Man erkennt die Gewichtigkeit einer Sache daran, wie rasch es die Politik zum Handeln bringt. Und wenn etwas dazu führt, dass sogar das Grundgesetz angepasst wird, darf man davon ausgehen, dass es etwas wirklich Großes ist.

In diesem Sinne dürfte der in der finalen Phase befindliche DigitalpaktSchule politisch tonnenschwer sein. Er soll, vereinfacht ausgedrückt, dafür sorgen, dass Schulen in ganz Deutschland digitaler werden. Darunter als zentraler Baustein das Tablet. Und allein dieses Gerät, das für Millionen von Deutschen längst eine absolute Selbstverständlichkeit ist, kann die Unterrichtswelt revolutionieren – allerdings auch das Gegenteil bewirken.

Vorteil: Die Kompaktheit

Schon ein Blick auf die Tests von www.tabletpctest.org zeigt eines überdeutlich: Die Tablet-Welt ist nicht nur gigantisch, sondern sie alle sind kompakte Technik-Wunderwerke, die Leistung weit oberhalb ihrer Gewichtsklasse liefern. Das beginnt bereits beim Speicher, denn selbst auf Basis-Tablets passt natürlich der Inhalt ganzer Bibliotheken und Erweitern ist per SD-Karte praktisch endlos möglich.

Das hat einen ganz profanen Vorteil: Das Gewicht. Keine viele Kilo schweren Bücher. Kein allabendliches Umpacken, kein teurer, weil zwangsweise wegen des Gewichts nach ergonomischen Gesichtspunkten entwickelter Ranzen. Ein volldigitalisierter Unterricht mit dem Tablet als Basis ist die buchstäbliche Leichtigkeit des Seins, die auch Orthopäden aufatmen lassen würde – denn die beklagen schon seit Jahrzehnten die (auch) durch das Büchergewicht ausgelösten Probleme von Kids.

Nachteil: Die nötige Einheitlichkeit

Abermals gilt: Die Tabletwelt ist groß. Doch genau darin lauert das Problem. Zwar ist es natürlich möglich, über ein einheitliches Betriebssystem (was wegen der Verbreitung Android sein dürfte) einen Standard zu schaffen. Faktisch bedeuten Unterrichts-Tablets aber auch, sich entscheiden zu müssen:

  • Würde die Anschaffung/Auswahl den Schülern/Eltern auferlegt, gäbe es unweigerlich Leistungsunterschiede mit der wahrscheinlichen Folge, dass Apps und Tools nicht überall gleich gut laufen – abgesehen vom Statussymbol-Potenzial teurer Oberklasse-Tablets
  • Bleibt die Anschaffung/Auswahl Sache der Schule bzw. des Kultusministeriums, werden höchstwahrscheinlich nicht die optimalsten Geräte angeschafft – das lehrt die Geschichte staatlicher Beschaffungsmaßnahmen

Hier kann man tatsächlich nur hoffen, dass der Digitalpakt nicht am falschen Ende sparen wird.

Vorteil: Die Lebensrealität

Die heutige Jugendgeneration ist das Auge des Digitalsturms. Das zeigt sich schon bei der täglichen Internetnutzungsdauer. 344 Minuten sind es bei Teens und Twens – 5,73 Stunden. Und natürlich bilden Tablets im Unterricht diese Lebensrealität ab.

Denn wir befinden uns mittlerweile an einem Punkt, an dem es für den Durchschnittsjugendlichen unnatürlicher ist, ein Buch zu lesen, in ein Heft zu schreiben, als diese Handlungen auf einem Tablet/Smartphone vorzunehmen.

Daher ist die Integration von Tablets nicht so revolutionär, wie sie von der Politik dargestellt wird. Vielmehr ist sie nur ein Nachziehen auf Verhältnisse, die außerhalb der Schule bei Kindern/Jugendlichen sowieso längst herrschen, kann so aber wenigstens helfen, inner- und außerschulischen Unterricht besser zu verknüpfen.

Nachteil: Die Lebensrealität

Allerdings kann genau das auch zum Nachteil werden. Über diesen Punkt kann man sich sicherlich streiten, aber wenn der Unterricht rein digital wird, fallen zwangsweise Basis-Grundlagen weg, etwa das Arbeiten mit Buch und Heft.

