Kopiergeschütze Schwarzkopien

Den Release Groups gelingt es jedoch nicht, eine Verbreitung der Warez außerhalb ihrer Reihen gänzlich zu verhindern. Zu viele Personen scheinen in der Szene involviert zu sein. Viele Betreiber von Szeneservern können kaum kontrollieren, ob alle zugangsberechtigten Personen auch tatsächlich vertrauenswürdig sind. „Vermutlich denken einige Gruppenmitglieder, sie seien Robin Hood und müssten die Releases im ganzen Internet verbreiten. Denen ist nicht bewusst, dass sie der Szene mit der Publicity schaden“, berichtet Szenemitglied Moonspell. Außerdem kann es keine totale Trennung zwischen den verschiedenen Szenen geben. Mitglieder von Release Groups haben Freunde und Bekannte in der FXP-Szene, oder jemand ist in beiden Bereichen aktiv.

Es gibt daher mittlerweile auch Release Groups, die ihre Warez nicht mehr der gesamten Szene, sondern nur noch einem kleinen Kreis zugänglich machen. Ihre Kopien sind dementsprechend seltener in der FXP-Szene und in den Internet-Tauschbörsen zu finden. So teilt zum Beispiel die Release Group Pandora in ihren NFO-Dateien mit, nur noch ihnen bekannten Szenemitgliedern die Warez zukommen lassen zu wollen. Sie sei nicht mehr daran interessiert, in Szeneranglisten gelistet zu werden, um den damit verbundenen Ruhm zu ernten. „Statistiken sind uns egal! Ihr habt noch nie von uns gehört? Wunderbar, so soll es sein!“ verkünden sie in einem NFO.
Andere Gruppen versuchen ihre Warez durch Verschlüsselung zu schützen. 2003 war es die Release Group TGSC, die als erste deutsche Gruppe ankündigte, ihre Film-Releases von nun an zu verschlüsseln. Den benötigten digitalen Schlüssel zum Anschauen des Films wollte TGSC nur an bestimmte Szenemitglieder weitergeben.

Die geradezu groteske Entscheidung, Warez mit einem Kopierschutz zu versehen, sorgte für Diskussionsstoff innerhalb der Szene. Einige Release Groups zogen nach und verschlüsselten ihre Releases ebenfalls. Andere sprachen sich vehement dagegen aus und sahen in der Verschlüsselung nichts weiter als einen Kopierschutz, der der Grundidee der Szene widersprach und geknackt werden musste. Folgerichtig kursierten schon bald Cracks, mit denen sich die Verschlüsselung aushebeln ließ. Am Ende wurde also ein kopiergeschütztes Original von einer Gruppe geknackt und verschlüsselt, um von einer anderen Gruppe wieder geknackt zu werden.

Bisweilen wird in der Release-Szene sogar zu drastischen Abwehrmaßnahmen gegriffen, um sich vor unerwünschter Öffentlichkeit zu schützen. Jeff Howe, Redakteur des US-Magazins Wired, wurde im Rahmen seiner Recherchen über die Release-Szene recht deutlich davor gewarnt, Details der Szene preiszugeben. „Du brauchst sicher keinen 150-Kilo-Schläger mit einer Pistole vor deiner Haustür“, drohte ihm damals ein Mitglied der Szene.

Waren die Strukturen in den 80er Jahren noch einigermaßen durchschaubar, so hat sich durch die Entwicklung des Internets ein Geflecht von Szenen gebildet, das von Jahr zu Jahr komplexer wird. Nach mehr als 20 Jahren Warez-Szene ist kein Rückgang der Aktivitäten ersichtlich. Polizeiliche Ermittlungen und Kampagnen der Industrie haben zwar zur Veränderung der Szene geführt, jedoch nicht zum Vorteil der Jäger. Je härter die Maßnahmen werden, desto mehr scheint sich die Szene in ihre geheime Welt zurückzuziehen. Betrachtet man die Geschehnisse der vergangenen Jahre, dann scheint es so, als hätte die Industrie einen Krieg begonnen, den sie nicht gewinnen kann.


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