Legal, illegal, scheißegal

Das Netz ermöglicht, wovon Karl Marx träumte. Unter Beibehaltung des Kapitalismus

Die Tageszeitung

Die Oster Spezialausgabe der taz (Die Tageszeitung) von April 2006

Sieben Jahre nach dem Start der ersten Internet-Tauschbörse ist die Musikindustrie auf der verzweifelten Suche nach einem Gegenmittel zum kostenlosen Download. 2005 meldete sie zum siebten Mal in Folge einen Umsatzrückgang. Gegenüber dem Jahr 1998 sank der Absatz von Tonträgern um 45 Prozent, ein Drittel der Arbeitsplätze wurde abgebaut.

Jahrelang gab es keine legale Alternative. Die Devise lautete: Klage statt Kundenservice. Die Industrie reagiert genervt. Warner Music möchte das Thema am liebsten nicht mehr kommentieren. Zu oft habe man in letzter Zeit von der Presse „eine Klatsche gekriegt“. Der Dynamik des Netzes stehen die Plattenfirmen hilflos gegenüber. Die Idee der freien Verfügbarkeit von Daten ist tief im Internet verankert. Der Vorgänger des heutigen World Wide Web entstand in einem akademischen Umfeld, in dem das Teilen von Wissen selbstverständlich war. Die dem Internet zu Grunde liegende Technik ist bis heute frei von Lizenzbeschränkungen.

Und so wird auch Musik frei im Internet geteilt. Das Netz macht möglich, wovon Karl Marx träumte. Alles gehört allen. Aber auch das kapitalistische Prinzip regiert: Jeder agiert als „homo oeconomicus“, wenn er die kostenlose Kopie dem teuren Original vorzieht. Er nutzt den digitalen Kommunismus zur persönlichen Nutzenmaximierung. Erst umsonst herunterladen und dann mit der Gesellschaft teilen – der „Dot-Communism“ hebelt das klassische Geschäftsmodell der Plattenfirmen einfach aus.

Nach Genre sortiert lagern auf den Rechnern vieler Downloader unzählige Musikdateien. „In den letzten zwei Jahren ist mir kaum eine wichtige Veröffentlichung entgangen“, erzählt ein 24-jähriger Student. Wenn es eines Tages keine illegalen Tauschbörsen mehr geben sollte – er hätte vorgesorgt. Beinahe 30.000 Lieder im digitalen MP3-Format hat er bislang gehortet. Damit könnte er drei Monate nonstop Musik hören. Und er ist nicht der Einzige. „Ich kenne Leute, die haben noch viel mehr Musik auf ihrer Festplatte“, sagt er. Sein ganzer Stolz ist ein Ordner mit unveröffentlicht gebliebenen Alben. Was früher Fehlpressungen und rare Bootlegs waren, sind heute Ordner mit MP3-Dateien – die gerade erst dadurch so besonders wurden, dass sie noch vor Erscheinen des Albums heruntergeladen wurden. Das Gesetz kann der Industrie da schon lange nicht mehr helfen, stammt es doch zumeist noch aus der „analogen Welt“. In der „digitalen Welt“ funktionieren die Regelungen einfach nicht mehr. Und so nützt es den Plattenfirmen wenig, die Rechtsprechung auf ihrer Seite zu haben. Zwar versuchen sie, gegen das Raubkopieren mit Kopierschutztechniken und rechtlichen Maßnahmen vorzugehen. Doch jeder Kopierschutz ist bislang geknackt worden, und Millionen Downloader zu verfolgen ist einfach nicht möglich. Immer mehr Computernutzer entziehen sich der Macht der Konzerne und bilden eigene Netzgemeinschaften. Mit Hilfe von Sound-Dateien verbreiten Internetnutzer ihre eigenen Radiosendungen genannt Podcasts. Und dank Weblogs dringt die Netz-Community nun auch in die Welt des Online-Journalismus vor.

Dem Individualismus der Offline-Welt entgegnet die digitale Welt mit einer neuen Kollektivität. Für den Stanford-Juristen Lawrence Lessig ist das die große Chance des Webs: „Ich denke, das Aufregendste am Internet ist sein Potential für eine aktive Kultur, in der Verbraucher sowohl konsumieren als auch kreieren. Und das auf eine Art, wie wir es uns niemals hätten vorstellen können.“ Im Gegensatz zu großen Konzernen ist die Netzgemeinde schnell und flexibel. Macht eine Tauschbörse zu, entsteht innerhalb weniger Tage eine neue. Die Plattenfirmen hingegen brauchten Jahre, um legale Downloadmöglichkeiten als Antwort auf die Tauschbörsen präsentieren zu können. Es scheint, als könnte der Kommunismus durch die Hintertür des Internets doch noch zu einem späten Sieg gelangen. Die Revolution ist friedlich und die Industrie droht sie einfach zu verschlafen.

Literaturangabe


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