Die Zukunft von Social Media

Das Jahr 2035

Zukunft von Social-Media

von Dr. William Sen und David Ernenputsch

Wer die Vergangenheit kennt, kennt die Zukunft.

Allerdings ist das Wissen um die Geschichte der Informationsgesellschaft für viele nicht selbstverständlich. In der Schule lernen wir vieles über die Zeit der Römer, den Start der Industrialisierung und den Zweiten Weltkrieg. Darauf aufbauend sollen wir vielleicht sogar eines Tages zu Führungskräften aufwachsen und die Zukunft mitgestalten. Doch die Anfänge der Informationstechnologie werden kaum gelehrt. Dieses Wissen ist im Grunde viel wichtiger. Kein Medium verändert so stark die Gesellschaft wie derzeit die Informationstechnologie.

Das Jahr 1995

Seinen Anfang nahm das Web 1.0 um das Jahr 1991, als Tim Berners-Lee den Web Browser erfand. Kurze Zeit später, ungefähr im Jahr 1995, folgte das Zeitalter der Digitalisierung – die Umwandlung des Analogen ins Digitale. Eine digitale Welt war geboren, die man noch leicht nachvollziehen konnte. Jedes digitale Werk hatte seinen Ursprung in der analogen Welt: Bankgeschäfte wurden zum Homebanking, Einkaufen wurde zu eCommerce und Lernen wurde zu eLearning. Viele haben sich damals gefragt, was wohl in den kommenden 10 Jahren passieren würde. Hätte man wirklich darüber nachgedacht, wäre die Zukunft vorhersehbar gewesen. Sie war eigentlich nichts weiter als eine logische Konsequenz.

Das Jahr 2005

Im Jahre 2005, genau 10 Jahre später, hat sich die Welt erneut verändert. Und wieder hatten die Experten einen neuen Namen für diese neue Welt: das „Web 2.0“. Der Name war im Grunde nachvollziehbar und logisch: Als man alles Analoge digitalisiert hatte, blieb als konsequenter nächster Schritt nur die Entstehung neuer, digitaler Welten übrig. Diese „digita-len Neugeburten“ waren jene Technologien, die ihren Ursprung nicht mehr in der analogen Welt hatten – schließlich war fast alles bereits digital, was digital hätte werden können. Und niemand konnte mehr einem Computerlaien an einem Beispiel aus der „realen“ Welt erklären, was Bookmark Sharing, Tags oder RSS Feeds sind. Das Web 2.0 baute auf dem Web 1.0 auf. Um die Fortschritte des neuen Webs verstehen zu können, ging man einen Schritt zurück und fand sich trotzdem in einer digitalen Welt wieder. Das Web 2.0 hätte man einigen Leuten daher nur mit „Das wirst du nicht mehr verstehen“ erklären können.
Während die einen also noch das Web 2.0 zu begreifen versuchten, entstand wieder etwas Neues. Mit etwas Verstand hätte man vielleicht auch das erahnen können.

Das Jahr 2015

Weitere 10 Jahre später entstand wieder eine neue Welt. Eigentlich wollte Tim Berners-Lee auch für diese Welt einen neuen Begriff prägen. Er hatte dabei den Namen „Semantic Web“ im Sinn. Denn das neue Zeitalter, wie sollte es anders sein, vernetzte nun die gesamte digitale Welt des Web 2.0 miteinander. Kollaboration, Teilen von Informationen und Interkonnektivität waren die Folgen von Web 2.0. Kein System schien mehr autark zu sein – alle waren miteinander vernetzt, jederzeit und von überall. Die dadurch entstandene Selbstbestimmung, das gemeinsame Arbeiten, Denken und der dezentrale Gedanke führten jedoch dazu, dass eben nicht ein einziger Akteur diesen Begriff bestimmen konnte. Nicht einmal Tim Berners-Lee. Und so wählte diesmal die Community einen neuen Begriff und nannte die neue Welt „Social Media“. „Social“ im Sinne einer Gesellschaft. Das ganze unter dem Motto: „Wir sind das Netz!“

Nachdem nun die analogen Welten digitalisiert, aus dem Digitalen neue digitale Welten entstanden und diese digitalen Welten miteinander vernetzt waren, entstand 10 Jahre später wieder etwas Neues.

