty so weit gereist, und gerade darum ärgerte es mich, dass nun trotz unserer ausführlichen Planung alles schief ging. Ich setzte mich zu ihm und steckte mir eine Zigarette an, um mein Hungergefühl zu unterdrücken. Wir hatten zwar genügend Proviant, doch der Gedanke an zerquetschtes Toastbrot mit gekochtem Hinterschinken beflügelte meinen Appetit nur wenig.
Ich bin supermüde“, murmelte Brötchen, während er versuchte, eine geeignete Unterlage für seinen Kopf zu finden. „Wir können ja unsere Schlafsäcke auspacken und auf dem Boden schlafen“, gab ich achselzuckend zurück.

Brötchen deutete wortlos auf einen Penner, der scheinbar leblos auf dem Boden lag, und machte deutlich, dass er sein Nachtlager nur ungern mit ihm teilen mochte. Der Schaffner, der uns die Hiobsbotschaft von dem um zehn Stunden verspäteten Zug nach Herning überbrachte, hatte uns angeboten, in einem Eisenbahnwagon zu übernachten, der, so versicherte er uns, seine Reise nicht vor Tagesanbruch fortsetzen würde. Er war wohl wie alle dänischen Bahnangestellten, die uns über den Weg liefen, Alkoholiker, denn kurz nachdem er diesen Satz ausgesprochen hatte, fuhr der Zug vor unseren Augen davon. Ich fragte mich, wo wir wohl gelandet wären, hätten wir sein gutgemeintes Angebot angenommen. Trotzdem wäre jeder andere Ort um Längen besser gewesen als dieser hier. Obwohl wir das Glück hatten, dass die Erbauer auf die groteske Idee gekommen waren, den am wenigsten genutzten Bahnhof Europas mit einer Wartehalle auszustatten, hatte niemand von den Architekten daran gedacht, das Gebäude ausreichend zu isolieren. Was den großen Nachteil hatte, dass dieser Unterschlupf bei Wind und Wetter keinen ausreichenden Schutz bot.

Mir war, als würde die Zeit rückwärts laufen. Uns wurde langsam klar, dass die nächsten neuneinhalb Stunden nur im Schlaf vorübergehen konnten.

„Lass uns auf den Boden legen, stammelte Brötchen übermüdet, und da mir von Minute zu Minute alles immer gleichgültiger wurde, wäre ich auch auf jeden anderen Vorschlag eingegangen. Wir rollten unsere Isomatten aus und krochen in die Schlafsäcke. Das lief nicht ganz problemlos ab, denn dabei stieß ich an eine Mülltonne und riss sie mit mir zu Boden. Geweckt durch den Lärm schreckte der Penner kurz auf, rieb sich die Augen und betrachtete uns eingehend. Nach einer Weile kniepte er uns zu und reiste dann mit lauten schmatzenden Geräuschen wieder ins Land der unzählbaren Bierflaschen.

„Wenigstens ist er nicht tot.“ Brötchen blickte mich unwohl lächelnd an.

„Welch ein Glück“, gab ich ironisch zurück und kuschelte mich neben die vielen kleinen Zigarettenkippen, die eine Versammlung rund um mein Nachtquartier abhielten. Nach dreißig mir endlos erscheinenden Minuten gewann ich den Kampf gegen Kaffee und Cola und schlief ein.

Pitsche patsche, irgendetwas war feucht hier. Meine Augen öffneten sich vorsichtig, und ich musste feststellen, dass es mich samt meinem Schlafsack über Nacht in den Skagerrak gespült hatte. Die vielen kleinen Zigarettenkippen, die nicht das Glück hatten, an meiner Wange kleben geblieben zu sein, schwammen um mich herum. Es musste wie aus Eimern geregnet haben, und die undichte Decke über meinem Kopf ersparte mir das sonst so dringende Bedürfnis nach einer kalten Dusche am Morgen.
„Gut geschlafen?“, begrüßte mich Brötchen, der schon vor mir wach geworden war und sich gerade die Zähne mit Cola putzte. „Prächtig, prächtig, eine gar wundervolle Nacht.“

