Raubkopierer sind Mörder

Viele Kinobesucher bekamen 2004 vor dem Hauptfilm unfreiwillig ein Propaganda-Video zu sehen. Darin wurden zwei junge Männer gezeigt, die ins Gefängnis eingeliefert werden.

Alt-Knackis beobachten, wie die Neuankömmlinge von den Wärtern zu ihren Zellen geführt werden, und erklären mit hämischem Grinsen, wie sehr sie sich schon auf die „knackigen Ärsche“ der „Raubkopierer“ freuen. Nicht nur die Zuschauer waren angesichts derartiger Kinowerbung fassungslos. Auch Volker Nickel, Geschäftsführer des Zentralverbands der deutschen Werbewirtschaft (ZAW), hielt „die Art und Weise der Kampagne in höchstem Maße für fragwürdig“. Der Virtuelle Ortsverein der SPD warf der Filmwirtschaft aufgrund der angedeuteten Vergewaltigung die Darstellung eines „menschenverachtenden Weltbilds“ vor. Der Spot sei ein Beispiel für eine „gravierende Werbeentgleisung“. Die umstrittene Werbung war Teil einer großangelegten Werbekampagne der deutschen Filmwirtschaft unter dem Dach der Zukunft Kino Marketing GmbH (ZKM). In Kinospots und Plakatmotiven sollte auf illegales Schwarzkopieren hingewiesen werden. Das Motto der Aktion „Raubkopierer sind Verbrecher“ erklärte Millionen Anwender pauschal zu Kriminellen.

Ohnehin erzielte die Kampagne bei den Kinobesuchern nicht die erhoffte Wirkung. Diejenigen Besucher im Saal, die noch nie eine illegale Kopie benutzt hatten, fühlten sich nicht angesprochen. Viele Zuschauer waren hingegen wenig erfreut, als Verbrecher bezeichnet zu werden, obwohl sie soeben Eintritt bezahlt hatten.

2005 startete die ZKM eine Neuauflage ihrer Kampagne, wenn auch ohne unterschwellige Gewaltandrohungen. Der Tenor blieb jedoch gleich: „Schwarzkopierer sind keine Kunden, sondern Kriminelle.“ Einige Besucher hatten derweil genug von regelmäßigen Kinogängen: „Ich bin ehrlich und verzichte gänzlich auf Kinobesuche, da ich mich nicht beschimpfen lassen möchte!“ schrieb Klaus Schmitz in einem Leserbrief an die Computerzeitschrift c’t. Jens Nurmann berichtete: „Seit sechs Monaten war ich nicht mehr im Kino. Ich sehe einfach nicht ein, dass ich Geld für den Genuß eines Filmes ausgeben soll, bei dem man mich vorher noch unter Generalverdacht stellt.“ Als Spottreaktion auf die Kampagne kursieren im Internet sogar T-Shirts mit dem Aufdruck „Raubkopierer sind Mörder“.


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