Kalifornischer Exodus
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Kalifornischer Exodus

Flucht aus Kalifornien?

Das Thema wir hier in den amerikanischen Medien sehr viel gebauscht: Angeblich fliehen immer mehr Menschen von Kalifornien weg zu anderen Staaten, wie beispielsweise nach Texas.

Ein genauer Blick zeigt jedoch, vieles über den California Exodus sind Übertreibungen und sind aufgrund bestimmter nachvollziehbarer Ereignisse passiert. Die kalifornische Politik wird dafür verantwortlich gemacht, und auch gerne von vielen als das Scheitern dargestellt. Doch die wahren Gründe sind nicht ganz so dramatisch.

Immer mehr Menschen verlassen Kalifornien, und die Bevölkerungsanzahl sinkt. Dieser Trend ist bekannt als der kalifornische Exodus. Da ich selbst in Kalifornien lebe, ist das Phänomen für mich nicht unbekannt.

Der kalifornische Exodus ist nichts Neues. Den Begriff gibt es schon seit mindestens 2004. Seit Jahrzehnten schon kämpft also Kalifornien mit fehlendem Bevölkerungswachstum.

Anfang des 20. Jahrhunderts gab es Wachstumsraten bis zu 10% im Jahr. Den letzten Schub bekam Kalifornien zwischen 1995 und 2000. Doch seit 2000 herum nimmt das Wachstum stetig ab. Bis 1990 lag das Wachstum bei nur 3%. Und ab 2000 ging es runter auf 1%, 0.5%, 0.2% und in 2020 waren es -0.18% — da sind sogar mehr weggezogen, als reingekommen.

Eigentlich war das bis heute kein großes Thema. Für Bewohner von Kalifornien ist der California Exodus ein ständiger Begleiter. Hier ganz kurz einige Erfahrungen von mir:

Ein Freund von mir, Mathe-Lehrer. Er hat gesagt, er nutzt die Vorzüge von San Diego gar nicht. Für ihn war San Diego wie ein teures Abo für ein Freizeitpark, das er nie benutzt.

Seine Wohnung musste er mit 3 weiteren Mitbewohnern teilen, konnte sich nichts ansparen, keinen Urlaub und keine Freizeit leisten, und ein Hauskauf war für ihn unmöglich. So ist er vor kurzem aus San Diego weggezogen. Ich habe ständig Freunde, die von hier wegziehen.

Bei unserem letzten Bonfire (Lagerfeuer) ist die Familie von einem Freund von mir mit Bruder, Ehefrau und zwei Kinder nach San Diego gezogen. Nach 8 Wochen hörte ich, dass sie wieder nach Chicago zurückgegangen waren, denn hatten nicht gedacht, dass es so teuer hier sein würde.

Während meiner Arbeit sind viele weggezogen. Meistens nach Arizona. Weil es nicht weit weg von Kalifornien ist. Andere ziehen aber nach nach Boston, Vegas, Baltimore und so weiter.

Was Gang und Gäbe hier ist: Viele kommen nach Kalifornien, getrieben von dem schönen Wetter und dem guten Ruf von Kalifornien und wollen sich einen langersehnten Traum erfüllen.

Und sie bleiben dann auch einige Jahre, müssen aber viele Kompromisse eingehen. Mit durchschnittlichen Einkommen kann sich dann fast niemand ein Haus leisten, sondern eher ein 1-Bedroom-Apartment, d. h. also, Wohnzimmer, Küche, Bett um die ca. 50 bis 60 Quadratmeter.

Diese Neuankömmlinge genießen das Leben hier, doch nach ein paar Jahren geht es wieder zurück, wo man quasi wieder normal wie ein Amerikaner leben kann: Eigenes Haus, Autos, Frau und Kinder. Das ist eben in San Diego mit einem durchschnittlichen Einkommen nicht möglich.

Durchschnittliches Einkommen sind hier zwischen $50.000 und $65.000. Damit kann man hier als Single gerade mal so überleben.

Die meisten San Diegans, die hier in kleineren Jobs arbeiten, wie beispielsweis als Kassierer bekommen staatliche Sozialhilfe durch die staatliche Krankenversicherung (hier genannt). Oder haben einen Partner/eine Partnerin, wo mehr Geld reinkommt. Oder sie haben ein Haus, Condo, oder Apartment geerbt. Auch davon kenne ich sehr viele.

