Kreation

Irgendwann aber genügt die alleinige Verbesserung den Bedürnissen eines Programmierers nicht mehr. Er strebt danach, Neues zu erschaffen. Als der Musiksender MTV 1993 einen bestimmten Musikclip im TV zeigte, war die Begeisterung in der Crackerszene groß. Es handelte sich um das Werk State of the Art der Szenegruppe Spaceballs. Den dazugehörigen Musiktitel Condom Corruption hatte das Szenemitglied Travolta komponiert.

Die Entwicklung animierter Clips geht auf die Cracker der 80er Jahre zurück. Damals gaben sich einige Cracker besonders viel Mühe, kleine Vorspanne (Cracktros) in ihre gecrackte Software einzubauen. Sie manifestierten damit ihren Namen und signalisierten dem Nutzer der Kopie, wem er den Crack zu verdanken hatte. Parallel zur Crackerszene entstand aus dieser Tätigkeit eine neue, legale Szene, die Demoszene. Statt Software zu cracken, erstellte sie nur noch derartige Cracktros.

Bis heute ist die Demoszene eine der größten Vereinigungen
der digitalen Computerkunst. Ihre Mitglieder erschaffen sogenannte Demos, die kleinen Videoclips ähneln und mit multimedialen Effekten und Musik für Begeisterung sorgen. Sie dienen ausschließlich Präsentationszwecken, um das programmiertechnische Können der Szene widerzuspiegeln. Die Demogruppen nehmen an weltweiten Wettbewerben teil, und ihre Werke sind für jedermann frei zugänglich. Das größte Portal der Demoszene mit einer eigenen Download-Sektion findet man unter:www.scene.org

Programmieren ist an das Können und die Kreativität des einzelnen gebunden. Die Welt des Computers ist zwar eine rein mathematische, aber niemand muss sich an zwingende Regeln halten. Würde man hundert Programmierern dieselbe Aufgabe stellen, würde jeder Code anders aussehen. Es gibt unendlich viele Möglichkeiten, um ein bestimmtes Ziel in einer Programmiersprache zu erreichen. Das macht Programmieren für seine Anhänger so einzigartig.

Außerdem ist die Arbeit am Computer für einen Programmierer auch aufgrund der visuellen Möglichkeiten attraktiv. Er kann seine Experimente und die Welt, die er erschafft, visuell verfolgen. Die Ergebnisse lassen sich auf dem Bildschirm darstellen, lange Wartezeiten oder wissenschaftliche Beweise werden überflüssig. Der einzige Nachweis, den ein Programm benötigt, ist die Tatsache, dass es funktioniert. Der Programmierer ist zugleich Wissenschaftler, Architekt, Bauarbeiter und Bewohner seines Gebildes. Er ist der Gott seiner eigenen Welt. Linus Torvalds beschreibt diese Faszination mit folgenden Worten: „Du kannst dir deine eigene Welt erschaffen, und die einzigen Faktoren, die dich in deinen Möglichkeiten einschränken, sind die Fähigkeiten der Kiste – und, mehr als je zuvor, dein eigenes Können.“

Der Philosoph und Soziologe Dr. Pekka Himanen untersuchte das Phänomen der Hackerethik und kam zu dem Schluss, dass der enthusiastische Programmierer seiner Tätigkeit nachgeht, weil es ihn mit Freude erfüllt. So ermittelte Himanen in seiner Untersuchung weitere Hacker, die aus ähnlichen Motivationsmustern handeln. Dazu zählt beispielsweise Vinton G. Cerf, der bei der Entwicklung des Internets in den späten 70er Jahren eine Schlüsselrolle gespielt hat und deswegen als Vater des Internets bezeichnet wird. Für ihn war das Programmieren „eine absolut faszinierende Welt“. Die Hackerin Sarah Flannery gehört zu den jüngsten Genies im Bereich der Kryptographie. Mit sechzehn entwickelte sie eine einzigartige Kryptographiemethode und gewann den ersten Preis im „European Union Contest for Young Scientists“. Auch sie sagt: „Ich arbeitete tagelang und war in Hochstimmung. Es gab Zeiten, da wollte ich nie wieder damit aufhören.“

Die Software wird für ihre Erschaffer zu einem fazinierenden Werk. Sie sehen darin eine Erfindung mit einer individuellen Note. Jedes Programm trägt die Handschrift des jeweiligen Programmierers und wird zum einzigartigen Kunstwerk. An diesem Kunstwerk sollen alle teilhaben können. Ein Programm beinhaltet für sie eine Schönheit oder Ästhetik, die es nicht zu verbergen, sondern mit anderen zu teilen gilt.

Für den Programmierer ist es nicht wichtig, ob eine Kreation mit Muskelkraft oder getippten Codes am Computer geschaffen wird. Entscheidend ist die Motivation, die in jedem Fall dem Geist des Menschen entspringt.


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