Krise ohne Krise

Aus den USA, dem größten Musikmarkt der Welt, werden mittlerweile steigende Verkaufszahlen gemeldet. Auch in anderen Ländern ziehen die CD-Verkäufe wieder an. In Ländern, die weiterhin mit rückläufigen Zahlen zu kämpfen haben, scheint sich der rapide Umsatzverlust zumindest zu verlangsamen. In Großbritannien nahmen sogar in der Krisenzeit von 1998 bis 2003 die CD-Verkäufe um mehr als ein Drittel zu, auch hier parallel zur allgemeinen Filesharing-Nutzung.

Zeitgleich mit den Verkaufszahlen steigt die Zahl der illegalen Downloads weiter an. Die neuen Zahlen widersprechen der gängigen These der Plattenfirmen, dass vor allem das Internet für ihre Umsatzeinbußen verantwortlich sei. Die Musikindustrie befindet sich in Erklärungsnot.

Der amerikanische Branchenverband RIAA meldete für das erste Quartal des Jahres 2004 einen deutlichen Umsatzrückgang. Das Marktforschungsinstitut Nielsen Soundscan errechnete dagegen für den gleichen Zeitraum einen Zuwachs von fast 10%. Der Grund für diesen Widerspruch liegt laut Autor Moses Avalon in der Art und Weise, wie die RIAA ihre Berechnungen anstellt. Sie zog nämlich nur die an den Handel ausgelieferte Ware beziehungsweise die von den Händlern vorbestellten CDs ein. Da sich jedoch viele Händler aus Kostengründen verstärkt bemühten, ihre Lagerbestände gering zu halten, ging die Zahl der erstausgelieferten CDs zwangsläufig zurück. Nielsen Soundscan hingegen ermittelte die tatsächlichen Verkäufe an den Endverbraucher und stellte hier einen klaren Umsatzzuwachs fest. Es scheint, als rechne sich die Industrie zur Verteidigung ihrer Anti-Schwarzkopie-Strategie bisweilen künstlich arm. Einen Zusammenhang zwischen illegalen Downloads und der Krise der Musikbranche herzustellen fällt somit immer schwerer.

Darüber hinaus geht es auch der Filmbranche trotz steigender Filesharing-Nutzung besser. Die deutschen Kinos verzeichneten 2004 rund acht Millionen Besucher mehr als im Vorjahr. In der Europäischen Union wurden 2004 zum zweiten Mal seit 1990 über eine Milliarde Kinobesucher gezählt. Die US-Filmindustrie konnte gar das dritte Rekordergebnis in Folge verbuchen. In den Jahren 2002 bis 2004 besuchten mehr Menschen die amerikanischen Kinos, als es in den letzten fünfzig Jahren im selben Zeitraum der Fall war. Damals, in den 50er Jahren, hatte das neue Medium Fernsehen die Besucherzahlen einbrechen lassen.

Vor allem jedoch stiegen die DVD-Verkäufe in den vergangenen Jahren drastisch an. In Deutschland hat sich der Umsatz der Heimvideo-Branche innerhalb weniger Jahre dank des neuen Mediums verdoppelt. Hollywood verdient durch die Verkäufe der DVDs zwei- bis dreimal so viel Geld wie an den Kinokassen. Nicht viel schlechter ergeht es der Computer- und Videospielindustrie. Auch ihre Umsätze steigen trotz Schwarzkopien seit Jahren kontinuierlich und liegen mittlerweile über denen der Filmindustrie.

Die Behauptung vom großen Schaden durch „Raubkopierer“ scheint zu wackeln. Professionelle Kopien und Produktfälschungen, die auf dem Schwarzmarkt vertrieben werden, stellen eine weitaus größere Bedrohung dar als Internet-Downloads. Wie groß der Einfluß der digitalen Schwarzkopierer ist und ob er sich wirklich maßgeblich auf die Bilanzen der Firmen auswirkt, wird auch noch weiterhin Teil einer kontroversen Diskussion bleiben.


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