Schuldig

In vielen Interviews betonen die Vertreter der Industrieverbände immer wieder den angeblich verheerenden Einfluss der illegalen Kopien auf ihre Umsatzzahlen.

Vor allem das Internet und die Möglichkeit, Kopien zu tauschen, sollen der Grund für die Krise der Unterhaltungsbranche sein. Die nackten Zahlen erscheinen auf den ersten Blick in der Tat erschreckend. Die „Brenner-Studie 2005“ der GfK (Gesellschaft für Konsumforschung) zeigt, dass in Deutschland die Zahl der mit Musik bespielten Leer-CDs in den Jahren 1999 bis 2004 von 58 auf 317 Millionen stieg. Im gleichen Zeitraum ging die Zahl verkaufter Musikalben von 198 auf 133 Millionen zurück. Insgesamt wurden laut GfK im Jahr 2004 allein in Deutschland 819 Millionen bespielbare CDs von Computernutzern gebrannt. Zudem stellte die GfK bei ihren Befragungen einen deutlichen Einfluß des Schwarzkopierens auf die Verkaufszahlen fest. Die Brenner und Downloader von Musik zeigten 2004 einen stärkeren Rückgang ihrer Ausgaben für Musik, als dies insgesamt am Markt zu beobachten war. Immerhin 20% aller Befragten sollen laut GfK ihren Bedarf an Musik vollständig über das Herunterladen und Brennen von Musik abdecken.

Für die Industrie sind solche Zahlen Grund genug, die Schuld an ihren Umsatzeinbußen beinahe vollständig den Schwarzkopierern zu geben. Aus wirtschaftlicher Sicht ist es allerdings durchaus fraglich, ob allein Schwarzkopien für das gesamte Ausmaß der Krise verantwortlich gemacht werden können. Tatsächlich ist es umstritten, inwiefern illegale Downloads die legalen Käufe negativ beeinflussen.

Die Wirtschaftsprofessoren Martin Peitz und Patrick Waelbroeck veröffentlichten 2004 eine Studie, in der sie die Auswirkungen von Internet-Downloads auf CD-Verkäufe untersuchten. Sie kamen zu dem Schluss, dass die Downloads zwar für einen erheblichen Teil des Umsatzeinbruchs des Jahres 2001 verantwortlich gemacht werden können, nicht jedoch für den Rückgang der CD-Verkäufe 2002. Hierfür seien andere Gründe zu suchen. Zum Beispiel sei anzunehmen, dass mit der verstärkten Nutzung des Internets der allgemeine Musikkonsum zurückgegangen sei. Statt dessen würde vermehrt Online-Aktivitäten nachgegangen, wie zum Beispiel dem Chatten, dem Anschauen von Videoclips oder dem ungezielten Surfen im Internet.

Ebenfalls 2004 untersuchten Felix Oberholzer-Gee von der Harvard Business School und Koleman Strumpf von der University of North Carolina die Auswirkungen von Internet-Tauschbörsen auf Musikverkäufe. In ihrer Untersuchung verglichen sie die Zahl heruntergeladener Musikdateien mit dem Verkauf von CDs in den USA 2002. Selbst hohe Downloadraten hatten laut ihrer Studie kaum Einfluss auf die Verkäufe. Der Großteil der Nutzer hätte sich das entsprechende Album ohnehin nicht gekauft. Nach Meinung der Wirtschaftswissenschaftler ergäben selbst bei pessimistischer Schätzung erst 5.000 Downloads den Verlust einer realen CD. Im Vergleich dazu weist die „Brenner-Studie 2005“ der GfK für Deutschland rund 475 Millionen Musik-Downloads im Jahre 2004 aus. Nach Berechnung der Professoren würde dies einen Verlust von nur 95.000 CD-Käufen bedeuten. Der Rückgang betrug laut GfK jedoch mehr als das Zehnfache.

Überdies wirke sich das Filesharing für die Alben, die sich im Untersuchungszeitraum am meisten verkauften, laut der Studie sogar positiv aus. Hier erhöhten bereits 150 Downloads eines Liedes die realen Verkäufe des jeweiligen Albums um ein Exemplar. Für die beliebtesten Alben könnte das Filesharing daher wie eine Art Verstärker wirken. Lediglich die Verkaufszahlen der weniger populären Alben könnten eher negativ von Downloads beeinflusst werden. Aus den Ergebnissen ihrer Studie folgerten die Wissenschaftler, dass das Downloaden höchstens für einen winzigen Teil der Umsatzeinbußen der Musikindustrie verantwortlich gemacht werden könne. Statt dessen würden immer mehr Nutzer übers Internet Musik kennenlernen, auf die sie ohne den Tausch durch Filesharing nicht aufmerksam geworden wären. Der Austausch zwischen den Musikfans könnte so auch die CD-Verkäufe begünstigen. Zudem führe die Tauschbörsennutzung dazu, dass die Preise für Musik fielen, was ebenfalls den Verkauf anregen könnte.

Im Juni 2005 bestätigte sogar die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) diese Einschätzung. In einer Analyse des Online-Musikhandels kam sie zu dem Schluss, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen den Umsatzeinbußen der Musikindustrie und dem Anstieg der Tauschbörsennutzung nicht nachweisbar sei. Vielmehr könnten hierfür auch andere Gründe in Frage kommen. Diese wären zum Beispiel die mangelhafte Verfügbarkeit und Qualität der legalen Downloadportale sowie eine zunehmende Konkurrenz anderer Formen der Unterhaltung, wie Computerspiele oder DVD-Filme.


 

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