Die illegale Kopie

Intro Musikmagazin

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„Raubkopierer sind Verbrecher!“ kolportieren im Kino-Vorprogramm und auf einigen TV-Sendern verschiedene Trailer mit dem Titel „Sie kriegen dich“. Weil Papa im Knast sitzt, schreien die Kinder ihr Geburtstagsständchen über die Gefängnismauern, so der Inhalt eines Spots. Soll wohl lustig sein.

Der Gedanke einer „illegalen Kopie“ ist so alt wie der Computer selbst: Schon William (Bill) Henry Gates III wollte, als er 1975 das Unternehmen Microsoft gründete, sein Wissen weder mit anderen teilen noch seine Software von anderen kostenlos kopieren oder verändern lassen. Er schrieb den „Open Letter“ an den Homebrew Computer Club und beschuldigte die Kopierer als Diebe.

Krömer und William Sen haben nun die Geschichte der Schwarzkopie aufgeschrieben. Die Autoren erklären lexikonartig jeden Begriff von Beta oder Linux über Napster bis zu Peer-to-Peer, erzählen von der Kultur des Crackers und der Psychologie des Kopierens. Wir erinnern uns an den Commodore 64 und lernen, dass erste Cracking-Groups wie Genesis oder Public Enemy in jeder Hinsicht kopierten. Sätze aus der Crackerszene wie „pH33r mY 31337 h4xor 5kI77z, u IaMer“ (Fürchte meine überlegenen Hackerfähigkeiten, du Verlierer) erinnern an den Duktus anderer, parallel entstandener Subkulturen. Auf die Entwicklung der Szene folgte die der Ermittlungen: Das FBI rief erste „Cyber Investigations“ und die „Operation Fastlink“ ins Leben. Im Verlauf des Buches wenden sich Krömer und Sen der heutigen Technik und Rechtsprechung zu: Sie führen durch den Paragraphendschungel und klären im Kapitel „Das Imperium schlägt zurück“ über mögliche Geld- oder Freiheitsstrafen auf. Fast rührend, gehen sie am Ende auch noch auf die Sicht der Musik- oder Filmindustrie und ihren angeblichen Schaden durch illegale Downloads ein. Wer es selbst noch nicht erkannt hat, dem wird hier noch mal erläutert, dass auch die Wirtschaft sich permanent neuen Gegebenheiten anpassen muss. Statt die Technik zu ihrem Vorteil zu nutzen, stellt sie sich dagegen. So war das schon immer bei technischen Innovationen vom Rundfunk bis zur CD. Tim Renner, bis 2004 Deutschlandchef von Universal Music, erklärte seinen Kollegen: „Download drückt ja erst mal den Bedarf aus. Download heißt, da ist jemand, der ist interessiert. Das ist für den Produzenten prinzipiell eine gute Nachricht.“ Der Chaos Computer Club startete eine Gegenkampagne zur ersten Verklagungs-Welle von Tauschbörsen-Nutzern: „Wir können auch ohne die Musikindustrie – sie ohne uns aber nicht.“ Zum Glück kamen die Handy-Klingeltöne, und die Musikbranche lernte langsam, von neuen Märkten zu profitieren. Die Filmbranche macht jetzt die gleichen Fehler, wie die Kampagne „Raubkopierer sind Verbrecher“ zeigt: Sie verklagt ihre eigenen Kunden. Letztendlich tragen Krömer und Sen mit ihrem Buch zur Diskussion um privates Kopieren und Urheberrechte bei. Auf der Website www.no-copy.org kann man das Buch übrigens kostenlos downloaden.

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