Geboren im Cyberspace

Die Gemeinsamkeiten von Hacker und Cracker erklären sich aus dem Umfeld. Beide bewegen sich in derselben digitalen Welt und führen ein Leben im Internet.

In der Psychologie wird seit langem untersucht, inwieweit computervermittelte Kommunikation Einfluß auf den Menschen nimmt. Ein Experiment der Psychologen Russell Spears, Martin Lea und Stephen Lee zeigte 1990 auf, wie stark sich Nutzer innerhalb eines anonymen Netzes gegenseitig in ihrer Meinung beeinflussen. Etwa fünfzig Studenten wurden bei dem Versuch per E-Mail miteinander verbunden und diskutierten über vier vorgegebene Themen. Nach der Diskussion wurde an die Studenten eine Auswertung mit der Durchschnittsmeinung aller Teilnehmer verteilt. Die Bekanntgabe eines derartigen Meinungsbildes gab somit eine gewisse Gruppennorm vor. In der Folge beobachteten die Psychologen, dass sich die Mehrheit der Studenten dieser Richtung anschloss. Innerhalb kürzester Zeit hatte sich aus kontroversen Meinungen eine Gruppe mit gleichen Vorstellungen gebildet.

Die Psychologinnen Sabine Helmers, Ute Hoffmann und Jeanette Hofmann zogen bei ihrer Untersuchung der Cyberkultur ähnliche Schlüsse: Die Internetteilnehmer schaffen sich ihre eigenen „Kulturräume“, in denen sie „spezifisches Wissen teilen und eigene Regeln, Gesetze, Gewohnheiten, Rituale, Mythen und künstlerische Ausdrucksformen etablieren“.

Die Gedanken und Ideen, die in der Internetkultur kursieren, können sich also leicht auf neue Mitglieder übertragen. Wenn man den Kulturraum Internet näher betrachtet, stellt man fest, dass er nicht nur geschichtlich, sondern in seinem ganzen Aufbau die Idee der freien Information in sich trägt. Auf dieser Grundidee basierend, haben sich weitere Bewegungen und Ideologien entwickelt. Vom ARPANET über GNU bis hin zu Linux und Wikipedia – sobald sich Programmierer und Technikfreaks innerhalb der Netzkultur bewegen, scheint es nur eine Frage der Zeit, bis die Ideen der freien Software, Dezentralisierung und Hackerethik auf sie einwirken.

Daher ist es nicht richtig zu glauben, dass sich ein Cracker aus rein destruktiven Gründen eines Tages dazu entschließt, Schwarzkopien zu erstellen und zu verbreiten. Vielmehr macht ihn erst sein Umfeld zu dem, was er ist. Wenn sich ein Technikfreak oder Programmierer dazu entschließt, die Welt der Computer tiefer zu ergründen, stößt er im Internet zwangsläufig auf viele Gleichgesinnte, darunter auch Hacker und Open-Source-Ideologen.


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