Hat die taz den Abmahnanwalt Gravenreuth umgebracht?

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Warum der Erfinder der Abmahnung tot aufgefunden wurde

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Günter Freiherr von Gravenreuth galt als der Anwalt, der in Deutschland die Abmahnung erfand. Eine Gesetzeslücke in Deutschland, die es Rechtsanwälten erlaubt, andere wegen einer Rechtsverletzung zu Kasse zu bitten – auch wenn weder ihre Rechte noch die ihres Mandanten verletzt werden. Auf diese Weise entstand eine neue skurrile Anwaltsindustrie. Die sogenannten Impressumsjäger durchstöbern beispielsweise noch heute irgendwelche Websites, bei denen das Impressum Fehler enthält, wie zum Beispiel das Fehlen einer simplen Rufnummer. Der Empfänger bekommt eine der vielen Massenabmahnungen mit einer Kostennote. Viele Kanzleien sind so zu ihrem Reichtum gekommen.

Von Gravenreuth war bekannt dafür auf dem Gesetz zu reiten, um sich auf jede erdenkliche Weise zu bereichern. So erhielt er eines Tages eine Werbe-Email der Tageszeitung taz. Prompt mahnte er auch die taz ab. Diese ließ dem Anwalt im Laufe des Verfahren ein Fax mit einem Widerspruch zukommen. Soweit so gut.

Günter Freiherr von Gravenreuth

Die Website des Anwalts von Die Website des Anwalts von Gravenreuth nach seinem Tod

Ehrlichkeit unbekannt, ließ Herr von Gravenreuth allerdings vor dem Amtsgericht verlauten, er habe dieses Fax nie erhalten und ließ eine Pfändung der Domain www.taz.de in die Wege leiten – ein weiterer Geniestreich aus dem Hause von Gravenreuth, wie beispielsweise nicht das Sofa oder den Kaffeespender der taz zur Pfändung zu diktieren, sondern eine Internetadresse.

Doch diesmal hatte sich der Anwalt mit dem falschen Medium angelegt. Die taz lief mit der Angelegenheit zum Staatsanwalt und erklärte glaubwürdig, das Fax abgeschickt zu haben. Der Staatsanwalt sah die einzige Möglichkeit den Beweis zu erbringen darin im Anwaltsbüro doch selbst nachzuschauen, ob nun dieses Fax tatsächlich bei Gravenreuth vorliege oder nicht,.

Abschiedsbrief Gravenreuth

Auszug aus dem Original-Abschiedsbrief des Anwalts Günter Freiherr von Gravenreuth

Als der Abmahnanwalt eines morgens in seinem Büro antrat, stand er vor einer aufgebrochenen Tür. Der Grund war eine klassische Hausdurchsuchung: Die Polizei hatte am jenen morgen die Büroräumlichkeiten des Abmahnanwalts aufgebrochen und das Fax gefunden.

Die Angelegenheit landete vor Gericht. Und am Ende der Berufung und Revision kam das endgültige Urteil: 14 Monate Haft ohne Bewährung für Günter Freiherr von Gravenreuth. Der Richter solle außerdem gesagt haben: “Die Gesellschaft muss vor Leuten wie Sie geschützt werden”.

Wenige Wochen vor dem angekündigten Haftantritt begann der Anwalt schließlich Selbstmord. In seinem Abschiedsbrief mit dem Betreff “Ein letzter Gruß in die Runde!” schrieb er unter anderem: “Ich habe eine scharfe Waffe und jage mir jetzt eine Kugel in den Kopf.” Aus einem anderen Blickwinkel kann man sarkastisch behaupten, eigentlich hat doch die taz Gravenreuth umgebracht.