Jeder Code ist zu knacken

stadtrevue

Die Kölner Autoren Jan Krömer und William Sen haben ein Standardwerk über digitale Raubkopien vorgelegt

Stadtrevue Mai 2006

Stadtrevue Mai 2006

„Raubkopierer sind Verbrecher“, spätestens mit diesem Kinowerbespot sickerte eine Problematik in den Mainstream ein, die zuvor Minderheiten vorbehalten war. Es war die späte Reaktion einer überforderten Industrie auf ein Phänomen, das kaum mehr aufzuhalten ist. Oder doch? In ihrem ausgezeichneten Überblickswerk „No Copy“ versuchen sich die beiden Autoren Jan Krömer und William Sen dem Thema der digitalen Raubkopie aus verschiedenen Gesichtspunkten zu nähern. Sie ziehen historische Linien von den Anfängen der Hackerkultur bis zum Gelegenheitsdownloader heute und kommentieren die Entwicklung als – unvermeidbar. Hochinteressant sind Einblicke in die verschiedenen Szenen: die sogenannten Releasegroups mit ihren sportlichen Wettbewerben sofort Kopien zu ergattern, die FXP-Groups der zweiten Generation als Distributoren etc.

Die Stärken dieses Standardwerks bestehen darin, die Begrifflichkeiten auf den Punkt zu bringen. Und es richtet sich nicht an spezialisierte Nerds, sondern an alle Interessierten. Ein Computerbuch für Laien, geht das?

StadtRevue: Im Laufe der Jahre ist das Thema aufgestiegen von einem Insider- zu einem Massenphänomen. Wie erklärt ihr Euch diese Entwicklung?

William Sen: Zum einen haben die Menschen durch das Internet Zugang zu einer bislang unvorstellbaren Fülle von Informationen erhalten. Zum anderen hat der Vernetzungsgedanke ein neuartiges Denken hervorgerufen. Diese Kombination ist geradezu revolutionär. Das Internet ermöglicht den Menschen ein kollektives Handeln, das alle bislang bekannten Nachrichten-Übermittlungsformen in den Schatten stellt. Ich gehe sogar noch weiter und behaupte, dass wir uns nun von einer individualistischen Gesellschaft hin zu einer vernetzt-denkenden Gesellschaft entwickeln. Es gibt ja jetzt bereits gute Bespiele im Netz, wie das kollektive Handeln Produkte erschafft, die prorietäre Produkte in den Schatten stellen. Wikipedia ist eins der faszinierendsten Beispiele.

Das Phänomen ist in ständigem Wandel begriffen: Was sind die aktuellen Reaktionen der Industrie auf die Problematik, ganz konkret in den Bereichen Musik, Film und Games? Was für Maßnahmen sind ergriffen worden, welche sind geplant?

Jan Krömer: Die Reaktionen der Musik- und Filmindustrie setzen sich aus zum Teil recht aggressiver Öffentlichkeitsarbeit und Klagen gegen Schwarzkopierer zusammen. Da gibt es die Kampagne „Raubkopierer sind Verbrecher“, die ein Bewusstsein für die Illegalität des Schwarzkopierens schaffen will. Sie erklärt aber eine beträchtliche Anzahl an rechtmäßigen Kunden, die eben auch downloaden, zu Kriminellen. Zudem werden Klagen gegen Tauschbörsennutzer eingereicht. Erst vor einigen Tagen hat die Musikindustrie wieder über tausend Strafanzeigen gestellt. Natürlich wird auch gezielt Lobbyarbeit betrieben, um Änderungen am Urheberrecht zugunsten der Industrie zu beeinflussen. Die Spieleindustrie ist nicht ganz so aggressiv in ihrem Vorgehen, doch auch hier wird zum Beispiel gegen Tauschbörsennutzer vorgegangen. Im September 2005 wurden auf Betreiben des Herstellers Zuxxez über 12.000 Internetnutzer angezeigt, die sich das Spiel „Earth 2160“ heruntergeladen hatten.

Wie schätzt ihr diese Maßnahmen ein?

Jan Krömer: Der Erfolg dieser Maßnahmen ist mehr als fraglich. In Einzelfällen kann zwar schon einmal die Veröffentlichung einer Schwarzkopie etwas verzögert werden, die Verbreitung einer Kopie kann jedoch niemals völlig verhindert werden. Viele entwickeln durch Kriminalisierungskampagnen, Klagen und einschränkende Kopierschutzverfahren auch eine Protesthaltung gegenüber der Industrie und laden mehr Kopien herunter. Millionen von Internetnutzern zu überwachen und zu verklagen, ist schlicht unmöglich.

Ihr sagt in Eurem Buch ganz lapidar, dass jeder Code zu knacken ist. Das ist auch der Industrie bewusst, warum bleiben sie dann bei diesem Verfahren?

Jan Krömer: Die Idee, das Kopieren durch den perfekten Kopierschutz schon im Ansatz verhindern zu können, ist zunächst einmal verlockend. Technisch gesehen ist es aber eine Illusion. Dass die Industrie dennoch daran festhält, verdeutlicht ihre Ratlosigkeit.

William Sen: Entscheidungsträger in der Industrie sind selten Hacker und Cracker. Der Gedanke, einen unknackbaren Code entwickeln zu können, scheint für viele eine Frage der Investition und des Managements zu sein. Neue Verschlüsselungsmethoden und -entwicklungen gibt es ja tatsächlich, das gibt dem Entscheider das Gefühl, einen Kopierschutz zu entwickeln oder zu verbessern mache Sinn. Die Auswirkungen, damit den Wettlauf anzukurbeln sind den meisten gar nicht klar.

Text und Interview: H. Behr

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