Klagen und verklagt werden

Als den Plattenfirmen klar wurde, dass sie den Kampf nicht mit klassischen Mitteln gewinnen konnten, begingen sie einen weiteren, entscheidenden Fehler. Sie erklärten dem illegalen Download den Krieg. Dabei übersahen sie völlig, dass die meisten Downloader trotz Internets auch weiterhin CD-Käufer waren. Sie hatten somit ihren eigenen Kunden den Kampf angesagt.

Tim Renner, der bis Januar 2004 Deutschlandchef von Universal Music war, erklärte ein halbes Jahr nach dem Rücktritt von seinem Posten den grundlegenden Irrtum seiner ehemaligen Kollegen: „Download drückt ja erst mal den Bedarf aus. Download heißt, da ist jemand, der ist interessiert. Das ist für den Produzenten prinzipiell eine gute Nachricht. Wenn es ihm gelingt, die Leute, die zahlungswillig sind, zu interessieren, kann daraus ein Geschäft entstehen. Das Problem ist: In dem Augenblick, in dem sich meine Verkaufsmechanik am Dieb ausrichtet und nicht am Kunden, mache ich es dem Kunden denkbar unangenehm. Ich behandle ihn wie einen Dieb.“

2004 begann die Plattenindustrie, die Nutzer von Internet-Tauschbörsen zu verklagen. Viele Nutzer wurden mit hohen Schadensersatzansprüchen zur Kasse gebeten. „Es ist traurig, dass der Phonoverband denkt, er müsse einen Auszubildenden für den Konsum und das Tauschen von Musik verfolgen und 8.000 Euro von ihm verlangen. Die eigene Zielgruppe zu verklagen ist der falsche Weg“, kritisierte der Vorsitzende der digitalen Bürgerrechtsorganisation „Netzwerk Neue Medien“, Markus Beckedahl, das harte Vorgehen der Musikindustrie. Diese blieb derweil unnachgiebig. „Bei Karstadt wird ja auch kein Ladendieb laufengelassen, weil er vielleicht gestern noch bezahlt hat“, versuchte sich IFPI-Chef Gerd Gebhardt zu rechtfertigen.

Der Chaos Computer Club rief als Antwort im April 2004 zum Boykott der von der IFPI vertretenen Plattenfirmen auf: „Die Branche sollte nicht den Nutzern die Schuld geben, wenn sie selber den Beginn des Informationszeitalters verschlafen und es versäumt hat, ihr Geschäftsmodell an die digitale Welt anzupassen.“ Mit Sprüchen auf Werbebannern wie „Wir können auch ohne die Musikindustrie – sie ohne uns aber nicht“ versuchten sie eine Gegenkampagne.

Ob sich die Umsatzrückgänge der Musikwirtschaft mit wenigen Faktoren erklären lassen, bleibt fraglich. Zu ihren Fehlentscheidungen kamen eine schlechte wirtschaftliche Lage und eine zunehmende Konkurrenz durch andere Unterhaltungsformen. Handys, Videospiele und DVDs wurden in den letzten Jahren immer beliebter.

Erst langsam versteht es auch die Musikindustrie von den neuen Märkten zu profitieren. Dank des Verkaufs von Handy-Klingeltönen steigen auch ihre Umsätze wieder. Die gerade bei jungen Musikhörern oft vermisste Zahlungsbereitschaft ist durchaus vorhanden. Immerhin zahlen viele Jugendliche für einen Klingelton in zweifelhafter Qualität mehrere Euro. Einige Plattenfirmen machen bereits mehr Umsatz mit dem Handygeschäft als mit dem Verkauf von CDs. Das Lied von „Schnappi“ wurde beispielsweise über 200.000mal als Handy-Klingelton verkauft. Hingegen reichen für eine Plazierung in den CD-Verkaufscharts mittlerweile einige tausend verkaufte Exemplare. Auch dies ist Ausdruck einer historischen Veränderung, die die Musikwirtschaft lange nicht wahrhaben wollte.

Es bleibt also unsicher, ob es einen kausalen Zusammenhang zwischen den Umsatzeinbußen der Unterhaltungsindustrie und der massenhaften Verbreitung von Schwarzkopien überhaupt gegeben hat. In welchem Maße ein eventueller Schaden durch Schwarzkopierer entsteht, wird wohl kaum geklärt werden können. Angesichts der Fehler der Industrie ist jedoch anzunehmen, dass Schwarzkopien nur ein kleiner Teil der Erklärung sein können.


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