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Die Angst vor neuen Technologien

Am Anfang eines großen wirtschaftlichen Wandels steht fast immer eine technische Innovation. Nicht selten wird diese von den bestehenden Unternehmen zunächst abgelehnt, da diese um ihr einträgliches Geschäft fürchten.

Um langfristig überleben und profitabel sein zu können, muss sich die Wirtschaft aber den Herausforderungen stellen und ihr Geschäft den neuen Gegebenheiten anpassen. In der Geschichte der Musikindustrie lassen sich mehrere solcher Punkte erkennen, an denen das Verhalten der Unternehmen darüber entschied, ob ein wirtschaftlicher Boom oder eine Krise folgen sollte.

In den 20er Jahren hielt das Radio Einzug in die Haushalte. Musik musste auf einmal nicht mehr zwangsläufig gekauft werden, sondern kam kostenlos nach Hause. Die noch junge Musikindustrie empfand den Rundfunk daher als Bedrohung, die es zu bekämpfen galt. Statt die Technik zu ihrem Vorteil zu nutzen, stellte sie sich dagegen. Aufhalten konnte sie den Rundfunk nicht. Vielmehr fiel der Umsatz ins Bodenlose. Mitte der 30er Jahre wurden die ehemals großen Plattenfirmen von den Radiokonzernen RCA und CBS übernommen.

Im Jahre 1933 hatte der amerikanische Erfinder Edwin Howard Armstrong das FM-Radio konstruiert und kurze Zeit später der Öffentlichkeit vorgestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt mussten sich die Zuhörer mit dem AM-Radio zufriedengeben, dessen Klangqualität dem FM-Radio deutlich unterlegen war. RCA war zu diesem Zeitpunkt der dominierende Radiokonzern und sah in der neuartigen Technologie eine Gefahr für seine Marktstellung. Der damalige RCA-Präsident David Sarnoff startete eine politische Kampagne gegen Armstrong: In mehreren Verfahren griff RCA Armstrongs Patente an und verwickelte den Erfinder in komplizierte Rechtsstreitigkeiten. Es gelang dem Radioriesen, durch politischen und wirtschaftlichen Einfluß die Markteinführung des FM-Radios bis zum Jahre 1954 zu verzögern. Als Armstrongs Patent auslief, kaufte RCA die Rechte für eine Summe, mit der Armstrong nicht mal seine Anwaltskosten hätte bezahlen können. Noch im selben Jahr beging der Erfinder des FM-Radios schließlich Selbstmord.

Die Vinylschallplatte bewies dagegen, dass Innovationen auch einen wirtschaftlichen Boom auslösen können. Bis 1948 bestanden Schallplatten aus Schellack, einem harten, zerbrechlichen Material. Sie boten lediglich Platz für drei bis vier Minuten Musik pro Seite. Die Vinylschallplatte hingegen war weitaus robuster und bot ihren Käufern ein völlig neues Klangerlebnis bei deutlich längerer Spieldauer. Den Plattenfirmen gefiel die Möglichkeit, dem Kunden auf einer Langspielplatte nun ein gutes Dutzend Lieder verkaufen zu können, auch wenn der Kunde vielleicht nur an drei Liedern interessiert war. Mit Hilfe des neuen Mediums erlebte die Musikindustrie einen bis dahin ungekannten Aufschwung.

Um das Jahr 1980 jedoch brach der Markt drastisch ein. Für Wirtschaftsexperten war diese Entwicklung damals keine Überraschung. Es ist allgemein bekannt, dass Produkte nach einer gewissen Zeit des Wachstums eine Stagnation erleben. Zurückzuführen ist dieser Effekt darauf, dass der Markt gesättigt wird. Nur durch eine erhebliche Verbesserung des bestehenden Produkts oder eine komplette Neuentwicklung kann das Unternehmen in diesem Fall weiterhin erfolgreich bestehen. Auch die Vinylschallplatte schien nach drei Jahrzehnten ihren Zenit überschritten zu haben. Daher forschten Philips und Sony bereits seit Ende der 70er Jahre nach einem Folgeprodukt für die Schallplatte. 1979 einigten sich die beiden Unternehmen auf eine strategische Partnerschaft zur Einführung eines digitalen Tonträgers. Die ersten Prototypen hatten noch die Größe einer Schallplatte und damit eine Spieldauer von über dreizehn Stunden. Eine solch lange Spieldauer hätte allerdings das ganze Geschäftsmodell der Musikbranche in Frage gestellt. Somit mussten sich die Unternehmen auf einen niedrigeren Standard einigen. Philips strebte eine Spielzeit von 60 Minuten an. Sonys damaliger Vizepräsident Norio Ohga war jedoch ein leidenschaftlicher Klassikliebhaber und der Meinung, dass auf eine CD unbedingt seine Lieblingssymphonie, „Beethovens Neunte“, passen müsse. Schließlich wurde auf Betreiben von Sony der Durchmesser einer CD auf 120 Millimeter und damit genau 74 Minuten Spielzeit festgelegt.

Der neue Tonträger war dem Vinyl in jeder Hinsicht überlegen. Die Klangqualität war bemerkenswert. Außerdem musste die Seite nicht mehr gewechselt werden und die CDs waren viel unanfälliger für Staub, Kratzer und Fingerabdrücke. Die Plattenfirmen dagegen teilten die Begeisterung nicht. Obwohl ihre Umsätze mit Schallplatten zurückgingen, sahen sie das digitale Medium nicht als Chance zur Verbesserung ihrer wirtschaftlichen Lage. Viele Musikmanager waren der Meinung, man brauche keine neue Technologie. Musik verkaufe sich über Inhalte, nicht über Technik.

Nur mit Mühe konnten Philips und Sony die Plattenfirmen von den Vorteilen der CD überzeugen. 1982 kamen schließlich der erste CD-Player und die erste CD auf den Markt.

Die Hartnäckigkeit der CD-Erfinder erwies sich bald als Glücksfall für die Musikindustrie. Der neue Tonträger bescherte der Branche ungeahnte Rekordumsätze. Millionen von Musikfans stellten nach und nach ihre Plattensammlung auf die kleinen Silberlinge um. Die Plattenfirmen konnten fast das komplette Musikangebot der 70er Jahre noch einmal verkaufen, nur mit dem Unterschied, dass eine CD fast doppelt so teuer war wie eine Vinylschallplatte. In Europa konnten die Einnahmen aus dem Verkauf von Tonträgern von 1985 bis 2000 beinahe verdreifacht werden.


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