Die Szene lebt!

Die größte Hackerkultur der Welt

März 1999 | von William Sen, Denis Moschitto, Nico Barbat

Die Szene – wer kennt wohl nicht die von ihr geschaffenen, atemberaubenden Tunnelfahrten und die komplex umhertanzenden Vektorgebilde, die selbst kritische Augen zum Leuchten bringen?

Release Scene

Die Release Scene

Seit Beginn der in den späten 80er Jahren eingeläuteten Multimedia-Ära konnte die Szene mit ihren Demos und anderen Produktionen die Fähigkeiten des Computers und ihr eigenes Können beeindruckend unter Beweis stellen – nur mit bester Programmierfähigkeit, Kreativität, guter Zusammenarbeit und dem nötigen Quentchen Talent können dem PC immer wieder neue technische Höchstleistungen und Glanzpunkte entlockt werden. Der durch Zeitmangel oder Desinteresse hervorgerufene Weggang hartgesottener Szeneleute alter Zeit wird durch das ständige Entstehen neuer Generationen von Demoprogrammierern deutlich kompensiert. Durch wechselnde Ideen werden immer wieder neue und noch aufwendigere Effekte aus dem PC herausgekitzelt. Die sonst im Untergrund agierende Demoszene ist heutzutage auch für die Öffentlichkeit zugänglich geworden. Demos werden längst nicht mehr nur durch „Handspreading“ oder „Snail Mail“ nur an Insider weitergegeben, sondern über das Internet veröffentlicht und verbreitet. Auch das Aminet und unzählbare FTP-Server der Demoszene können hier als eine öffentliche Zugangsquelle für alle Demoliebhaber genutzt werden.

Anlass für viele Demoproduktionen sind in zunehmendem Maße auch regelmäßige Szeneparties, die sich mittlerweile zur Tradition entwickelt haben und teilweise gigantische Ausmaße annehmen. Sie geben der Szene weiterhin die Motivation, hochwertige und faszinierende Demos für den PC herzustellen. Im letzten Jahr konnte sogar eine Rekordzahl von weltweit über 70 großen Parties verzeichnet werden – Tendenz steigend. Der Grund für die wachsende Popularität dieser Veranstaltungen ist die zunehmende Professionalität der Organisatoren. Längst zählt professionelles Sponsoring durch namhafte Unternehmen aus der Computer-, Telekommunikations- und Getränkebranche zum wichtigen Faktor für eine gelungene Party. Denn nur mit dem nötigen finanziellen Polster können die mitunter sehr hohen Preise für die traditionellen Competitions (Demo-, Intro-, Musik- und Grafik-Wettbewerbe) und die anfallenden Kosten getragen werden. So treffen sich bis zu 4000 Menschen auf den Parties. Wohlgemerkt nicht nur Szeneleute, sondern auch andere Interessierte und in den letzten Jahren verstärkt auch die Presse, die in Zeitungen, Radio und Fernsehen dem Party-Trend und damit der Demoszene die verdiente Beachtung schenken. Obgleich die wichtigsten, weil größten und ältesten Events in Skandinavien stattfinden (The Party in Dänemark am Jahresende, The Assembly in Finnland im Herbst und The Gathering in Norwegen im Frühjahr), demonstriert die Szene auch in Polen, Frankreich, Ungarn oder sogar in Australien und Nord-Amerika und natürlich in Deutschland ihre Zusammengehörigkeit. Hierzulande bieten insbesondere die alljährlich zu Ostern bei Hamburg stattfindende Mekka+Symposium-Party Gelegenheit zum Treffen mit anderen „Scenern“. Die meisten Parties werden auf der Scene-Central-Homepage angekündigt. Eine detaillierte Sammlung von Party-Links bietet die Scenet-Webseite. Ebenso sind unter anderem im Internet die auf den Parties veröffentlichten Demos zu finden.

Demoscene

Demoscene

Die dort ebenfalls veröffentlichten ersten Demos für die neue Grafikkarten-Generation lassen die älteren Demos übrigens technisch im Schatten stehen und weisen den Weg in die Zukunft. Sie verdeutlichen, was der PC möglich machen kann, wenn er ausgereizt wird, und welche Maßstäbe er auch für den kommerziellen Bereich setzt. Oft fanden wir uns in wilden Diskussionen mit vermeintlichen Kennern der Szene wieder, die lautstark behaupteten, die Szene hätte bisher keinerlei reelle Leistung erbracht. Demos scheinen auf den ersten Blick keine wirklich vorantreibenden Software-Entwicklungen zu sein, jedoch beweist eine genauere Überprüfung das totale Gegenteil: unzählige Programmroutinen komplexer Effekte, die ursprünglich in Demos ihren Platz hatten, fanden in Computerspielen eine neue Verwendung. Voxelspace, Paralaxscrolling, Colorshading oder Dot-Routinen – die Liste der durch die Demoszene eingeführten Innovationen ist endlos. Aber nicht nur auf dem Spielmarkt, sondern auch im Anwendungsbereich finden sich immer wieder neue Produkte, die von Szenemitgliedern entwickelt wurden. Man erinnere sich an Red Sector’s Demomaker, der durch die Firma Data Becker zu einem Kassenschlager wurde und in einer erweiterten Auflage auch für andere Plattformen zu erwerben war. Besonders hervorzuheben sind Softwareprodukte im Audioverarbeitungs- und Abspiel-Bereich. Die Tracker, die auch heute noch zu den beliebtesten Kompositoren zählen, wurden von der Gruppe „Cryptoburners“ mit dem legenderen Protracker ins ins Leben gerufen. Die Szenegruppe Abyss verblüffte mit ihrem quirligen Tracker „AHX“, der früher noch unter dem schon vorher von Lucasfilm geschützten Namen „THX“ bekannt war. Dieses kleine Programm lässt Nostalgiker-Herzen höher schlafen, indem es die Erzeugung von Musikstücken auf vier Kanälen ermöglicht, die den alten Sidtunes vom C-64 täuschend ähnlich klingen. Besonders beachtenswert sind auch die Beiträge der Szene im Grafik-Bereich: nicht wenige Effekte in Bildbearbeitungs-, Morphing- und Raytracing-Programmen entstammen den bekannten Demos alter Zeiten. Die meisten Softwareprodukte, die aus der Szene an die Öffentlichkeit gelangen, gehören zum Shareware- oder sogar Freeware-Bereich und sind leicht im Aminet zu finden – ein genauer Blick lohnt sich also in jedem Fall.

Man kann also getrost behaupten, dass die Demoszene aktiver ist als je zuvor. Auch aus diesem Grunde werden wir noch viel von ihr hören.


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