Gemeinsam sind wir stark

Ein Mitglied der Szene ist kein Einzelgänger oder Ausgestoßener. Er ist Teil eines Kollektivs und genießt die Loyalität zwischen den Mitgliedern. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl vermittelt ihm ein gesteigertes Selbstwertgefühl, das sein Handeln begünstigt. Hinzu kommt, dass in der Szene untereinander keine ethnischen, religiösen oder physischen Unterscheidungen getroffen werden. Wissenschaftliche Untersuchungen belegen, dass innerhalb geschlossener Gruppen wie beispielsweise Subkulturen keine Diskriminierung unter den Mitgliedern herrscht. Das liegt unter anderem daran, dass ein derartig negatives Feedback innerhalb einer Minderheit sofort die gesamte Gruppe betreffen würde. Eine Diskriminierung innerhalb der eigenen Strukturen würde eine Diskriminierung der gesamten Szene bedeuten.

Hinzu kommt, dass das Szeneleben meist nur im Chat stattfindet. Selbstgewählte Pseudonyme ermöglichen den Nutzern, sich anderen gegenüber nach Belieben darzustellen. Beurteilt werden Szenemitglieder nach ihrer Leistung in der Szene. Die Anonymität gibt dem Mitglied die Möglichkeit, Teile seiner Persönlichkeit nach Belieben offenzulegen oder zu verbergen.

Viele Außenstehende empfinden das typische Bild eines Szenemitglieds als skurril. Sie werden als sogenannte Nerds oder Freaks abgestempelt, die ihre Zeit mit sinnlosen Plaudereien und rätselhaften Aktivitäten am Computer vergeuden. Die Lobby der Softwareindustrie und die Presse tun ihr Bestes, um dieses Bild mit möglichst vielen negativen Attributen aufzuladen. Dem Begriff „Hacker“ haftet bis heute ein abwertender und negativer Unterton an. Für die meisten Leute ist ein Hacker nach wie vor jemand, der destruktiv vorgeht und seinen Tag allein damit verbringt, fremdes Eigentum zu stehlen oder zu zerstören. Szenemitglieder sind in ihren Augen nicht nur „verbrecherische Raubkopierer“, sondern auch eine Bande organisierter Krimineller, die man am liebsten als „Mafia“ bezeichnen würde.

Diese Art von Propaganda und Bestätigung von Vorurteilen hält die Szene allerdings nicht von ihrem Treiben ab, sie hat sogar einen gegenteiligen Effekt: Die Szene wird noch mehr motiviert. Verhaltensforscher haben längst erkannt, dass die Herabsetzung einer Minderheitsgruppe durch Außenstehende den inneren Zusammenhalt weiter verstärkt. Das Phänomen wird dadurch erklärt, dass die Mitglieder sich gegen derartige Angriffe in einer Protesthaltung zu verteidigen suchen. Es entstehen Gegenreaktionen, die beweisen sollen, dass die Vorurteile nicht gerechtfertigt sind. Die Szene sieht sich selbst als eine von Außenstehenden unverstandene Gemeinschaft. In den eigenen Reihen werden daher für Außenstehende provokativ wirkende Slogans und Regeln entwickelt. Die Hackerethik und Grundsätze wie „Mit dem Computer kann man Kunst und Schönheit erschaffen“ sind nur einige Beispiele hierfür. Diese Überzeugungen verbinden sich zu einer generellen Lebenseinstellung, aus der sich weitere Anschauungen und Bewegungen entwickeln: Die Subkultur wächst.

Aus dieser Perspektive lässt sich auch verstehen, warum Anti-Raubkopierer-Kampagnen meist das Gegenteil bewirken. Die wichtigste Erkenntnis in diesem Zusammenhang ist die Tatsache, dass es sich bei einer Release Group eben nicht um Einzelgänger handelt, sondern um eine Gemeinschaft.


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