Wenn du hier schön leben willst auf Dauer, gibt es nur Angriff nach vorn: Das heißt, du musst hier viel arbeiten und sehr gut verdienen.

Als nun während der Pandemie das Von-zu-hause-Arbeiten in den Vordergrund rückte — hier heißt das „Working from Home“; der Begriff „Home Office“  haben die Deutschen erfunden  — Ausgangssperre verhängt wurde, haben sich übrigens viele daran gehalten. Für viele hat es wenig Sinn gemacht in San Diego weiter solche horrenden Preise für Miete und Lebensmittel zu zahlen. Und so sind sehr viele weggezogen und haben ihre Arbeit für Ihr Unternehmen aus einer anderen Stadt fortgeführt.

Viele, die sich Kalifornien ohnehin nicht leisten konnten wären früher oder später ohnehin weggezogen — aber nicht alle am gleichen Zeitpunkt. Die beste Gelegenheit war eben während der Pandemie aufgrund von Heimarbeit. Und so sind viele dann eben gleichzeitig zu günstigen Städten gezogen. Zugezogen sind während dieser Zeit ebenfalls viel weniger. Und so war erstmals in 2020 Kalifornien im Minus mit dem Bevölkerungswachstum. Sehr gut auch, dass das erstmal auch in 2021 oder gar in 2022 weiter andauert.

 

Sensationsmache

Und so kamen dann eine Menge Schlagzeilen durch Spekulanten zum kalifornischen Exodus. Die Spekulation wird zur Sensation. Sensation führt zu Gesprächen. Gespräche führen zu Gerüchten. Und aus Gerüchten entstehen wieder Schlagzeilen. Und irgendwo so zwischen Gerüchten, Spekulationen und Schlagzeilen entsteht eine Wahrheit, sie die hat nur einen Fehler: Sie ist nicht wahr.

Wenn man lange genug sucht, findet man genug Gründe. So haben Journalisten also eine Menge Unternehmen genannt, die ebenfalls ihren Hauptsitz von Kalifornien während dieser Zeit verlegt haben. Übrigens, ist auch nichts Ungewöhnliches.

Dazu muss man wissen, wie riesig Kalifornien doch ist. Größer als Deutschland von der Fläche her. Wäre Kalifornien ein Land, wäre es das viertgrößte auf der Welt gemessen am Bruttosozialprodukt — 3,2 Billionen Dollar (heißt hier übrigens Trillion) — so mächtig ist Kalifornien. Wirtschaftlich stärker als Großbritannien, zweimal so stark wie Kanada oder Russland. 40 Millionen Menschen leben hier: Das ist der Staat mit der größten Bevölkerungsanzahl in den USA. Selbst der zweitgrößte Staat Texas mit 29 Millionen hat 1/4 weniger Einwohner als Kalifornien. Der Abstand ist also enormis.

Dass dann einige Unternehmen wegziehen, davon auch große, passiert jedes Jahr. 1.800 Unternehmen verlassen jedes Jahr Kalifornien. Und so entstehen Schlagzeigen:

„California Exodus: 1800 Unternehmen haben Kalifornien verlassen„.

Und wisst ihr wie viele neue Unternehmen in Kalifornien jedes Jahr gegründet werden? Die Antwort: Ca. 100.000. So viele Neugründungen gibt es. Das hat keine Schlagzeile gemacht. Die Medien haben von den 1.800 auch nur die Größten ausgesucht, die einen Namen haben, wie HP und Oracle. Und so war die nächste Schlagzeige geboren:

„California Exodus: Oracle und HP verlassen Kalifornien“

 

Tesla zum Beispiel hat mehrere Fabrikhallen über die ganze Welt verteilt bis nach
Shanghai. Einer davon sogar in Berlin. Aber auch in Kalifornien und einen in Austin, Texas. Nichts Neues. Während des Höhepunktes der Pandemie hat Elon Musk sich aufgeregt, dass seine Fabrikhalle in Kalifornien geschlossen wurde. Ironie: Ihm geht es ja um die Wohlheit und Zukunft des Menschen mit Elektroautos und so eine Pandemie stand der Zukunft im Weg. Und der sagte, dann machen wir Texas zum Headquarter.

