Alles, was man braucht, ist eine Tastatur

Interview mit dem NO-COPY-Buchautoren William Sen

von Stephanie Lachnit

„Ohne Copyright gäbe es auch keine Hacker,“ das ist William Sens These – und die bietet Stoff genug für sein aktuelles Buch „NO COPY„. Doch ohne Hacker wäre die Technologie noch längst nicht auf dem Stand, den sie bis heute erlangt hat. Auch davon ist William Sen überzeugt. Nach dem Erfolg von „Hackerland“ und „Hackertales“ hat der 31-jährige Ex-Hacker bis heute insgesamt drei Bücher veröffentlicht.

Er muss wissen, wovon er spricht, schließlich saß er schon Anfang der 80er Jahre am Computer, während seine fußballspielenden Klassenkameraden noch nicht einmal die Vokabeln Phreaking und Cracken übersetzen konnten. In 1LIVE Plan B war Williams Soundstory „Digital Unterground “ zu hören und berichtete von der „Scene“ in die auch er jahrelang abgetaucht war. 1LIVE stellt euch William Sen vor.

1LIVE: Warst du einer dieser typischen Computer-Nerds mit dicker Brille, den gebuchten Einsen in Mathe und eher wortkarg?

William Sen: Ich glaube, das Klischee passt nicht ganz so. Dieser Bereich der Computer-Faszinierten ist sehr breit gefächert. Es gibt Leute, die sind sehr stark technisch begabt, die sind auch mathematisch begabt. Die passen durchaus in das Klischee. Es gibt allerdings auch Hacker, die bewegen sich in einer Subkultur. Man denke mal an diesen typischen HipHopper oder an Sprayer. Von solch einer Subkultur reden wir hier. Da geht’s noch ein bisschen anders zu. Da ist nicht zwangsläufig der Einzelgänger unterwegs. Wir reden von verschiedenen Groups, die sich organisieren, kommunizieren und ein Bierchen zusammen trinken.

1LIVE: Zum Bierchen trinken warst du noch zu jung. Du hast mit neun deinen ersten Computer besessen. Ein ziemlicher Frühstarter für ein Kind in den 80igern.

William Sen: Ich beschreibe das immer als Liebe auf den ersten Blick. Ich habe diesen Rechner gesehen, und es war faszinierend. Es war das genialste Spielzeug, das ich je in den Händen gehalten habe. Der eine ist sportgetrieben, der andere sammelt irgendwas. Was mich besonders fasziniert hat, war das Programmieren. Man baut sich seine eigene Welt zusammen.

Stell dir vor, wenn man zehn Programmierer zusammenstellt und alle mit der selben Aufgabe betraut, dann würde jeder die Aufgabe mit einem anderen Code lösen. Und der Code, den ich programmiere, ist etwas absolut Individuelles und der Weg den man geht ist etwas Eigenes. Und nachher drückt man einen Knopf und bringt die Maschine zum Laufen. Man ist sozusagen Gott seiner eigenen Welt und kann darin tun und lassen was man will.

1LIVE: Du hast Stunden am Computer gesessen. Aber so ganz alleine war das sicher öde. Heute ergoogelt man sich Infos und Kontakte. Aber damals gab es noch kein Internet.

William Sen: Ich bin erst mal einer Computer AG in meiner Schule beigetreten. Aber das waren keine Leute mit viel Wissen. Und mein Lehrer war meines Erachtens ein Idiot. Ich hatte innerhalb kürzester Zeit Resultate erbracht, die viel interessanter waren als das, was er angeboten hatte. Also hat er mich rausgeworfen, weil ich das gemacht habe, was ich wollte. Klar wollte ich lieber Leute finden, von denen ich noch was lernen konnte. Also habe ich die Szene entdeckt. Die waren alle viel älter als ich. Bei meiner ersten Hackerparty war ich 13.

1LIVE: Du bist in die Hackerwelt abgetaucht. Muss man schon so sagen. Denn Hacker sind Tüftler, sind Getriebene. Sie wollen sich versuchen, Grenzen überschreiten. Was war deine Motivation?

