Rahel Savoldelli und der Wille der Tanzkunst, in keine Schublade mehr zu passen.

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balettanz – Zeitschrift für Ballett, Tanz und Performance

Alle kreativen Köpfe definieren sich gern als universelle Allround-Künstler, damit sie selbstbestimmt aus einem Warenkorb der Künste wählen können – mal Paella, mal Salat, mal ein Steak.

Oder eben wie einst der Mimos in der Antike – mal Schauspiel, mal Tanz, mal Gesang. Kann man nicht mit allem brillieren, ohne gleich als Da Vinci, das Universalgenie, zu gelten? Meint das „Tanz-Kunst“? Oder geht es nicht in Wahrheit um das genaue Gegenteil: Schubladenferne. Gut, ist auch eine Kategorie. In sie fällt: Rahel Savoldelli, die in Berlin mit der Schauspielerin Anne Tismer das besonders schubladenferne Kollektiv Gutes Tun gegründet hat.

In Bordeaux zum Festival Les Grandes traversées, einem zweitägigen Programm mit Performern aus Berlin, New York und Buenos Aires mit dem in Berlin lebenden Gastgeber Jared Gradinger, zeigt sie ihr Solo „CopyME“ und vervielfältigt sich gleich dreist per Video zum Trio. Am Anfang, belustigend und spannungsvoll, kommt sie noch ganz unschuldig im Kinder-Kart auf die Bühne, demselben, auf dem sie vorher im Video durch lange Amtsflure fuhr. Während sie nun mit dem Tamburin in der Hand über die Bühne flitzt, stellt sie sich als Bandleaderin vor, deren Freundinnen auf der Leinwand nichts als Kopien ihrer selbst sind. Da geht’s los mit dem Kopierschutz. Wer schützt sich hier vor wem? In Rahels Frauenrockband streitet man sich, geht auseinander, versöhnt sich wieder.

Die Bassistin und die Gitarristin sind irgendwie auch Mutter und Schwester, also Alter Egos und damit so unentbehrliche wie unerträgliche Ableger. Von diesen drei Frauentypen ist die einzig Fleischliche, unsere Solistin Rahel, auch die Rebellischste. Sie legt Kabel aus und mokiert sich, dass man Marihuana zwar rauchen aber nicht verkaufen darf. Sie raunzt alle und jeden an (auch ihr eigenes Abbild), weil alle sie kopieren wollen, ob ganz oder in Teilen. Sie kopiert sich als ihre eigene Kopie, wie als Sicherheitsdatei. Dann wirft sie lässig CDs ins Publikum, Kopien von „CopyME„.

Zu Hause stellt sich heraus: Die Scheibe ist völlig unbespielt! Kopien sind Illusionen. „CopyME„, das ist nonchalant, aufmüpfig und wie viele Werke aus deutschen Landen gern eine Auseinandersetzung mit Recht und Ordnung, der Kopierordnung und seinen Rechtskopien. So kommt, zum bösen Ende, die Bilderstürmerin aus dem Berliner Ballhaus Ost mit der Axt auf die Bühne, bereit zur Apokalypse. Das ist nicht mal Anti-Haltung, wie etwa bei Maguy Marin, die derzeit in jedem neuen Stück ruft: Seht her, ich mache keinen Tanz! Was „CopyME“ so brillant macht, ist vielmehr, dass Schubladen sich dadurch auszeichnen, dass sie irgendwann klemmen und sich weder öffnen noch schließen lassen.

Nehmen wir nur ihren Gastgeber in Bordeaux, Jared Gradinger. Er hat nie eine Tanzausbildung genossen, ist aber in den Stücken von Constanza Macras ihr bester Tänzer. Ein Kraftbündel, ein Original – so ist man doch geneigt zu sagen. Kann so einer Tanzkünstler sein? Umgekehrt, durchläuft eine wie Rahel die institutionelle Ausbildung und lernt alle Lernprozesse, um sie später auch ja anzuwenden …als Kopie des Kopierten?

Nun, es scheint, das macht der Künstler der Zukunft nicht mehr mit. Nicht Savoldelli, die so forsch und unbekümmert vor das Publikum tritt, deren Naivität fein gespielt ist, was ebenso zum Klonen von Emotionen gehört wie das Schauspielen. Aber das machen ja auch Tänzer und Sänger. Alle Schubladen klemmen. Wer würde bei „CopyME“ nun entscheiden wollen, ob es sich um Theater handelt (der Begriff enthält eh schon alles, was auf einer Bühne läuft), um Tanz (hier doch nicht, aber welches Tanzfestival stört das schon), um Videokunst (gewiss), um Kleinkunst (es ist ein Solo ohne Bühnenbild), um Kabarett (sogar politisches) um Performance (natürlich ja, siehe Theater)? Ist Rahel Savoldelli somit die Anti-Schublade mit Kopierschutz? Oder im Gegenteil die Tänzerin in allen Schubladen, die so wenig tanzt wie die Medien? „CopyME“ spielt eben damit, dass wir längst hybride Wesen aus Mensch und Medium sind.

Wenn die Identität des Menschen nur noch über seine virtuelle Präsenz glaubhaft ist, dann ist sie auch kopierbar. Raubkopierbar im Datenklau. In der Kunst aber ist Kopieren nie ein nur genaues Abbilden. Jede Kopie ist vielmehr eine Bearbeitung, daher eine Bereicherung des Originals, eine Zeugung aus zwei Köpfen. So wie Savoldelli aus sich selbst im Video eine Mutterfigur erfindet, sich also gewissermaßen rückwärts kopiert … was aber nicht erlaubt ist! Und ihr Protestruf daraufhin, „Ich habe Kopierschutz!“, bloße Ironie bleiben muss. Denn schon der Titel enthält ja eine eindeutige Aufforderung. Das Originalgenie gibt es so wenig, wie es Schubladen für seine Klone geben kann – denn ein Original zeichnet sich gerade dadurch aus, dass es in keine Kategorie passt. Wie Rahel Savoldelli.

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