Das Jahr 2025

Es war das Jahr 2025. Und wenn man im Grunde etwas nachgedacht hätte, wäre einem auch hier klar geworden, was hätte geschehen müssen. Das Digitale verschmolz schließlich mit dem alltäglichen Leben und Begriffe wie „digital“, „Web“ oder „Social Media“ verschwanden von der Bildfläche. Social Media war somit tot und die Welt war miteinander vernetzt – analog wie digital – und niemand machte sich mehr Gedanken darüber, aus welcher Realität ein Medium stammte.

Die Zukunft des Webs

Im WDR-Hörspiel POKE sind die Menschen mit einem Helm
ständig „inside“. Bild: Susanne Schaumkelle

Zurück in die Gegenwart. Es ist das Jahr 2011 und es ist kaum zu glauben, dass wir noch am Anfang unserer Reise stehen. Während das klassische Internet ausschließlich Informationsangebote bereithielt und das Web 2.0 auf die Mitarbeit seiner Communities setzte, soll das Web der Zukunft vor allem die Verknüpfung von realer und digitaler Welt hervorbringen. Die Rede bereits jetzt ist von sogenannter Virtual Reality und Augmented Reality.

Die Gedanken an eine solche verknüpfte Welt sind im Grunde nicht neu. Vor mehr als 5 Jahren, noch vor der Geburt von Social Media, hatte der Journalist Mario Sixtus einen ähnlichen Gedanken – das Web der nächsten Generation würde die Verschmelzung unserer analogen Welt mit der digitalen Welt sein. Mit der Aufmerksamkeit eines größeren Publikums und der Kenntnis der aktuellen Smartphone-Bewegung berichten Referenten der TED-Konferenz über ähnliche Zukunftsszenarien – allerdings erst 2011. Basis der Vision ist hier das mobile Internet, das sich durch Kamera und Projektor direkt am Auge des Menschen zu einem Teil der Realität erweitern ließe. Orte, Objekte und Menschen sollen eine neue Dimension erhalten: entstehend aus den Informationen, die im Internet über sie verfügbar sind.

Die Zukunftsvision erinnert an das kürzlich ausgestrahlte WDR-Hörspiel „POKE“, welches ebenfalls zum Diskussionsthema in Mamczaks und Jeschkes Buch „Das Science Fiction Jahr 2009“ wurde. Hier wird eine Zukunft prophezeit, in der Menschen zwar vernetzt, jedoch isoliert in kleinen Wohnungen leben. In der Geschichte erscheint die übermächtige Suchmaschine namens „Quick“, die auch vertrauliche Informationen zu wissen scheint und deswegen selbst von der Polizei zur Ermittlung sensibler Daten genutzt wird. Dabei bezeichnet Quick seinen Datenbestand nicht als Wissen, sondern als Informationen und antwortet prompt auf die Frage, woher er alles wisse: „Informatio-nen liegen überall herum, man muss sie nur aufpicken.“

Durch die ständige Interaktion mit seinen Fragestellern erfährt Quick zudem immer mehr über alles Mögliche. Dabei fragt Quick auch den Fragenden und ist dankbar für jede Information: „Vielen Dank für diese Information. Mindestens zwei weitere Quellen sind zur Verifizierung der Information erforderlich. Hilf Quick den Prozess zu beschleunigen.“
Die Verknüpfung dieser Informationen ergibt schließlich einen Datenbestand, der bereithält, wo sich Menschen aus welcher Motivation heraus aufhalten, wie ihre Gewohnheiten und Aufenthaltsorte sind sowie ihre Sozialversicherungs-nummern und Kontostände: „Offene Mitteilungen, freie Informationen, gespeicherte Historien, liegengelassene Altdaten“, erwidert Quick und fügt hinzu: „Ich kombiniere, sammle und teile.“

Micro Display

Microvision Inc. stellt sogenannte „Micro Displays“ her,
die derzeit im Militär eingesetzt werden. Bild: Microvision Inc.

Gar nicht so abwegig scheint auch die Zukunft der Referenten der TED-Konferenz zu sein. Hier sollen Systeme namens „Sixth Sense“ verwendet werden, die Objekte erkennen und mit einer Datenbank abgleichen können. Die Datenbank ist dabei das Internet und die Community selbst. So soll beispielsweise nach Erkennung einer Person, wie zum Beispiel durch eine Gesichtserkennung, sofort auf dem Display angezeigt werden, welchen Beruf sie ausübt. Produkte sollen mit den Nutzerbewertungen verknüpft werden, die schon heute auf Bewertungsportalen verfügbar sind und Einfluss auf Kaufentscheidungen nehmen.