Und so kam wieder eine Schlagzeile:

„California Exodus: Tesla plant Kalifornien zu verlassen“

Elon Musk hat übrigens 185 Milliarden Dollar. Könnt ihr euch vorstellen, wie viel Geld das ist? Er hat so viele Immobilien durch so viele Subunternehmen, selbst die Steuerbehörde braucht 53,5 Jahre, um das aufzuschlüsseln. Mancher Supercomputer braucht weniger Zeit, um einen russischen Code zu knacken.

Dann wurde dann bekannt, dass er einen seiner Häuser verkauft hat — möglicherweise einer von Zehntausend — in Bel Air, also Kalifornien. Das hat also Journalist herausgefunden. Und dann wieder die Schlagzeile:

„Jetzt verkauft sogar Elon Musk sein Haus in Kalifornien“

 

Wie viele neue Objekte er in Kalifornien kauft, wurde natürlich nicht gesagt. Die Medien haben dann ausgerechnet, wie viele von den wegziehenden Unternehmen wohin ziehen, wenn sie wegziehen. Und zwar ziehen die meisten nach Tennesse, gefolgt von Texas, Florida, Ohio, Arizona, Colorado, Missouri, Nevada, North Carolina, Georgia, Arkansas, Indiana, Wisconsin, Oklahoma, South Carolina, West Virginia, Kansas, Alabama, New Hampshire, Iowa, South Dakota, Vermont, Delaware …. und 22 weiteren Staaten.

So kam die nächste Schlagzeile:

„Kalifornische Unternehmen fliehen nach Texas“

Und jeder weiß, Kalifornien hat die höchsten Steuern in ganz USA. Wenn Unternehmen Kalifornien verlassen ist es in jedem Fall nicht falsch zu sagen…

„Tesla plant Wegzug aus Kalifornien zum Steuerparadies Texas.“

Das Spiel mit den Schlagzeilen kann man endlos fortsetzen. Das ist also der Spekulation und Kreativität des Journalisten überlassen.

Zum Beispiel auch mit den vielen Regulationen, die in Kalifornien herrschen. Kalifornien ist einer der liberalsten Staaten in den USA mit sehr hohem Schutz für Konsumenten. Es wird viel Geld in Sicherheit und Infrastruktur investiert für höhere Lebensqualität der Bürger,  das erfordert hohe Steuern.

Kalifornien war der erste Staat, der Datenschutzrichtlinien zum Schutze der Bevölkerung eingeführt hat (hier bekannt als CCPA), und hat hohe Regeln bezüglich Entlassungen, Gleichstellungsrechte, Mutterschutz, und Sozialhilfe. Kalifornien hat kostenlose Plastiktüten als erster Staat verboten, Pfandflaschen als erster Staat eingeführt. Wenn ihr einen Staat sucht, die von Gesetzen und sozialem Gefüge eher an Europa oder Deutschland erinnert, dann ist es Kalifornien.

Aber das ist nicht der Grund, warum die Unternehmen Kalifornien verlassen. Stell dir mal vor, ein Unternehmen würde diese Regulationen als Grund nennen, warum die Kalifornien verlassen. Die würden doch sofort von der Welt missbilligt werden: Was hat dir nicht gefallen an Kalifornien, könnte eine Frage heißen: „Mutterschutz und Gleichstellungsrechte“, deswegen wollt ihr weg? Stell dir vor, Elon Musk sagt: „Wir haben die Schnauzte voll von den ganzen Rechten für unsere Mitarbeiter. Wir wollen unsere Mitarbeiter wie Schlachttiere behandeln, deswegen ist Kalifornien nichts für uns.

Natürlich sagt das kein Unternehmen. Die Konzerne sagen sowas wie:

Kalifornien hat das Wachstum unseres Unternehmens während dieser Zeit geprägt und entscheidend vorangebracht. Die geplante organisatorische Umstrukturierung unseres Unternehmens verbinden wir mit einer geographischen Neuausrichtung.

Dann befragt ein Journalist John Doe, 29, arbeitslos und unfähiger Webdesigner mit einer Ein-Mann-Pleite-Firma, der zu seiner Omi nach Texas zieht, weil er sich die Wohnung in Los Angeles nicht leisten kann — einst geprägt vom Traum Schauspieler zu sein. Und  er sagt dem Journalisten: „Kalifornien hat mir zu viele Regulationen„.

Und in der Presse steht am nächsten Tag:

„Zu viele Regulationen in Kalifornien vertreiben Unternehmen.“

So kann Journalismus funktionieren, muss aber nicht. Und das ist meine Meinung zum kalifornischen Exodus.

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