Aktueller Hinweis zu diesem Artikel: Dieser Beitrag von Dr. William Sen ist am 12. Oktober 2004 im Portal Competence Site erschienen und ist aus unserem Archiv. Der Artikel wurde ebenfalls am 11. November 2004 im Magazin Wissenskapital (mittlerweile aufgelöst) veröffentlicht 


E-Learning ist tot, Knowledge Management funktioniert nicht, Enterprise Portals werden von Mitarbeitern nicht genutzt und Email wird es in 5 Jahren wegen Spamming nicht mehr geben.

Sieht es wirklich so düster aus um die IT-Infrastruktur?

Sicherlich sind viele pessimistische Prognosen übertrieben. Doch, es ist nicht von der Hand zu weisen. Angefangen von dem Aktiencrash im September 2000, von denen fast alle technologischen Aktien betroffen waren, ist die Stimmung seitdem unter dem Gefrierpunkt.

Teufelskreis des Investments

Viele Projekte in Unternehmen, die einst mit großer Begeisterung angefangen wurden, werden nun mit gezogener Handbremse weitergeführt, die Budgets werden stark gekürzt, langfristige Projekte oft gestrichen.

Es muss allerdings die Frage gestellt werden, ob diese Reaktion auf eine Krise gerechtfertigt ist. Viele Risikokapitalisten haben das Venture Capital bereits stark zurückgeschraubt. Was einst großzügig und übertrieben vor September 2000 gefördert wurde, scheint jetzt einen gegenteiligen Effekt verursacht zu haben. Innovative Projekte werden, so scheint es, nicht mehr gefördert. Wer heute mit einer innovativen Idee überzeugen möchte, wird bei Risikokapitalisten sicher nicht auf euphorische Gemüter treffen.
Hat jedoch mit dem Abwärtstrend auch die Innovation abgenommen? Haben »kreative Eliten« unserer Gesellschaft, die durchaus zu guten und erfolgsversprechenden Ideen in der Vergangenheit fähig waren, ihre Skills mit dem Abwärtstrend verloren? Sicherlich nicht. Übertriebene Investments während des großen IT-Booms waren gewiss nicht immer Erfolg versprechend. Genauso wenig können übertriebene Sparmaßnahmen langfristig Innovationen hervorrufen. Ein Teufelskreis, dem man nur wieder ausweichen kann, wenn man wieder die „gesunde Mitte“ wieder findet.

e-Learning

Auf der Suche nach einer gesunden Mitte und weg vom ewigen Pessimismus, kann man behaupten, dass viele IT-Projekte weiterhin zukunftsweisend bleiben, auch wenn sie derzeit eine Flaute erleben. E-Learning beispielsweise ist längst nicht tot, vielleicht im Gegenteil, zumindest in einer „Ruhepause“. Analysten gehen davon aus, dass e-Learning in den nächsten 10-15 Jahren zum Hauptbestandteil der wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Weiterbildung gehören wird. Das Problem an dieser Behauptung: Keiner will sie derzeit hören. Zuviel hat man in e-Learning-Projekte reingesteckt, zu wenig scheint dabei herausgekommen zu sein. Mitarbeiter zum Lernen zu motivieren stellte sich dann schließlich als eine schwierige Herausforderung dar, ganz zu schweigen davon, dass Lernerfolge sich nicht in Zahlen messen können, genauso wenig individuelles Wissen. Ein Problem, das viele wissensbasierte IT-Lösungen haben. Der Grund, warum e-Learning heute so schnell in ein Tiefpunkt gelangen konnte, ist vielleicht so einfach erklärt, dass es auf den ersten Blick nicht realisiert wird:

Die Idee war der Zeit voraus, die Nachfrage seitens der Mitarbeiter auch nicht vorhanden.

e-Learning-Technologie

Das „Lesen auf dem Bildschirm“ ersetzt für die meisten Benutzer noch lange keine Papierlektüre. Das liegt nicht nur daran, dass Bildschirmtechnologien in den meisten Arbeitsplätzen heute immer noch zu wünschen übrig lassen. WiFi-Technologien in Unternehmen gehören lange nicht zum Standard, zumal nicht alle Mitarbeiter mit Laptops ausgerüstet sind. Vom „globalen Lernen jederzeit und überall“ kann also noch lange nicht die Rede sein. Zudem kommt noch, dass einige Wissens-Anwendungen nicht mal die Grundsätze der Software-Ergonomie (siehe z.B. ISO 9241) berücksichtigen. Und vielleicht das wichtigste: Der Mensch liest nun mal gerne auf Papier. Nicht aber, weil Papier geduldig ist, sondern weil er das so gewohnt ist. Die Mensch-Computer-Interaktion ist somit ein wichtiger Punkt für das heutige scheitern von vielen IT-Technologien, die nur Erfolge aufweisen können, wenn möglichst viele Mitarbeiter sie auch nutzen. Anders also bei einem Programmierer, ist bei einem klassischen Mitarbeiter die Handhabung von neuen Wissens-Anwendungen noch lange nicht so selbstverständlich.
So ist ein Scheitern oft vorprogrammiert: Mitarbeiter nutzen die Anwendung nicht, sie sehe

anschließend keinen Nutzen darin. Als Reaktion wird die Anwendung nicht weiter vorangetrieben und führt ein stilles und mäßiges Eigenleben, z. B. als Teil eines Unternehmensportals. Viele innovative Projekte scheitern auf diese Weise, Projektleiter werfen schließlich das Handtuch.

Trend

Was wird aber passieren und passiert bereits? Trotz des fehlenden Wirtschaftsaufschwungs nimmt die Entwicklung der Technologie trotzdem zügig zu. WiFi-Technologie steckt zwar gerade in den Kinderschuhen, sie wird in den nächsten Jahren unsere Kommunikation jedoch noch einmal grundlegend verändern.

Zunehmende Hotspots in Cafés (siehe Starbucks) unterstreichend diesen Trend: Mobile Einheiten, die immer mehr für WiFi stehen. „Lesen auf dem Bildschirm“ kann nur durch mobile Einheiten, die anwenderfreundlicher gestaltet sind eine neue Wissensnachfrage schaffen, die dann eben getrieben werden von flächendeckenden WiFi-Angeboten. Spätestens dann, wenn Menschen anfangen nicht mehr in Langenscheidts-Wörterbüchern nachzuschlagen, um ein Wort zu suchen, sondern ihre mobilen Einheiten adhoc benutzen, sind weitere Schritte nicht aufzuhalten: Wissen ist dann wirklich jederzeit von überall verfügbar. Und dann wird auch die Nachfrage nach Wissensanwendungen, wie e-Learning, diesmal von dem Benutzer selbst geschaffen, ohne das Unternehmen kostspielig diese Nachfrage erst bilden müssen. Abzusehen ist dann, wer die First-Mover der neuen Generation sein werden. Aber dann muss es eben die richtige Zeit sein, damit ein neuer Startschuss Wissens-Anbieter wieder zurück auf die Rennstrecke holt.


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