Die Vision, die hier verbreitet wird, geht jedoch weiter. Sie beinhaltet, dass die verknüpften Informationen auf das Objekt selbst projiziert werden sollen. Informationen aus dem Netz werden also wieder in die Realität zurückgespiegelt. Erst dadurch entsteht tatsächlich die enge Verschmelzung von digitalen und analogen Welten. Eine Unterscheidung der Welten verliert auf diese Weise ihren Sinn. Die Technologien dazu gibt es bereits als Forschung, in den nächsten Jahren sollen erste Prototypen in Forlm von Virtual-Reality-Masken marktreif sein.

Das Unternehmen Dreamoc beispielsweise reflektiert holographische Bilder auf echte Objekte. Dadurch kann zum Beispiel eine Kugel in Flammen aufgehen, während die Kugel echt und die Flammen holographische Projektionen sind. In solch einer Welt braucht man kein Display mehr. Die Telefontastatur kann auf die Hand reflektiert werden und ein Sensor würde das Tippen auf der Handfläche erkennen. Der Blick auf ein Produkt lässt auf dem Kaufobjekt selbst die Bewertungen der Nutzer erscheinen. Unternehmen wie Microvision entwickeln sogenannte „Micro Displays“, die heute bereits Bilder direkt auf die Netzhaut des Auges projizieren können. Auf diese Weise können hochauflösende und kontrastreiche Bilder entstehen. Mit solch einem Gerät, das mit dem Internet verknüpft ist, können fehlende Straßenschilder, nicht ausgeschilderte Baustellen oder Radarfallen auch in 3D vor den Augen der Nutzer projiziert werden. Ob durch Projektion auf die Netzhaut, Handfläche oder Produkte – eines steht jetzt schon fest: Eine sehr wichtige Rolle werden in der Zukunft Displays und 3D spielen.

Doch letztlich geht es um die Inhalte. Und diese werden bereits heute im Social Media mehr denn je von Konsumenten produziert. Wie sähe also eine Zukunft aus, in der Konsumenten mit ihrer Meinung im Vordergrund stehen und die Werbebotschaften der Unternehmen immer mehr an Glaubwürdigkeit verlieren?

Doch der Konsument selbst bestimmt nicht, was auf den Markt kommt. Er ist weiterhin auf den Hersteller angewiesen, der ihn täglich mit neuen innovativen Produkten versorgt. Ob künstlich oder durch eine natürliche Entwicklung entstanden, die Nachfrage nach bestimmten Produkten wird es in einer wirtschaftlich-orientierten Welt immer geben. Und sie wird von dem Hersteller hervorgerufen. Das heißt, dass der Konsument auf die Produkte des Herstellers auch in Zukunft angewiesen sein wird. Die Frage, die sich hier stellt, ist die, wie es letztlich zum Kauf, also zum „Sale“ kommen wird. Und in dieser Hinsicht wird sich die Zukunft von der Gegenwart deutlich unterscheiden.

Zurück in das Jahr 2025

Wir stellen uns das Einkaufszentrum vor: Familien mit quengelnden Kindern, bepackt mit Einkaufstaschen, gestresste Ehemänner auf der Suche nach dem passenden Geschenk zum Hochzeitstag. Eine Gruppe Jugendlicher, die vor einem Elektromarkt herumlungert und nicht-brennende Zigaretten im Mund herumdreht – gesetzeskonforme Rebellion gegen das Rauchverbot vor öffentlichen Gebäuden. Wir betreten den Elektromarkt zusammen mit einigen anderen Kunden. Während wir uns zum Aushang mit den aktuellen Sonderangeboten wenden, verschwindet einer der Kunden hinter einer Tür mit der digitalen Aufschrift „freie Kundenberater“.

