Dr. William Sen

von Dr. William Sen
digitalwelt-Kolumnist für strategisches Social Media Management

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Der Deutsche fragt den Amerikaner nach einem Beamer. Der Amerikaner kennt den Begriff nur aus Star Trek, denn im Englischen heißt er „Projector“. Unter „Public Viewing“ versteht der Amerikaner eine Beerdigung, in der der Leichnam im Sarg aufgebahrt wird. Der Deutsche dagegen denkt an eine Liveübertragung bei öffentlichen Veranstaltungen. Doch was hat es mit dem Begriff „Soziale Medien“ auf sich? Wer ihn zum ersten Mal hört, denkt womöglich an Hartz IV. Nicht verwunderlich. Die Deutschen haben den Begriff einfach falsch übersetzt.

Einflussreiche Printmedien verstehen es immer wieder, neue Begriffe einzuführen. Dabei stehen nicht Sinn und Logik im Vordergrund. Ziel ist es, die Sympathie der Bevölkerung zu gewinnen, indem man bestimmte Trends unauffällig als Begriffe in die deutsche Sprache integriert. So tauchte die Feminisierung des Plurals (z. B. „StudentInnen“) just zu einem Zeitpunkt auf, in dem der Feminismus als Trend erkannt worden war. Dass die grammatische Korrektheit hinter dem Verkaufsargument steht, bewies längst auch die Werbeindustrie. Seit der Krise geht es mehr als je zuvor auch in der Zeitungsbranche um den reinen Verkauf: Wenn es dem Leser gefällt, ist das Ziel erreicht. Absatzzahlen sind das „unkaputtbare“ Argument.

Wer sich unter Insidern als Experte für „Soziale Medien“ ausgibt, kann bei Insidern der Branche aber schnell auf Hohn stoßen.

Frühzeitig erkannten vor allem größere Zeitungen, dass durch die Globalisierung immer mehr Anglizismen die deutsche Sprache beeinflussen. Ausgerechnet analoge Medien nehmen es sich mittlerweile auch heraus, Begriffe des digitalen Zeitalters mit eigenen Interpretationen neu zu etablieren. So war es schließlich die Zeitung Handelsblatt, die 2006 erstmals den Begriff Social Media frei zu „Soziale Medien“ übersetzte. Seither taucht die Übersetzung immer öfter auf.

Social Media scheint ein sehr junges Thema zu sein, zumindest für die, die es erst durch ein Papierprodukt kennenlernen mussten. Während die sogenannten „Digital Natives“ sich längst in Social Media tummeln und quasi in das Medium hineingeboren worden sind, müssen die Nachzügler erst in analogen Medien davon erfahren. Vom amerikanischen Forscher Marc Prensky werden sie als „Digital Immigrants“ bezeichnet – Menschen, die nicht mit dem Medium Internet aufgewachsen sind, und den Wissensvorsprung der „Natives“ erst nach und nach aufholen müssen. Ihre Informationsquelle ist nicht das Web, sondern meist die Printmedien. Und genau hierin liegt das Paradoxon. Dem theoretischen Wissen aus Zeitungen stehen Erfahrungswerte aus dem Web gegenüber. Wie gut kann Social Media in Worten ausgedrückt werden? Wie kann man einem Internet-Anfänger überhaupt noch erklären, was Social Bookmarks sind, wenn er den Begriff „Browser“ nicht kennt? Und wird die Sache einfacher, wenn wir Browser in „Abgraser“ übersetzen?

Ein ähnliches Phänomen widerfuhr dem Begriff „Social Media“. „Sozial“ wird im Deutsch-Englisch-Wörterbuch mit „care“ (zu deutsch: Fürsorge) übersetzt. Der Begriff „sozial“ lässt sich im deutschen mit einem wohltätigen, der Gesellschaft und Kultur angepassten Umgang mit den Mitmenschen beschreiben. Mit dem Term verbindet der Deutsche „Gemeinwohl“, „Sozialhilfe“ und „Wohlergehen“. Des Weiteren wurde in den letzten Jahren in keiner anderen Gesellschaft als in der deutschen der Begriff „sozial“ in solch hohem Maße Teil politischer Debatten. Seit 2004 finden laut Google Trends die Berichterstattung über den Begriff „Sozialhilfe“ und jene über den Begriff „sozial“ parallel statt. Die beiden Begriffe stehen somit in sehr engem Zusammenhang zueinander. Die Eingabe des Begriffs in OpenThesaurus ordnet den Begriff unter anderem in „Sozialismus“ ein und verlinkt weiterhin auf Lexikon-Einträge für „Armut“ und „Taktgefühl“.

Echte soziale Medien

Unter sozialen Medien könnte man im Grunde mediale Angebote der Arbeitsagentur oder karitativer Organisationen verstehen, die Benachteiligten helfen sollen, Zugang zu Medien zu erhalten, die sonst kostenpflichtig und somit unzugänglich wären. Kostenloser Zugang zu Computern, Internet oder Software, die aus Spenden oder Fördermaßnahmen für benachteiligte soziale Schichten zur Verfügung gestellt werden, würden die Definition von „sozialen Medien“ am ehesten treffen.

Social Media dagegen hat nichts mit „sozial“ zu tun. Im Englischen versteht man unter dem Begriff „social“ die Gesellschaft an sich. Wer „social“ ist, ist gesellschaftlich, nicht jedoch fürsorglich oder sozialistisch. Die korrekte Übersetzung von Social Media wäre somit „Gesellschaftliche Medien“.

Wer dagegen von „Sozialen Medien“ und „Sozialen Netzwerken“ spricht und Social Media und Social Networks meint, hat sich das Wissen über das Phänomen womöglich in den Printmedien angelesen. Peinlich muss das jedoch nicht sein, wenn man etwas anderes meint, als man sagt. Die So-cial-Media-Nutzer sind immerhin bekannt für ihre Offenheit und Toleranz, auch gegenüber Digital Immigrants. Vielleicht sogar auch fürsorglich, so dass sie auf bestimmte Art und Weise tatsächlich auch „sozial“ sind.


Dr. William Sen

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Dr. William Sen ist u. a. Gründer des ersten staatlich zertifizierten Lehrgangs zum Social Media Manager (TH Köln) sowie Chefredakteur des ersten Social Media Magazins in Deutschland.

Als Lehrbeauftragter lehrte er u. a. an der TH Köln in den Bereichen Social Media Management, eEntrepreneurship, Digital Publishing, Communication Controlling und strategisches Marketing. Dr. William Sen lebt und arbeitet in San Diego, Kalifornien.

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