Freundschaft zählt

Ein gesteigertes Selbstwertgefühl und die Mitgliedschaft in einer Subkultur mit festen Grundsätzen sind nicht die einzigen Motivationsgründe für Szenemitglieder. Im Vordergrund stehen, wie in vielen anderen Subkulturen auch, die Freundschaft und der Kontakt mit anderen Mitgliedern. Anders als in Kontaktbörsen im Internet, wo nach einer erfolgreichen Online-Begegnung der persönliche Kontakt im „realen Leben“ gesucht wird, finden die Beziehungen in der Szene meist ausschließlich online statt.

Online-Beziehungen und -Freundschaften wurden in den letzten Jahren von Soziologen weitgehend erforscht. Eine Untersuchung der Zeitschrift Monitor on Psychology hat beispielsweise ergeben, dass 5,7% der Online-Chatter Symptome wie soziale Isolierung, Depression und Vereinsamung aufweisen. Sie verbringen laut der Analyse mehr Zeit online als im realen Leben. Derartige Studien sollen zeigen, dass im Online-Leben Dinge wie Freundschaft oder Liebe nur vorgetäuscht werden. Teilnehmer von Online-Beziehungen seien laut einem Artikel in CyberPsychology & Behavior unpersönliche und introvertierte Charaktere. Ein Soziologe der University of Minnesota erforschte die Eigenschaften von Menschen, die Beziehungen online aufbauen. Die Schlussfolgerungen deuten an, dass derartige Kontakte eher mit Vorsicht zu genießen sind. Allein die Vorstellung, eine andere Person übers Internet kennenzulernen, wäre schon äußerst merkwürdig. Immerhin wisse man nie, wer sich vor dem anderen Bildschirm befände. Er könnte ein Psychopath oder ein Killer sein.

Soziologen und Psychologen, die sich dem Phänomen widmen, kommen meist zu ähnlichen Ergebnissen. Fast alle behavioristischen Untersuchungen ergeben, dass viele extensive Nutzer von Online-Kontaktbörsen diverse Charakterschwächen haben. Oft wird argumentiert, dass die Teilnehmer ihre sozial nicht kompatiblen Verhaltensweisen hinter ihrer Anonymität verstecken.

Bei all diesen Untersuchungen fällt jedoch auf, dass der typische Hacker oder die Subkultur der Computerbegeisterten, wie sie in der Szene anzutreffen sind, äußerst selten oder gar keine Erwähnung finden. Das mag einerseits daran liegen, dass die Gruppe der Hacker nicht ins Bild einer flächendeckenden, allgemeinpsychologischen Untersuchung passt. Andererseits lässt sich dieses Manko auch darauf zurückführen, dass es sich bei Hackern um in sich geschlossene und für Soziologen und Psychologen nur schwer greifbare Gruppenphänomene handelt.

Ein Blick hinter die Kulissen der Szene zeigt jedoch ein ganz anderes Bild ihrer Mitglieder. Man möchte meinen, dass soziale Vereinsamung oder Inkompetenz nicht unbedingt zu ihren Merkmalen zählen. Tatsächlich gehen die meisten Szenemitglieder gesellschaftlich anerkannten Berufen nach. Sie führen ein Gesellschaftsleben, haben reale Beziehungen und Freunde. Bei besonders aktiven Mitgliedern ist zudem ein erhöhtes Selbstbewusstsein zu erkennen. Ihr Expertenwissen in einem speziellen Bereich gibt ihnen das Gefühl der Überlegenheit. Sie passen weder in das Bild der Verhaltensforscher bezüglich Online-Beziehungen, noch fühlen sie sich von derartigen Untersuchungen angesprochen. Im Gegenteil: Die Szenemitglieder bezeichnen andere Online-Chatter als Verlierer. Diese gelten für sie als Außenseiter und bemitleidenswerte Menschen.

Die Beweggründe der Szene sind ganz andere. Die Anonymität beispielsweise, hinter der sich die Mitglieder verstecken, ist zwar eine Schutzmauer, nicht jedoch vor ihrer Persönlichkeit, sondern vor der Gefahr polizeilicher Ermittlungen. Während telefonische oder gar persönliche Kontakte ein Risiko bedeuten, bietet der Chatroom den einzig effektiven Schutz. Da Szenemitglieder weltweit organisiert sind, bietet der Chatroom zudem die Möglichkeit, alle an einem Ort zu versammeln. Die meisten Scener chatten auch nur mit ihresgleichen. Aufgrund der ständigen Gefahr einer Entdeckung zählt außerdem Loyalität zu den wichtigsten Eigenschaften. Nur so können in der Szene langfristig Respekt und Vertrauen aufrechterhalten werden. Da sich die Gruppen untereinander in einem Wettstreit befinden, wird von jedem einzelnen Mitglied Zuverlässigkeit verlangt. Das Einhalten von Terminen, versprochenen Leistungen und eine rege Teilnahme sind unerlässlich.

Zusammengefasst ergibt das Online-Leben der Szene einen eigenen sozialen Kosmos, der sich von bekannten Mustern der Online-Bekanntschaft grundlegend unterscheidet. Häufig wird diese Art der Freundschaft von den Mitgliedern als Hauptmotivation angegeben. Obwohl die Online-Bekanntschaft oft nur Mittel zum Zweck ist, um ein Release als erster herauszubringen, wird sie unter den genannten Umständen für ihre Mitglieder einzigartig.


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