Um das an einem Beispiel zu erklären: In der Schifffahrt kommt heute ausschließlich GPS- und computergestützte Navigation zum Einsatz; Jedes Schiff hat einen digitalen Fingerabdruck. Dennoch müssen alle Kapitäne die Navigation mit Karte, Kompass und Sextant beherrschen.

Nun kann man sicherlich argumentieren, dass es der Schulwelt nicht geschadet hat, dass Schiefertäfelchen, Griffel und das Tintenfass im Tisch weggefallen sind. In einem volldigitalisierten Tablet-Unterricht würden jedoch die handschriftliche und analog-lesende Grundlage erodieren, selbst wenn natürlich zumindest in den Grundschulen noch weiterhin Schreibschrift und Co. gelehrt würde.

Vorteil: Die Unterrichtsmaterialienbeschaffung

Hinter diesem typisch-deutschen Kettenwort verbirgt sich ein für Lehrer wiederkehrendes Problem:

  • Lina hat ihr Buch vergessen
  • Max hat seine Arbeitsblätter verschlampt
  • Zu Schuljahresbeginn sitzt ein Drittel der Klasse ohne Bücher dort, weil sie nicht lieferbar sind.

Das Tablet macht damit Schluss. Es kann jedem Schüler eine digitale Kopie, kostenlos, ohne Gang zum Kopierer, ohne Qualitätseinbuße zur Verfügung gestellt werden.

Zudem ist es ungleich leichter, die Materialien aktuell zu halten. Veraltete Bücher sind passé, denn im Zweifelsfall wird einfach geupdatet oder ein neues PDF verteilt.

Nachteil: Ablenkung

Dass die Politik nicht aus ausgesprochenen Netz-Experten besteht (vorsichtig formuliert), weiß jeder. Und natürlich können deshalb viele über das, was so manchen Gewählten vorschwebt, nur lächeln.

Denn in deren Augen sind Schul-Tablets natürlich sicher. Darauf können nur freigegebene Webseiten gesehen werden, ist jederzeit sichergestellt, dass die Schüler keinen Unfug damit anstellen.

Nein, man muss nicht knietief in der Hackerkultur stecken, um zu erkennen, dass das natürlich falsch ist. Gerade die digitalaffine Jugend ist verblüffend kreativ und schnelllernend, wenn es an das Niederreißen digitaler Sperren geht.

Und man darf sicher sein, dass keine Tablet-Sicherheit ausreichen wird, um zu verhindern, dass Jugendliche auf diesen Geräten während des Unterrichts etwas anderes tun, als zu lernen.

Vorteil: Der digitale Lehrer

Wir leben in einer Zeit, in der Lehrermangel so gravierend ist, dass je nach Bundesland fast zehn Prozent aller monatlichen Schulstunden ausfallen. Und nur ein Bruchteil davon kann aufgefangen werden.

An diesem Punkt wird das Tablet zu mehr. Denn natürlich kann es, entsprechend programmierte Apps vorausgesetzt, einer Klasse auch ohne Lehrer einen effektiven Unterricht ermöglichen.

Nein, dabei geht es nicht einmal um irgendwelche Unterrichtsvideos, obwohl die natürlich auch darunterfallen. Es geht um interaktive Arbeitsblätter, die Möglichkeit zur Interaktion. Simpel ausgedrückt: In einer mit Tablets ausgestatteten Klasse ist der Lehrer weder Lernmittelpunkt des Lernens noch ist er überhaupt ausschließlich erforderlich.

Doch wie gesagt: Das benötigt von Profis zusammengestellte und programmierte Software. Und die kostet natürlich Geld.

Fazit

Unterrichts-Tablets werden immer ein zweischneidiges Schwert sein. Sie sind ebenso wenig ausschließlicher Heilsbringer wie sie der „Zerstörer“ klassischer Unterrichtswerte sind. Sie sind eine sinnvolle Modernisierung des Unterrichts, nicht mehr und nicht weniger. Allerdings wird auch nicht alles gut, nur weil dank Digitalpakt jede Klasse über Tablets und Co. verfügt. Dazu ist ein größeres Gesamtpaket vonnöten – bleibt zu hoffen, dass sich auch die Politik dessen bewusst ist.


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