Homo Downloadicus

Jeder Schwarzkopierer hat ganz individuelle Gründe, warum er auf das Kaufen von Originalsoftware verzichtet. Nur wenigen ist nicht bewusst, dass ihr Handeln illegal ist. Viele folgen einem Sammeltrieb oder sind Gewohnheitstauscher, da sie mit Tauschbörsen aufgewachsen sind.

Weitaus verbreiteter sind jedoch rein wirtschaftliche Motive. Einerseits kopieren Schwarzkopierer, weil sie sich das Original nicht leisten können, andererseits stellen Kopien auch eine einfache Möglichkeit dar, das Geld für das Original zu sparen. Betrachtet man das Schwarzkopieren als anti-ökonomische Haltung, stellt man sich zwangsläufig auf die Seite der Industrie. Ein Modell der Wirtschaftswissenschaften versteht den Menschen dagegen als „Homo oeconomicus“. Danach versucht jeder Mensch so zu handeln, dass er einen möglichst großen Nutzen daraus zieht. Das Verhalten eines Schwarzkopierers kann durchaus in dieses Handlungsmodell eingeordnet werden. Wenn er vor die Alternative gestellt wird, das Produkt zu kaufen oder zu kopieren, wird sich der „Homo oeconomicus“ letztlich für die vorteilhafteste Option und damit für das Kopieren entscheiden.

Andere wiederum kopieren tatsächlich aus ideologischen Motiven und benutzen prinzipiell Schwarzkopien. Sie sind dann zum Beispiel der Meinung, Filme, Musik und Software sollten völlig frei erhältlich sein, nach dem Motto „Freie Informationen für alle“. Einige sehen die Benutzung illegaler Kopien als Protest gegen die aus ihrer Sicht überzogenen Preise der Hersteller an. Vor allem in bezug auf die Musikindustrie ist das Argument verbreitet, die Plattenfirmen würden in erster Linie ihre eigenen Künstler ausbeuten. Die Schädigung der Plattenfirmen sei daher durchaus legitim. Auch Microsoft-Produkte werden zum Teil aus Protesthaltung gegen den Softwaremonopolisten kopiert. Weltweit dürften die Idealisten trotzdem nur für einen kleinen Teil der Kopien verantwortlich sein.

Nicht zu unterschätzen ist der soziale Druck, der vom privaten Umfeld der Schwarzkopierer ausgeht. In sozialen Gruppen, deren Mitglieder in engem Kontakt zueinander stehen, ist das Teilen gewisser Dinge eine Selbstverständlichkeit. Für Ian Condry vom MIT ist das Kopieren von Musik sogar das einzig Logische, wenn man von einem Mitbewohner, Familienmitglied oder Freund darum gebeten wird. „Wenn man zum Beispiel in einem Uni-Wohnheim lebt, stellt sich nicht die Frage, warum man das Urheberrecht nicht akzeptiert. Die Frage ist, warum man Musik nicht teilen sollte.“ Für ihn zählt Musik zu den Dingen, die man üblicherweise verpflichtet ist zu teilen. Jemand, der sich weigert, kann schnell als Außenseiter abgestempelt werden. Laut Condry festigt die Weitergabe von Musik soziale Bindungen: Es bereite Menschen Freude, ihrem Umfeld bislang unbekannte Lieder zugänglich zu machen. Man könne sich dann über den Künstler, neue Alben oder anstehende Konzerte unterhalten.

Auch für den Open-Source-Idealisten Richard Stallman stellt das Teilen den wesentlichen Bestandteil einer Freundschaft dar. Freunde, die das Programmieren gemein haben, befinden sich allerdings seiner Meinung nach in einem Dilemma. Ersucht ein Freund den anderen um eine Software und dieser lehnt die Bitte ab, steht die Freundschaft auf dem Spiel: „Der Käufer von Software hat die Wahl zwischen Freundschaft und Gesetzestreue. Naturgemäß entscheiden viele, dass Freundschaft für sie wichtiger ist, aber diejenigen, welche an das Gesetz glauben, haben einen schweren Stand.“


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