Tesco Virtual Supermarkt

Gegenwart: Eine Art „Showroom“ sind Fotos von Supermarktregalen in
U-Bahn-Stationen: In Südkorea können Menschen per Smartphone
Lebensmittel bei Tesco einkaufen

Davon unbeeindruckt begeben wir uns in die Abteilung für Bildschirme, die in der Zukunft nur noch „Displays“ genannt werden. Zwischen den Reihen großer und kleiner, quer und hochkant liegender Displays stehen auf kleinen Preis-Displays mit Touchpads die technischen Daten. Als altes Fossil der Zehnerjahre sind wir im Jahre 2025 von der Fülle des Angebots überfordert und suchen nun einen „Verkäufer“, der in der Zukunft nur noch den Namen „Servicemitarbeiter“ trägt – denn der Begriff „Verkäufer“ ist längst erloschen in einer Welt, in der es zumindest in der Marketingsprache nicht um den Abverkauf, sondern um den „bestmöglichen Service“ und das „größtmögliche Wohlbefinden“ für den Kunden geht. Überhaupt scheinen im gesamten Laden weder eine Kasse zum Zahlen noch Mitarbeiter in „Corporate Uniform“ zu existieren.

Trotzdem stellen wir uns demonstrativ vor eines der Displays und merken plötzlich, dass sich das Produkt mit unserem eigenen mobilen Gerät verbunden hat und auf dessen Bildschirm nun die Buttons „Buy“ und „Like“ leuchten. Unter ihnen ist ein weiterer More-Button, darunter sind die Unterbuttons „Teile dein Interesse für dieses Display mit deinen Freunden“ und weitere Angebote wie „Schau hier, wer alles vor diesem Display stand“ oder „Wer sich dieses Display angeguckt hat, hat sich danach folgendes Getränk gekauft“ zu sehen. Kurz nach der Betätigung des „Like“ geht die Tür mit der Aufschrift „freie Kundenberater“ auf und ein 19-jähriger Teenager mit Jeans und Shirt stellt sich höflich neben uns. Er ist der Kunde, der mit uns zusammen den Laden betreten hat. Auf seinem T-Shirt ist ein kleines Sendegerät angebracht. Wir empfangen nun auf unserem mobilen Gerät seinen Namen, seine positiven Bewertungen und die Anzahl von „Trusties“, also Kunden, die ihm vertrauen.

Er stellt sich freundlich als Experte im Bereich der Displays vor und rät uns prompt vom Display ab. Zu fehleranfällig sei das Gerät – die vielen Anfragen beim Support, das Einschicken des Geräts und zuletzt die Frustration seien den günstigen Kaufpreis nicht wert, meint er. Der Kunde führt uns den Gang herunter und bleibt vor seinem Favoriten stehen. Damit habe er gute Erfahrungen gemacht, sagt er.

Der junge Mann ist kein echter Mitarbeiter, wie er uns später erklärt. Er ist ein Kunde, wie wir auch – ein „freier Kundenberater“, wie man engagierte Kunden in diesen Positionen nennt. Er arbeitet zwar im Elektromarkt, aber nicht für ihn. Er empfiehlt Kunden Produkte aus dem Angebot des Marktes – ob sie nun fragend dreinschauen wie wir oder am Informationsschalter um Beratung bitten. Empfohlen wird jedoch nur das, was der Kundenberater wirklich für sinnvoll hält. Seine Informationen bezieht er aus eigenen Erfahrungen und aus Meinungen vertrauenswürdiger Kontakte.

Dell in Second Life

„Showrooms“ wie diese (Dell) gab es bereits vor einigen Jahren in Second Life

 

Schnell wird klar, dass er sein Handwerk beherrscht – die digitale Welt, mit der er vernetzt ist, gibt ihm innerhalb von Sekunden alle Informationen, die er für die Beratung benötigt. Fragen über Kompatibilität, Garantien oder Lieferkosten – wenn er etwas nicht weiß, dann kennt er jemanden aus „dem Netz“, der es weiß. Kein Verkäufer, nicht mal der Hersteller des Geräts selbst, kann ihm noch das Wasser reichen. Er wirkt mit seinem Wissen fast wie ein Comicheld mit besonderen Fähigkeiten. Seine Superkräfte sind Kenntnisse über das Produkt. Er ist Kunde des Ladens und Verkäufer zugleich. Er ist der Verkäufer der Zukunft.

