Die zentrale Frage lautet: Wer darf kopieren?

Aargauer Zeitung

Aargauer Zeitung

Urheberrecht

Die beiden Journalisten Jan Krömer and William Sen geben einen Einblick in das Spannungsfeld zwischen Freiheit und Regulierung im elektronischen Feld.

Die Auseinandersetzungen um Freiheit und Regulierung im Internet führen immer wieder in die Zwickmühle. Paradox ist etwa, dass Hacker die von ihnen illegal kopierte Software mit Schutzmechanismen vor Diebstahl sichern. Paradox ist auch, dass die Konsumenten Qualität wollen, und dies zum Nulltarif. Und paradox wirkt, dass Softwareunternehmer wie Bill Gates einst als Hacker begonnen haben. In diesen Spannungsfeldern wird heute der Kampf um das revidierte Urheberrecht ausgefochten.

Eine gerechte Lösung wird sich nur finden lassen, wenn der ideologische Rigorismus abgebaut wird. Was heute beispielsweise mit  ‚Raub‘ und  ‚Illegalität‘ gleichgesetzt wird, war anfänglich die Bezeichnung für Technofreaks, die für die Freiheit des Software-Codes zum Wohl der ganzen Menschheit kämpften. Demzufolge handelt es sich bei ‚Hackern‘ weniger um finstere Piraten als um Verfechter eines Modells der Selbstregulierung im digitalen Feld, die Garantie ist für die kulturellen Unterschiede. Dies widerspricht allerdings oft den wirtschaftlichen Interessen. Bill Gates war einer der Ersten, die sich 1976 in einem formellen ‚Offenen Brief‘ von seinen Hacker-idealen entfernt hatten – viele munkeln, um den freien Code für sich selbst zu nutzen und Kopierschutz zu sichern.

DAS INTERNET …

… ist ein globales Medium, das dezentral strukturiert ist. Paradox müssen demnach Bestrebungen wirken, die dieses Medium zu nehmend monopolisieren wollen. Mediengiganten wie Microsoft, Google oder Apple kämpfen mit allen Bandagen um den Schutz ihrer Produkte und um Aufmerksamkeit im Wirrwarr des World Wide Web. Dafür gehen sie immer umfassendere Kooperationen ein, um ihre Marktmacht zu stärken. Seit einiger Zeit bekommen dies auch vereinzelte Internetbenutzer zu spüren, die Musikdateien oder Programme kostenlos aus dem Netz heruntergeladen haben. Sie werden angeklagt und verurteilt. Parallel dazu aber hat dieser Tage der Musikmulti ‚Universal‘ angekündigt, dass er demnächst alle seine Musiktitel gratis zum Download anbieten wolle. Es herrscht ein Tohuwabohu im Internet. Deshalb kann die Lektüre des Buches ‚NO COPY‚ von Jan Krömer und William Sen nicht schaden. Die beiden Autoren erörtern gut lesbar, fundiert und abwägend die verschiedensten Aspekte im Spannungsfeld von Legalität und Illegalität, von Ideal und Geschäft. Ohne kritiklos für eine der Interessengruppen Partei zu nehmen, wehren sich Krömer und Sen gegen den Vorwurf, dass das Kopieren respektive die- Kultur des Kopierens (Stichwort Sampling) einfach mit einem ‚räuberischen‘ Verbrechen gleichgesetzt werden dürfe, wie es die Medienindustrie weismachen will. Die digitale Revolution hat nicht nur die Gesellschaft, sondern such die Gesetzeslage überholt und Altgediente Gewohnheiten in den Bereich der Halblegalität verschoben.

IM BUCH IST

ein Interview mit dem Copyright-Spezialisten Lawrence Lessig mit abgedruckt. Er plädiert vehement für das Grundprinzip Freiheit, weil dieses den Kreativschaffenden entgegenkommt, die ohnehin in der schwächeren Position sind. Freiheit allein ist noch nicht gerecht, doch sie fordert Fairness für alle – wogegen Macht nicht unbedingt fair zu sein braucht. Darauf sollte das neue Urheberrechtsgesetz Rücksicht nehmen. Es sind kreative Lösungen gefragt, jenseits von utopischen Leitsätzen einerseits and rein ökonomischer Ansprüche andererseits. Mit besonderen Augenmerk sind vor allem die digitalen Kopierschutztechniken (DRMS) zu beobachten, die nicht nur illegales Kopieren verhindern, sondern womöglich auch die Käufer an die digitale Leine nehmen. Beobachtet man die derzeitigen Feldzüge gegen Schwarzkopierer, schreiben Krömer und Sen, zeigt sich, dass die Hersteller ihrerseits nicht bereit sind, dem Kunden zu vertrauen.

SOLCHES MISSTRAUEN …

… vergisst leicht, dass der beste Schutz der Urheberrechte nicht durch Strafandrohungen, sondern durch das Bewusstsein der Konsumenten für die Rechte der Urheber gewährleistet wird. Wer deren Leistungen zu schätzen weiss, ist auch bereit, dafür zu bezahlen. Schnäppchen-Mentalität ebenso wie rigoroses Machtgebaren verhindern solche Einsicht and fördern stattdessen Abwehrreaktionen, die der Sache nicht dienen. Das Buch ‚NO COPY‚ verhilft diesbezüglich zu einem vertiefteren Verständnis.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.