Brötchen musterte meinen völlig durchnässten Schlafsack, den das Wetter kurzerhand in ein Planschbecken verwandelt hatte. Er schmunzelte kurz und putzte sich dann weiter die Zähne. Obwohl er ein Spinner war, zählte ich Brötchen zu meinen besten Freunden. In solchen Momenten fragte ich mich dann aber doch, was in seinem Kopf vorging. Diese Reise versprach äußerst verrückt zu werden.

Ich zupfte an meinen Shorts herum, die sich mittlerweile mit Wasser vollgesogen hatten. Nicht nur aus diesem Grund beschloss ich, mein Frühstück nicht im Bett einzunehmen und robbte aus meinem Schlafgemach. Das Ausmaß der Überschwemmung wurde jetzt erst deutlich. Mit der Kraft, die einem am Morgen zur Verfügung steht, begann ich meinen Schlafsack auszuwringen. Dann packte ich ihn in meine Tasche.

„Hunger?“ Brötchen hielt mir eine Packung mir zu Astronautenfutter komprimiertem Toastbrot hin. Obwohl mir an diesem Morgen nicht nach Fasten zumute war, lehnte ich dankend ab. Brötchen zuckte mir den Schultern und schnappte sich mit seinen von Cola und Zahnpasta beschmierten Händen die zwei Scheiben Hinterschinken, um sie sich schließlich mit großer Geste in den Mund zu schieben.

„Wie lang haben wir noch?“, fragte ich. Brötchen tippte auf seiner Digitaluhr herum.

„Ich glaube, die ist im Eimer“, gab er kauend zurück.

„Sicher?“, fragte ich.
„Denke schon.“ Brötchen versuchte mit seinem Pullover die Schmiere vom Uhren-Display zu wischen. „Denn wenn sie es doch tut, dann haben wir noch zwei Wochen und vier Stunden.“

Unser Abteil im Zug nach Herning war im Vergleich zur Bahnhofsvorhalle das reinste Erholungszentrum. Zwar war ein reklamationsfreies Sitzen auf den mit Kaugummi gepolsterten Sitzen nur bedingt möglich, doch schufen allein schon die nicht ganz so lebensfeindlichen Temperaturen, die in diesem Wagon herrschten, eine Atmosphäre, die der des Wohlbefindens sehr nahe kam. Ich positionierte mich gekonnt um die Kaugummis herum und lehnte meinen Kopf gegen die Fensterscheibe, mit der die Vibration des Zuges einen flotten Boogy Woogy tanzte. Obwohl ich etwas geschlafen hatte, fühlte sich mein Körper noch immer wie die zerquetschte Zahnpastatube an, die Brötchen gerade in seiner Toastbrotpackung entdeckte.

„Scheiße!“, fluchte er. „Den Toast können wir vergessen.“

„Schade, schade“, murmelte ich halb aus dem Bewusstsein scheidend. Ich hätte sowieso nichts aus Brötchens magischem Müllrucksack anrühren können. Essen war jetzt keine Option. Schlafen war mein primäres Ziel. Ein Kribbeln in meinem Gesicht verriet mir, dass ich auf dem richtigen Weg war. Das Rütteln des Zuges, das ich deutlich in meinen Kieferknochen spürte, half mir zusätzlich beim Entspannen. Ganz sachte schlummerte ich sanft und friedlich ein. Plötzlich sprang die Kabinentür auf und ein Mann in Bahn-Uniform platzte in unser Abteil. Mit seiner Kontrolleurszange, die er wie die Fackel der Freiheitsstatue in die Höhe reckte, klickerte er einige Male in der Luft herum und pustete uns seltsame Töne und Laute entgegen. Brötchen streckte ihm die Fahrkarten entgegen. „Do you want this?“, fragte er vorsichtig.

