Fachliteratur als Massenware

Massenliteratur, Profit, Freiheit

Profit aus Freiheit

In Social Media wird der Konsument zum Produzenten. Mit den heutigen Möglichkeiten ist jeder in der Lage, sofort und ohne technische Kenntnisse zu publizieren. Ein Blog ist in Minuten eingerichtet, jeder kann Lexikoneinträge verfassen oder sich als Produktexperte artikulieren. Diesen Trend zum Publizieren haben auch einige Verlage erkannt und zu ihrem Nutzen gemacht.

Das digitale Miteinander und die zahlreichen Publikationsmöglichkeiten im Web haben zu einem wahren „Publikationswahn“ geführt. Doch von dem Trend sind nicht nur die digitalen Medien betroffen. Hierdurch boomt auch eine neue Branche, die sich „Books on Demand“ nennt. Die sogenannte
JIT-Produktion (Just in Time) von Büchern bedeutet, dass Bücher, Zeitschriften und Studien erst aufgrund einer Bestellung einzeln produziert werden. Somit sind keine hohen Auflagen mehr zu drucken und es müssen keine Bücher vorrätig gehalten werden. Eine gute Möglichkeit für Verlage, ihre Bücher ohne Risiko auf den Markt zu bringen. Auch einzelne Autoren können auf diese Weise für ca. 50 Euro selbst Bücher mit einer ISBN versehen und publizieren. Das alles geschieht ohne einen Verlag – und meist auch ohne eine Qualitätskontrolle. Zahlreiche Books-on-Demand-Anbieter sind mittlerweile auf dem Markt vertreten. Denkt man die Idee weiter, entstehen durch die Verbindung von Social Media und Books on Demand interessante Geschäftsmodelle.


Der Autor Lambert M. Surhone hat über 100.000 Bücher „geschrieben“


Lambert M. Surhone müsste eigentlich der bekannteste Autor der Welt sein. Immerhin hat er in den letzten Jahren nicht hunderte, sondern hunderttausende Bücher geschrieben. Wer seinen Namen bei Amazon eingibt, findet mehr als 100.000 Treffer. Der Autor ist Experte für Afrika, Basketball, Teilchenbeschleuniger, Pädagogik, Medizin und die Bahnstrecke „Altenbeken bis Kreiensen“. Sie wissen nicht, wie die Semovente 75/18 Handfeuerwaffe funktioniert? Kein Problem – Mr. Surhone hat auch hier das passende Buch geschrieben, mit allen technischen Details. Ob er selbst weiß, was er da publiziert?

Copy-Paste-Buch

Copy & Paste aus Wikipedia in Buchform:

Hinter diesen Massenpublikationen stecken Verlage wie Alphascript oder Betascript Publishing. In der Branche sind sie nicht unbekannt. Sie gelten als sogenannte „Pseudoverlagshäuser“. Das Prinzip ist denkbar einfach: Freie Quellen wie Wikipedia werden unverändert kopiert und zu einem Buch zusammengewürfelt. Eine inhaltliche Kontrolle seitens der Autoren findet meist nicht statt. Surhone ist also kein Autor oder Schriftsteller im eigentlichen Sinne. Er ist Teil einer Kopierfabrik. „Pro Jahr veröffentlichen wir mehr als 10.000 neue Titel und zählen deshalb zu den führenden Verlagshäusern im akademischen Feld“ schreibt der dreiste Verlag stolz über sich (Vatter, 2011). Wer zufällig eines dieser meist teuren Bücher im Buchhandel erwirbt, ist quasi „reingefallen“. Denn das Buch besteht aus einer Zusammenstellung freier Inhalte von Wikipedia.

Die beiden Verlage gehören der VDM-Gruppe an. Mit mehr als 10 Verlagen hat sich das Unternehmen auf die massenhafte Ausschüttung von Büchern spezialisiert. Dazu hat der VDM-Verlag Dr. Müller ein interessantes Modell entwickelt: Die Mitarbeiter durchstöbern das Internet nach möglichen Titeln von Hochschularbeiten und schreiben die Autoren an. Das Cover und das Layout werden von den Autoren über ein Online-Tool selbst erstellt. Eine Überprüfung der Inhalte durch den Verlag findet auch hier höchstwahrscheinlich nicht statt. Jeder Verlag der VDM-Gruppe hat eigene Konzepte zur Massenabfertigung. Je mehr Bücher, desto besser. Der Inhalt ist anscheinend nicht wichtig.

Besonders betrüblich ist das Unwissen der Bibliotheken. In den Landesbibliotheken finden sich mittlerweile diese Werke in Massen. In Österreich findet man diese „Wikipedia-Bücher“ in den Fachbibliotheken der Universität Salzburg, in den Bibliotheken der TU Wien, der Universität für angewandte Kunst Wien, der Universität Graz, der Fachhochschule St. Pölten und vielen anderen wieder. Zwischen 30 und 60 Euro kosten die „Pseudobücher“ mit Wikipedia-Inhalten. Das alles wird aus Steuergeldern gezahlt (Weber, 2010).

Für derartige Verlage sind Massenbücher die perfekte Einnahmequelle. Ohne Bestellung wird kein Buch hergestellt, also entstehen so gut wie keine Kosten. Wenn jemand das Buch bestellt, umso besser: Die Kasse klingelt. Und je mehr Bücher auf dem Markt sind, desto höher die Wahrscheinlichkeit, dass jemand ein Buch dieses Verlags kauft. Man könnte dieses neue Geschäftsmodell als „Literature Fishing“ bezeichnen.

Die ursprüngliche Idee von Wikipedia ist das Teilen von Informationen, um die Gesellschaft mit freiem Wissen zu versorgen. Ausgerechnet aus diesem hehren Ziel ist durch Dritte ein Geschäftsprinzip entstanden. Rechtlich gesehen lässt das GNU-Modell von Wikipedia die Vermarktung der Inhalte grundsätzlich zu. Das ursprünglich von Richard Stallmann hervorgebrachte Lizenzmodell besagt immerhin, dass jeder mit den Inhalten machen kann, was er will. Damit entspricht Stallmann dem Grundgedanken und der Ethik vieler Hacker: „Alle Informationen sollen frei sein“. Und genau hier liegt vielleicht das Problem der Freiheit. Frei bedeutet „zugänglich“, nicht jedoch kostenlos. Diese Definition nutzen die Geschäftemacher der unseriösen Verlage. Auch wenn sich mit der Freiheit des Social Web also eine Menge Unfug treiben lässt, illegal ist das Vorgehen des VDM-Verlags nicht. Unmoralisch aber wahrscheinlich schon. Wenn man diese Wikipedia-Bücher jedoch in Landesbibliotheken findet, ist es vor allem eins: peinlich.?

Quellen

  • Vatter, A. (2011): Die Wikipedia-Amazon-Nummer: Wie sich mit Gratis-Content ein Haufen Geld machen lässt, Basic Thinking Blog, 07.04.2010, bit.ly/lwmkJ0 (2011-06-14).
  • Weber, S. (2010): Eine Warnung: Bücher mit kopierten Wikipedia-Artikeln nun auch in Uni-Bibliotheken, 28.09.2010, bit.ly/dd0VEK

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