Selbstregulation statt Kontrolle

Selbstregulierung

von Dr. William Sen

Wenn man ein System betritt, wie beispielsweise ein Unternehmensportal oder Wissensportal im Internet, wird man zunächst eine Fülle von Regeln beachten müssen, bevor man publiziert. Artikel gehören in vorbestimmte Kategorien hinein, Länge der Inhalte sind meist limitiert. Doch, kann man ein System auch einfach sich selbst überlassen und dann hoffen, dass es dann funktioniert?

Der Gedanke, ein System sich selbst zu überlassen ist in der IT im Grunde nicht neu. Gerade das Internet lebt und profitiert davon, dass jeder Benutzer als Teil der Community Informationen publizieren kann. Oft wird auf die mangelnde Qualität der Inhalte hingewiesen. Doch die Fülle der Teilnehmer macht es im Grunde möglich: Wenn jeder genug Inhalte zu einem Thema publiziert und möglichst viele Teilnehmer mitmachen, kann man auch damit argumentieren, dass ein Vergleich wiederum die Qualität sichert.
Betrachten wir den Begriff Selbstregulation mal etwas näher. Der Begriff wurde 1929 von Walter B. Cannon eingeführt und kommt in der sog. Systemtheorie (Kybernetik) vor. Systemtheoretiker sind für ein Systemdenken und halten die Einhaltung von Systemregeln für notwendig, wenn Systeme fehlerfrei arbeiten sollen. Doch, wenn Systeme in unbeherrschbare Komplexe wachsen, wird eine Regulation meist schwierig. Knowledge Management Systeme, große Wissensportale, sowie Management Informationssysteme kommen bei den heutigen Anforderungen oft an ihre Grenzen. Unüberschaubare Navigationsstrukturen, doppelte Informationen und fehlende Aktualität können zu chaotischen Umständen in einem Wissenspool führen. Gerade das Hinzukommen neuer Inhalte, die man vorher nicht einplanen konnte, führt dazu, dass immer mehr Benutzer im Jungel nicht mehr „navigieren“, sondern die Flucht zur „Suchfunktion“ ergreifen.

Die Existenz selbstregulierender Funktionen gewährleistet den Fortbestand eines Systems, welches sich sonst zum Beispiel durch ungehemmtes Wachstum, Überstrukturierung und nicht mehr beherrschbare (selbst erzeugte) Komplexität überfordern würde.

Wikipedia

Das wohl bekannteste und erfolgreichste Experiment mit homöostasischen, bzw. offenen und selbstregulierenden Systemen ist derzeit die Online-Enzyklopädie Wikipedia. Jeder Benutzer, ob eingetragen oder nicht, hat hier die Möglichkeit in jedem beliebigen Thema Inhalte zu verändern oder neu anzulegen. Wenn jemand also bei dem Begriff „Französische Revolution“ etwas die Geschichte verändern möchte, kann unter dem Punkt „bearbeiten“ z. B. Passagen löschen oder Inhalte nach Belieben ändern. Es gibt keine Kontrollinstanz, die die Richtigkeit der Inhalte überprüft. Dennoch ist das System sehr stabil und von Fehlinformationen kann kaum die Rede sein. Die wohl wichtigste Sicherheit, die Wikipedia bietet ist, dass jede ehemalige Version nach Aktualisierung gespeichert bleibt. Wenn jemand also Inhalte verändert, sehen das nicht nur alle anderen Benutzer, man kann den ehemaligen Artikel mit wenigen Clicks wiederherstellen. Zudem können beliebige Benutzer Artikel nach Wahl beobachten und werden bei jeder Änderung informiert. Legt man dagegen selbst ganz neue Artikel an, dauert es meist nicht lange, bis ein zweiter sich dem Thema annimmt und fleißig weiterschreibt oder Fehler korrigiert. Wikipedia ist somit ein selbstregulierendes System und lebt von der Community.

Die Überlebenschance eines selbstregulierenden Systems hängt von der Menge der Teilnehmer ab. Als Kurzformel gilt: Möglichst viele Teilnehmer bereichern das System. Gleichzeitig fördert aber ein solches System auch das Mitspielen einzelner Teilnehmer. Die Freiheit Inhalte zu pflegen und sich im System frei zu bewegen eröffnet neue motivationale Ansätze. Zum einen muss der Benutzer sich keinen Regeln unterwerfen und fühlt sich im System nicht fremd – schließlich kann er, wenn es ihm nicht gefällt, seine eigene Kompetenz einbeziehen nach dem Motto: „Wenn es mir nicht gefällt, ändere ich es einfach“.

Andererseits geht der Pflegeaufwand durch die Administration gen Null. Da Benutzer das System freiwillig mit Informationen füttern, muss das System lediglich die Funktionsfähigkeit bieten.

Solche Experimente wie Wikipedia lassen neue Fragen entstehen. Wieso funktioniert ein solch einfaches System, während auf der unternehmerischen Seite die Strukturierung von komplexem Wissen oft versagt? Kann man Wissen überhaupt in eine mehrdimensionale Navigationsstruktur so unterbringen, dass Menschen effizient Informationen wiederfinden können?

Bei der Strukturierung von Wissen auf elektronische Weise gehen die Meinungen auseinander. Das Thema um „relevantes Wissen“ hat in den letzten Jahren geschlossene Bereiche entstehen lassen, auf die nicht alle Benutzer zugreifen können. Komplexe Regelungen von Zugangsrechten entstehen, Sortierung und „adäquate“ Indexierung von Informationen kosten Unternehmen oft ein Vermögen.

Für viele Unternehmen kann ein solches selbstregulierendes System durchaus interessant werden. Es eröffnet zumindest neue Perspektiven, erfordert aber gleichzeitig ein ganz neues Denken. Das Prinzip geht in der Tat deutlich weg von Zugangsrechten und Kontrolle. Bei solchen Portalen müssen sich Entwickler Gedanken machen, wie ein System aussehen könnte, das flexibel genug ist, um Selbstregulation erlauben zu können.

Bis jetzt haben selbstregulierende System ihre Aufgaben funktional erfüllt: Erst die Natur, der Organismus Mensch, und zuletzt auch das Internet. Vielleicht ist der nächste logische Schritt auch selbstregulierende Portale in Unternehmen einzubauen.

Dieser Artikel erschien am 16. September 2004 im Magazin Wissenskapital.


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