Gut, Böse

Widersprüche und umstrittene Urteile sind Auswirkungen einer panischen Industrie. Diese führt einen Kampf gegen die digitale Gesellschaft, in der das Umdenken längst eingesetzt hat.

Als 1999 der Informatiker Jon Lech Johansen sein DeCSS-Programm zum Knacken des DVD-Kopierschutzes entwickelt hatte, lief die Industrie Sturm. Auf Grundlage des amerikanischen Copyright-Gesetzes „Digital Millennium Copyright Act“ (DMCA) aus dem Jahre 1998 wurde die Verbreitung eines derartigen Codes gerichtlich verboten. Zahlreiche Betreiber von Websites, darunter auch das Hackermagazin 2600, wurden verklagt, weil sie den Programmiercode von DeCSS im Internet veröffentlicht hatten.

Schon bald schlug der Industrie aus der Internetwelt eine Welle des Protests entgegen. Der Komponist Joseph Wecker beispielsweise sang den Code und bot ihn unter dem Titel Descramble (This Function Is Void) als MP3-Song im Internet an. Es gab DeCSS unter anderem als Bilddateien, als Gedicht und sogar als dramatische Lesung. Interessant war auch die Aktion des T-Shirt-Herstellers Copyleft, der den Code kurzerhand auf ein T-Shirt druckte. Der Informatikprofessor David Touretzky trug dieses DeCSS-T-Shirt sogar vor Gericht, während er für die Verteidigung als Experte aussagte. Er argumentierte, ein Verbot von DeCSS sei ineffektiv, da die Informationen auch auf andere Weise, zum Beispiel in geschriebener Form oder auf einem T-Shirt, weitergegeben werden könnten. Würden diese Formen der Informationsmitteilung ebenfalls untersagt, schränke dies das Recht auf freie Meinungsäußerung ein. Für ihn sei ein Programmiercode daher durchaus eine Form der Meinungsäußerung: „Wenn man etwas auf ein T-Shirt drucken kann, dann ist es eine Äußerung.“ Dennoch wurde es dem Hackermagazin 2600 und den anderen Angeklagten untersagt, DeCSS weiterzuverbreiten. Der Richter Lewis Kaplan war der Meinung, die Zeilen eines Computerprogramms seien nicht prinzipiell von der amerikanischen Verfassung als Meinungsfreiheit geschützt, und unterstrich dies mit einem absurden Vergleich: „Ein Computercode ist ebensowenig rein expressiv, wie die Ermordung eines Politikers eine rein politische Äußerung ist.“

DeCSS-T-Shirt

DeCSS-T-Shirt

Zumindest gegen die Freiheit der Kunst ist die MPAA noch nicht vorgegangen. Am 1. September 2000 startete unter dem Namen „DeCSS Art Contest“ ein Kunstwettbewerb, um das Verbot auf der Website Lemuria.org zu umgehen. Das Motto lautete „Express Yourself“. Ziel war es, den Code auf künstlerische Weise zu gestalten und die Filmindustrie trickreich zu provozieren. Bereits nach kurzer Zeit waren mehr als zehn Werke eingereicht worden, die sich in grafischen, rhythmischen und animierten Digitalkunstwerken darstellten. Alle vier Wochen gab es DVDs als Preise, und in der Jury saß ausgerechnet der DeCSS-Hacker Johansen.

Wenn es nach dem Gesetzgeber geht, kann Software auch unter das Waffenexportgesetz fallen. 1991 schrieb der Mathematiker Phil Zimmermann eine Verschlüsselungssoftware namens PGP und verbreitete sie frei als Open Source im Internet. Zimmermann wurde in der Folge zum Ziel von Ermittlungen, da die US-Zollbehörde erklärte, die Software verstoße gegen das amerikanische Waffenexportgesetz. Verschlüsselungstechniken, die eine bestimmte Effizienz überschritten, wurden von der amerikanischen Zollbehörde damals noch als Munition definiert. Zimmermann wurde somit vorgeworfen, Waffen illegal außer Landes gebracht zu haben. Aus Protest gab es auch damals T-Shirts, die den Code von PGP zeigten. Man sollte damit allerdings nicht ins Ausland fliegen, hieß es in den Foren sarkastisch. Den T-Shirt-Fans hätten in diesem Falle tatsächlich mehrere Jahre Haft gedroht.


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