„Yas, yas“, erwiderte der Uniformierte und riss ihm die zerknüllten Papierfetzen aus der Hand. „Yu dreif tu Compjuter Parti?“, fragte er dann lächelnd.
Brötchen und ich nickten leicht überrascht.

„Yas, yas, ei can si it in yur eis“, sagte er und deutete mit dem Zeigefinger auf seinen Mundwinkel.

Ich hätte ihm gerne gesagt, dass ich eine Menge Alkohol in seinen Augen sehe. Die seltsame Erscheinung verschwand genau so plötzlich, wie sie gekommen war.

„Was war das?“, fragte Brötchen.

„Keine Ahnung“, gab ich zurück. „Ein wenig Nebel hätte die Sache jetzt aber erst richtig kurios gemacht.“

Brötchen blickte noch einmal durch die Glastür, um auf Nummer sicher zu gehen. Kopfschüttelnd schnalzte er seine Zunge gegen den Gaumen. „Hat sich einfach in Luft aufgelöst.“

Gerade als er im Begriff war, sich wieder zu setzen, erstarrte er. „Was … ist … das“, stammelte er wie in Trance.

Ein Blick durch die Scheibe verriet mir den Grund. Auf dem Gang stand eine junge Frau, nicht älter als zwanzig, die aussah wie eine Mischung aus Cleopatra, den Spice Girls und einer griechischen Göttin. Sie versuchte ihr Gesicht hinter ihren langen dunkelbraunen Haaren vor Brötchens lüsternen Blicken zu verbergen. Sie erschrak, als sich eine zweite Nase gegen das Glas presste. Brötchen und ich versuchten hektisch den Dunst unseres Atems von der Scheibe zu wischen, als es geschah: Sie lächelte mich verlegen an. Obwohl Brötchen später konsequent behauptete, sie habe ihn angelächelt, ließ ich es mir nicht nehmen zurückzulächeln. Ich war unter ihren Blicken wie eine Packung irische Markenbutter unter einem Flammenwerfer. Sie blickte noch einmal lächelnd in unsere Richtung und ging dann mit dem wohl elegantesten Hüftschwung der Geschichte zurück in ihr Abteil. Regungslos klebten Brötchen und ich mit unseren Gesichtern an der Scheibe.

Herning, der Platz, an dem sich die Szene trifft. Tausende von Computerfreaks aus allen Ländern des Erdballs pilgern jährlich zu diesem seltsamen Ort, um an dem größten aller Szene-Events teilzunehmen. Sonst ist Herning eine Stadt wie jede andere, obwohl jede andere Stadt das Recht hätte, sich beleidigt zu fühlen, mit diesem besiedelten Ackerland verglichen zu werden. Ich hatte keine Ahnung, was mich in dieser Stadt erwarten würde. Ich wäre jedoch vor Antritt der Reise bestimmt nicht auf die Idee gekommen, unterwegs auf die Frau meiner Träume zu treffen. „Egal“, redete ich mir ein. Wir waren schließlich nicht hier, um Frauen aufzureißen. Nein, wir hatten andere Pläne.

Ein Party-Bus, der dafür sorgen sollte, dass wir so schnell wie möglich in die Messehallen der Stadt befördert wurden, wartete schon vor dem Bahnhof. Ein Teenager stand davor und hielt ein Schild in seiner Rechten, auf dem mit Filzstift „Party“ gekritzelt war.

„Party?“, fragte Brötchen lächelnd.

Der Teenager nickte. „Ei can si it auf deinem Pappschild“, rief Brötchen laut prustend und gab dem konfusen Teenager einen Klaps auf die Schulter.
Wir setzten uns auf zwei freie Plätze und verstauten unsere Sachen unter den Sitzen.

„Meinst du, das Mädchen aus dem Zug fährt auch auf die Party?“, fragte Brötchen.

„Auf eine Computer-Party? Keine Chance“, sagte ich und hoffte insgeheim, unrecht zu haben.

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