Wir fragen ihn, ob er seine Arbeit vergütet bekommt. Einige Stunden in der Woche arbeite er hier, dazu an den meisten Samstagen, sagt er. „Je besser meine Bewertung ist, desto mehr Gehalt bekomme ich – von den Affiliates.“ Affiliates – das sind Kooperationspartner mit verschiedenen Geschäftsmodellen, die freie Kundenberater wie ihn bezahlen und die Verbindung zwischen Hersteller und Konsument regeln. Je nach Modell erhält er sein Honorar aufgrund seiner investierten Zeit, positiven Bewertungen oder sogar pauschal. „Das kommt ganz auf den Affiliate an“, sagt er: „Je besser die Auswahl der Affiliates, desto mehr kann ich verdienen.“ Letztlich kommt das Geld jedoch von den Herstellern. Nur Provision für verkaufte Geräte bekommt er nicht. Immerhin empfiehlt er nur die Produkte, von denen er überzeugt ist.
Er lädt uns zu einem Kaffee ein. In der Mitte des Raums ist eine Kommunikationsplattform aufgebaut. Wir merken, dass sich dort Menschen über Produkte unterhalten. Die Getränke werden gesponsert und haben Labels von Unternehmen wie Phillips, Sony und Samsung. Natürlich tragen derartige Bereiche nicht mehr den Namen Café oder Bar, sondern „Forum“.

Echte Verkäufer, wie der unbedarfte Einkäufer aus dem Jahr 2011 sie erwarten würde, gibt es schon lange nicht mehr. Stattdessen beschäftigen die Märkte Mitarbeiter, die die Geräte auf- und abbauen und den Laden morgens aufschließen.

Wir verlassen den Markt. Zwischen hektischen Einkäufern und Bummlern bahnen wir uns unseren Weg zu einem weiteren Laden, der Werkzeuge anbietet. Allerdings handelt es sich dabei nicht um ein Geschäft im üblichen Sinne, sondern eher um eine kleine Produktmesse. Da wir einen Hammer suchen, beschränken wir uns der Einfachheit halber darauf. Der „Showroom“ besteht aus zahlreichen Regalreihen, auf denen die Hämmer, einzeln und ausgepackt, zur Begutachtung bereitliegen. Weit vorn im Laden sind die Werkzeuge hell ausgeleuchtet. Wir gehen die Reihe entlang und bleiben vor einem Hammer stehen, der uns gefällt. Vor uns liegt allerdings nicht nur der Hammer, sondern auch einige Bretter in verschiedenen Stärken und eine Schachtel mit Nägeln. Das Bild erinnert an die Kirmes. Wir probieren das Werkzeug aus, schlagen einige Nägel ein. Dabei schaut uns ein Vertreter des Werkzeug-Herstellers freundlich über die Schulter.

Wir gehen in eine der hinteren Reihen. Hier liegen einige Markenprodukte, aber enger beisammen und weniger gut ausgeleuchtet als in der ersten Regalreihe. Es gibt allerdings keine Unternehmensvertreter mehr. Nachdem wir einige Hämmer getestet und uns für einen Hammer entschieden haben, fällt uns auf, dass auch hier unter den Schaustücken keine Kartons mit den jeweiligen Produkten stehen.

Wir gehen also mit leeren Händen nach vorn. Nicht zur Kasse, sondern zu einem halben Dutzend Computer Terminals, vor denen sich nur ein einziger, älterer Kunde aufhält – ein Überbleibsel der alten Generation. Er tippt auf dem Bildschirm des Terminals herum und wählt sein gewünschtes Produkt, ein Schraubenzieher-Set, aus dem digitalen Pro-dukt-Portfolio und bestellt es mit seinem Fingerabdruck. Alle anderen kaufen und bezahlen mit dem eigenen mobilen Gerät.
Hinter uns erläutert der Verantwortliche im Showroom einige Einzelheiten des Konzepts, während wir uns am Terminal auf die Suche nach unserem Hammer machen. Finanziert werde der Showroom nicht durch Verkäufe. Immerhin gibt es keine Kasse, sondern nur die Möglichkeit, die Waren im Web zu bestellen. Lager für Waren gibt es fast nirgendwo mehr. Zu kurz sind die Produktzyklen, zu schnelllebig die Variationen einzelner Produkte. Was man heute bestellt, ist morgen vielleicht schon veraltet. Stattdessen kaufen die Hersteller Flächen in Showrooms, auf denen sie ihre Waren präsentieren. Je nach monetärem Einsatz können optisch ansprechendere Regale gegen Aufpreis gemietet oder Vertreter der Hersteller zur Verfügung gestellt werden.

