Interview mit Joachim Tielke

Joachim Tielke

Joachim Tielke, Geschäftsführer der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU)

Am Schreibtisch seines Hamburger Büros sitzt Joachim Tielke buchstäblich auf Zehntausenden von Schwarzkopien. Denn im Keller der Gesellschaft zur Verfolgung von Urheberrechtsverletzungen (GVU) beindet sich die Asservatenkammer mit unzähligen beschlagnahmten Kopien und Computern. Seit 1992 ist Joachim Tielke Geschäftsführer der GVU. Dort verfolgt der ehemalige Kriminalbeamte im Auftrag der Filmbranche und der Unterhaltungsindustrie Urheberrechtsverletzungen. So war die GVU in den letzten Jahren mitverantwortlich für diverse Busts in der Release- und FXP-Szene.

Sie kennen den Slogan „Raubkopierer sind Verbrecher“. Glauben Sie das auch?
Nein. Zum einen kenne ich die Leute. Ich weiß, wer Raubkopierer sind. Das ist unser tägliches Geschäft. Das sind keine Verbrecher, und sie sind es ja auch per Definition nicht. Wenn man das von der juristisch-formalen Seite sieht, ist diese Kampagne natürlich weit überspitzt. Aber das ist das Recht jener, die Werbung treiben.Wir sehen das mit dem Augenmaß des Kriminalisten oder des Juristen. Das ist nicht die Diktion, in der wir sprechen.

Gegen wen ermitteln Sie dann, wenn nicht gegen Verbrecher?
Also, wir ermitteln zunächst mal gegen Leute, die Diebstähle begehen. Denn wir haben wenig Verständnis dafür, dass man zwischen Diebstahl sächlichen Eigentums und geistigen Eigentums unterscheidet. Das ist für uns dasselbe.

Würden Sie sagen, dass Sie einen Kampf gegen Raubkopierer führen?
Wenn Sie dem hinzufügen: „sportlicher Kampf“, dann würde ich dem zustimmen. Für viele Kriminalisten geht es mehr darum, Transparenz in einen dunklen Sachverhalt zu bringen. Der »sportliche« Gegner tut dagegen alles, um das Dunkle aufrechtzuerhalten. Und der sportliche Kampf besteht dann darin, von unserer Seite den Faden aufzunehmen.Wir haben außerdem persönlich kein Feindbild des Raubkopierers. Da unterscheiden wir uns sicherlich von der Industrie.

Bekommen Sie nicht trotzdem Druck von der Industrie?
Natürlich. Aber wir sind diejenigen, die in den Gremien immer wieder versuchen, den analytischen und sachlichen Ton anzuschlagen. Das haben wir übrigens auch in der Diskussion um die ZKM-Kampagne getan. Wir haben gesagt, es ist den Geschädigten, wie der Filmwirtschaft und der Kinowirtschaft unbenommen so etwas zu tun. Wir möchten aber mit dieser Kampagne nicht in einen Topf geworfen werden.

Würden Sie sagen, dass auch die andere Seite das Ganze als einen sportlichen Wettkampf betrachtet?
Ich lese mit viel Interesse die Reaktionen in den Chats, bei Heise oder auch in anderen Foren, zum Beispiel Gulliboard. Ich sehe mit Freude, dass auf der anderen Seite offenbar die Emotionen höher schlagen als hier. Was man vielleicht auch verstehen kann.Wir verfolgen die ja schließlich. (lacht)

Lesen Sie auch NFO-Files?
Ja, natürlich! Der Sportteil der Zeitung berichtet ja nicht über uns. Also da gibt es keine Ergebnisse und keine Tabellen. Da müssen Sie sich schon hier bedienen.

Wie viele Ermittler haben Sie eigentlich?
Darüber reden wir ja ganz ungern. Wir versuchen natürlich Potemkinsche Dörfer aufzubauen, als wären es Tausende. Es ist aber in der Tat so, dass es neun sind. Man darf dabei aber nicht vergessen, dass diese in einer ganz bestimmten Art und Weise aufgestellt sind. Es handelt sich bei den neun, bis auf eine Ausnahme, um ehemalige Polizei- und Kripobeamte, die allesamt im Bereich Wirtschaftsstraftaten gearbeitet haben.

Ex-Cops?
Wenn ich sage „ehemalige“, werde ich immer gleich gerne gefragt: „Sind das so pensionierte 65jährige, die Computer mit ›K‹ schreiben?“ Nein, sind es nicht. Das sind allesamt Leute, die in relativ jungen Jahren aus der Polizei rausgekommen sind. Aus den unterschiedlichsten Motivationen heraus.

Arbeitet die GVU wie die Polizei?
Ich bin selbst Kripobeamter gewesen. Wir können all diese wunderbaren Dinge, die man dort machen kann, von simplen Halterfeststellungen bis zu Telefonüberwachungen, nicht machen. Aber wir haben ein sehr umfangreiches Spezialisten-Know-how.

Die BSA spricht von Milliardenschäden durch Raubkopierer. Stimmen Sie dem zu?
Also wenn ich hier von Schaden spreche, dann spreche ich nicht von dem Schaden, den Verbände berechnen. Es ist sowieso sehr fragwürdig, über Schaden zu sprechen.Wir sprechen über ein Delikt, das im kriminologischen Sinne ein Kontrolldelikt ist. Jene Zahlen, die da im Raume schwirren, sind nach meiner Einschätzung Bullshit.

Was ist mit dem Schaden, der angeblich durch Release Groups entsteht? Diese betreiben das eigentlich nur als Hobby.
Ich glaube zwar nach wie vor, wenn ich mir diese Releaser angucke, dass dort kein Profit-Interesse besteht. Wir wissen aber mittlerweile, dass sie von Profit-Interessierten eingespannt werden. Damit meine ich die, die hinter dieser Struktur stecken. Das sind solche, die Portale betreiben und Werbeeinnahmen generieren. Sie brauchen immer Frischfleisch – ein Begriff aus dem Prostituierten-Milieu – und halten Releaser ganz sicherlich dazu an, immer wieder Material zu besorgen.

Werden die Release Groups also ausgenutzt?
Also ich glaube, dass es noch ein Mix aus vielen Dingen ist. Sicherlich werden sie über die tatsächliche Intention Profit im unklaren gehalten. Ich glaube, ein großer Teil der Release-Szene würde sehr wütend werden, wenn sie wüßte, zu was sie missbraucht wird. Aber ich glaube auch, dass es sicherlich einen Austausch geldwerter Vorteile gibt. Hardware, Laptops etc. Das sind die typischen Gefälligkeiten. Für bestimmte Leute sind Laptops das, was in anderen Bereichen ein Porsche ist.

Glauben Sie, dass Sie die Szene eines Tages besiegen können?
Wollen wir es nicht hoffen (lacht). Die sportliche Auseinandersetzung wäre vorbei.




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