William Sen: Das Problem ist immer, dass die meisten Leute keine Ahnung davon haben und einen mit ethisch-moralischen Anekdoten versuchen von Dingen abzuraten, die man gerne erforschen will. Das funktioniert so nicht. Also, mit einem neugierigen und auch energischen Jungen wie mir damals schon gar nicht. Ich habe damals Leute getroffen, die mir alles gesagt haben. Die mit mir ihr Wissen geteilt haben, mir erzählt haben, wie das Ganze funktioniert. Das hat mich fasziniert. Und das wollte ich wiederum auch mit anderen teilen. Dieses Teilen von Informationen war und ist unheimlich wichtig für mich. Ich habe in der Hackerszene viel mehr über Programmierung und Computer erfahren als andere. Und das Tolle ist ja, dass dieser „Verein“ dem ich angehört habe die Gesellschaft revolutioniert hat.

1LIVE: Die Hacker sind also die treibende Kraft aus dem Untergrund? Sie sind es, die Ideen weiterspinnen und mit ihrem Durst nach eine noch perfekteren Lösung Neues schaffen? Aber sie richten auch Schaden an. Wie zum Beispiel beim Phreaking.

William Sen: Es gibt eine Voraussetzung, um die Hacker richtig zu verstehen. Das erste ist die Neugier, die sie treibt. Das ist wie mit der kindlichen Frage woher eigentlich die Geräusche aus dem Radio kommen – ob da wohl kleine Männchen drin stecken? Dann gibt es die, die belassen es bei der Frage. Und es gibt die, die schrauben dieses Radio auseinander. Der Hacker will erfahren, was dahinter steckt. Zweitens, er wünscht sich, es zu verbessern. Er merkt, der Programmierer vor mir war gar nicht so clever. Und drittens, Hacker konstruieren gerne etwas Neues. Dann ist man wirklich ein Hacker. Und die Hacker sind ziemlich enttäuscht von Menschen, die nichts aufschrauben. Noch schlimmer sind die, die Dinge entwerfen, um Dinge vor dem Aufschrauben zu schützen. Typen, die solche Schutzsoftwares entwerfen, konnten diese Software aber nur aufgrund des Wissens anderer entwerfen. Er hat also von uns profitiert, weil wir getauscht haben. Er aber tauscht sein Wissen nicht mehr. Dieses Aufschrauben kann für einige als etwas Destruktives gesehen werden, aber es ist eine konstruktive Destruktion.

1LIVE: Ein großes Spielfeld der Hacker ist die Unterhaltungsindustrie, konkret die Musikindustrie. Sie hat die Hacker gar nicht lieb und sich in der Kampagne „Raubkopierer sind Verbrecher“ klar ausgedrückt. Dir gefällt dieser Begriff gar nicht. Warum?

William Sen: Ich glaube daran, dass der Konsument eigentlich willig ist zu kaufen und durchaus für ein gutes Produkt bezahlen will. Wir wissen ja auch alle, dass daran Arbeitsplätze hängen. Aber in dem Augenblick, wo ich versuche, den Konsumenten als den Bösen hinzustellen, nur weil mein Wirtschaftsmodell nicht mehr funktioniert, finde ich, ist das der falsche Weg.
Die Leute haben eine Nachfrage entwickelt, weil eine neue technologische Errungenschaft aufgetaucht ist. Wenn ich dann versuche, mit Gesetzen etwas zu erzwingen, mache in diesem Fall sogar die Kunden zu Dieben, dann läuft was falsch. Und dann stellt sich der Konsument gegen mich auf. Man kann nicht zwanghaft profitieren.

1LIVE: Du bist in der realen Welt, im Business angekommen. Bist vom Hacker zum Geschäftsführer einer Softwarefirma geworden. Wie viel vom 13-jährigen William steckt heute noch in dir?

William Sen: Ich denke, man muss so ein bisschen Kindlichkeit in dieser Sache mitbringen. Man darf alles nicht all zu ernst nehmen. Das Tollste am Kindsein ist, dass man sehr viele Dinge ausprobieren kann, ohne an die Konsequenzen denken zu müssen. Das kann man heute leider nicht mehr so. Zumindest aber hat man heute mehr die Kraft, die Theorie dazu zu entwickeln, um dann zu testen, ob sie funktionieren.

Diese Experimentierfreude und diese Neugier, die ich als Kind hatte, die trägt man weiter in sein Spezialgebiet, die Computer und die Technologie an sich. Das ist ja auch das Tolle daran, dass man immer wieder etwas Neues machen kann, ohne den Hammer in die Hand nehmen zu müssen. Alles, was man braucht, ist eine Tastatur.

WDR 2007

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.