Tatsächlich handelt es sich bei dieser Zukunftsvision um eine Verbindung von digitalen Verhaltensweisen und Vorlieben, die Menschen in der analogen Welt erlernt haben. Es geht bei derartigen Mini-Messen nicht hauptsächlich um die Bestellungen, sondern um die Gelegenheit, Produkte auszuprobieren und sich selbst ein Bild von ihnen zu machen. Dies führen Nutzer unter anderem als Argument gegen On-line-Einkäufe an.

Wir verlassen den Showroom. Draußen sieht alles noch aus wie vor 10 Jahren. Keine fliegenden Autos. Man könnte fast vergessen, dass man in der Zukunft ist. Die vielen mobilen Geräte sind jedoch sehr auffällig. Fast jeder starrt auf sein Display. Auch das erinnert uns an die Welt vor 10 Jahren. Es scheint sich nichts verändert zu haben, und doch ist alles ganz anders.

Das Jahr 2035

Weitere 10 Jahre später. Wieder keine fliegenden Autos. Stattdessen Fußgängerzonen mit vielen Verbotsschildern: Rauchen, Hunde, Kaugummis und Alkohol strikt verboten – Fahren ist nur auf den bemalten „Sagways“ erlaubt – die Fahrradwege der Zukunft.

Wir sehen eine Display-Werbung über die Einführung einer sogenannten Avatarsteuer. Das verstehen wir nicht. Ein Passant erklärt es uns: Einige Arbeitsplätze, vor allem in der Hotelbranche, wurden durch ferngesteuerte Roboter ersetzt. Diese werden von ausländischen Mitarbeitern aus der Ferne gelenkt – aus dem Web heraus: „Outsourced-Roboting“ nennt sich das neue Konzept. Arbeitskräfte aus dem Ausland benötigen keine Aufenthaltsgenehmigung mehr, da sie sich physisch in einem anderen Land befinden. Sie loggen sich jedoch auf einen sogenannten „Avatar“ ein, der nichts weiter ist als ein nicht besonders ausgefeilter Roboter auf Rädern mit einem relativ unbeweglichen, geraden Arm. Auf diese Weise braucht man beispielsweise an der Rezeption eines Hotels keine europäischen Arbeitskräfte mehr. Außerdem können die „Avatare“ mehrere Sprachen, sind viel freundlicher und können alles mit einem Klick erledigen. Das Problem des Jahres 2035 ist anscheinend, dass sie hier arbeiten, selbst wenn sich die Menschen dahinter in Wirklichkeit in China oder Indien aufhalten. „Sie sollten jedoch Steuern in dem Land zahlen, in dem sie einen Avatar bedienen“, sagt uns der Passant. Eigentlich eine logische Zukunft, wenn man darüber nachdenkt. Vom Analogen ins Digitale und von dort wieder zurück ins Analoge. Diese Reihenfolge hatten wir noch nicht.

Wir informieren uns weiter, was nach 2035 kommen könnte. Die Suchmaschinen verraten es uns: Die ersten Entwicklungen der Biotechnologie haben langsam Gestalt angenommen. Die Informationstechnologie ist anscheinend gesättigt und Neuentwicklungen in diesem Bereich gibt es kaum noch. Kommunikations- und IT-Anbieter haben längst ihre Monopolstellung sichern können. Neue Marktteilnehmer in der IT haben fast keine Chance mehr. Der nächste Kondratjew-Zyklus hat aber begonnen – der neue Paradigmenwechsel heißt Biotechnologie und meint die Verbindung zwischen Technologie und Organismus. Der Traum eines Menschen, der mit Technologie eins ist, soll durch die Kombination von Genetik, Biologie und Technologie gemeistert werden. Doch es ist gerade das Jahre 2035 und die Menschen stehen noch am Anfang ihrer Reise. Das Zeitalter des kybernetischen Organismus braucht weitere Entwicklungsstufen. Die nächsten 50 Jahre werden es zeigen und vielleicht noch bis zum Anfang des 22. Jahrhunderts andauern. Aber wenn man etwas darüber nachgedacht hätte, wäre vielleicht auch das vorhersehbar gewesen.

Die Realität der Zukunft

Die Zukunftsvisionen für das Jahr 2025 sind technisch und gesellschaftlich heute bereits massentauglich. Durch das Social Web sind Nutzer schon an Verhaltensweisen gewöhnt, die der Markt bisher noch nicht umsetzen konnte. Gleichzeitig sind Technologien wie Bestell-Terminals oder Bewertungsportale bereits bekannt und in reger Benutzung. So leicht wie sich solche Modelle erfinden und umsetzen lassen, ist die Einschätzung der Folgen nicht. Wie bei jeder grundlegenden Veränderung wird es auch bei der Einführung solcher Analog-Digital-Verschmelzungen Widerstände von denen geben, die das althergebrachte Modell vertreten. So ist die automatische Erkennung von Produkten heute nicht mehr undenkbar und wird in den meisten Zukunftsvisionen postuliert. Trotzdem sperren sich besonders große Handelsketten gegen das Fotografieren ihrer Waren.

Outsourcing Avatar RoboterVor allem Smartphones werden beim Kaufprozess eine immer wichtigere Rolle einnehmen, ist sich unter anderem die Online-Agentur Interone aus München sicher. Gerade bei Elektro- oder Baumarktartikeln steige die Nutzung der vielseitigen Telefone, besagt ihre Studie „The Retail Revolution“. Verwendet werden die Geräte vor allem zum Preisvergleich.

Andere Techniken verschmelzen schon sehr erfolgreich digitale Anzeigen mit der Realität. Augmented Reality ist das Stichwort, wenn zum Beispiel die Grünen in Berlin Wahlplakate für Smartphones lesbar machen. Mit der passenden App gescannt werden die Wahlversprechen auf den Plakaten von Renate Künast erklärt: als Video auf dem Smartphone.

Zwar nicht online, dafür aber umso eindrucksvoller nutzt auch das Unternehmen Nintendo die „Augmented Reality“. Die Handheld-Konsole 3DS filmt spezielle Karten, auf der dann eine Figur animiert wird, die sich über den Bildschirm des Geräts bewegt. Das Besondere ist die Fähigkeit der Figur, mit im Fokus befindlichen Gegenständen zu interagieren, etwa ihre Größe einzuschätzen. In diese Richtung geht auch das in der TED-Konferenz zitierte System Sixth Sense, das Befehle durch Fingerzeichen versteht, die es mit Hilfe einer Kamera erkennen kann: Daumen und Zeigefinger in der Luft zu einem „L“ geformt gibt dem Gerät den Befehl zum Fotografieren. Das Ende des Touchpads.

Kritik an der Zukunft

In Social Media haben die Konsumenten die Macht, heißt es. Schaut man sich jedoch die mögliche Zukunft an, die uns bevorsteht, ist nicht erkennbar, inwiefern der Konsument zu dieser Veränderung tatsächlich beitragen wird. Die Wahrheit für den Nutzer könnte die sein, dass die uns bevorstehende Entwicklung nicht auf seinen Vorstellungen, Ideen und Innovationen aufbaut. Vielmehr scheinen die Forschung, Wissenschaft und Wirtschaft mit eigenen Kurbeln die Zukunft zu gestalten. Der Konsument treibt sie und wird zum Befürworter oder Kritiker bereits entstandener Produkte. Seine „Inhalte“ bestehen lediglich aus Bewertungen – oft ersetzt durch vereinfachte Muster wie Punktesysteme und „Top oder Flop“. Und Social Networks haben schließlich die Nutzermeinung auf das tiefste Niveau beschränkt, das nur aus einem einzigen Merkmal besteht: „I like“.

Gesellschaftskritik dagegen findet bei Themen statt, die nicht mehr aufzuhalten sind, wie beispielsweise beim Datenschutz. Probleme, die gar keine mehr sind, lenken von dem Bevorstehenden ab. Die Zukunft wird eine Menge an Veränderungen mit sich bringen. Einhergehend damit werden neue Probleme entstehen.

Vieles ist möglich in der Zukunft. Paradoxerweise erscheinen uns die natürlichsten Dinge des Lebens als unmöglich und für die meisten auch noch unakzeptabel. Als zu utopisch würde man die Vorstellung bezeichnen, in der sich Menschen an einem sonnigen Tag im Park aufhalten – ohne technische Geräte. Einfach unvorstellbar.

Dieser Artikel erschien im Social Media Magazin, Ausgabe Nr. 2011/4


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