Wenn Raubkopierer siegen

Was passiert, wenn Raubkopierer siegen

Extreme Szenarien

Szenario 1: Die Schwarzkopierer siegen

Allen Bemühungen der Industrie zum Trotz werden immer weniger Originale gekauft. Vor allem junge Generationen wachsen nicht als Käufer sondern als Downloader auf.

Die harten rechtlichen Maßnahmen der Urheber verschlechtern das Image der Industrie immer weiter. Sie gerät in eine beispiellose Abwärtsspirale. Bald ersetzt das illegale Herunterladen und Brennen fast vollständig den legalen Kauf. Die Umsätze der Unterhaltungsindustrie fallen ins Bodenlose. Plattenfirmen sehen sich gezwungen einen Großteil ihrer Künstler zu entlassen. Veröffentlicht werden nur noch Alben großer Stars, die einen kleinen Gewinn garantieren. Neben Klingeltönen für Handys stellen die Sparten Klassik und Volksmusik die wichtigsten Einnahmequellen der Musikindustrie dar. Deren Käufer sind tendenziell etwas konservativer eingestellt und haben den Kauf von Tonträgern noch nicht vollständig durch das Herunterladen von Dateien ersetzt.



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Der Filmbranche ergeht es noch schlechter. Durch die rasche Verbreitung schneller Internetverbindungen können Filme in DVD-Qualität in kürzester Zeit auf den Rechner geladen und im Heimkino angeschaut werden. Die Kinosäle bleiben leer, DVDs verstauben in den Einkaufsregalen. Zwar stirbt die Filmindustrie nicht völlig aus, die Welt des Films wandelt sich jedoch grundlegend. In kaum einer Stadt gibt es mehr als nur ein Kino und die Besucher ziehen einen Kinosessel zumeist nur noch aus nostalgischen Gründen dem heimischen Sofa vor.

Die meisten neuen Filme sind kaum mehr als 30 Minuten lang und müssen völlig ohne Stars auskommen. Die Budgets der Filmstudios erlauben keine größeren Produktionen mehr. Lediglich drei Mal im Jahr kommen so genannte „Full-Movies“ in die Filmtheater: 90-minütige Spielfilme mit zumindest einem bekannten Gesicht. Nicht wenige dieser „Full-Movies“ sind jedoch eher ein Imagewerkzeug der Industrie als eine konkrete Einnahmequelle. Häufig zahlen die Filmstudios bei der Produktion der Streifen drauf.

Auch die Computerspielbranche, einst der Vorzeige-Zweig der Unter-haltungsindustrie, bricht zusammen. Das Downloaden neuer Spiele dauert nur noch Minuten und die Vorstellung eines perfekten Kopierschutzes hat sich für die Hersteller als reine Illusion erwiesen. Immer weniger Spiele erscheinen im Handel und sind überdies nur noch sehr einfach gestaltet. Es können sich nur noch Multiuser-Spiele einigermaßen etablieren.

Sogar der Buchmarkt bleibt nicht verschont. Seit „digitales Papier“ für den Massenmarkt erschwinglich geworden ist können digitale Dateien von Büchern und Zeitschriften wie die Versionen aus echtem Papier bequem im Bett oder in der Bahn gelesen werden. Die unbequeme Handhabung von eBookz, die bislang das massenhafte Schwarzkopieren verhinderte, gehört damit der Vergangenheit an. Und so brechen auch die Umsätze der Buch- und Zeitschriftenverlage ein. Unzählige Zeitschriften werden eingestellt, immer weniger Bücher werden gedruckt.

Szenario 2: „Die Industrie siegt“

Industrie Raubkopierer

Gegen die anhaltende Kritik gelingt es den Urhebern, die illegale Verbreitung ihrer Produkte zu unterbinden. Auf ihren Druck hin werden die Strafen verschärft, Downloader verfolgt und die Rechte der Käufer systematisch eingeschränkt.

Zudem werden bessere Kopierschutzverfahren entwickelt. Bei Filmen und Musik lässt sich jede Urheberrechtsverletzung dank digitaler Wasserzeichen genau zurückzuverfolgen. Zudem kann festgelegt werden, wie oft und von wem eine Datei benutzt werden darf. Software wird durch in die Computer eingebaute Chips vor dem Manipulieren und Kopieren geschützt.

Der perfekte Kopierschutz wird zur Realität. Es gibt keine Schwarzkopien mehr. Trotzdem steigen die Umsätze der Industrie nicht wie erhofft. Das Gegenteil ist der Fall. Durch restriktive Betriebssysteme verärgert, steigen die Nutzer in Scharen auf freie Alternativen wie Linux und andere Open-Source-Produkte um. Plattenfirmen, Filmstudios und Computerspielhersteller erscheinen vielen Kunden als geldgierige Riesen, die es zu boykottieren gilt. Kaum ein Käufer ist bereit, einer Industrie Geld zukommen zu lassen, die sogar das private Kopieren eines legal erworbenen Musikalbums verbietet. Politische Parteien, die sich gegen die Industrie aussprechen werden nicht aus Überzeugung zu Links, sondern aus Überzeugung für Schwarzkopien gewählt.

Es stellt sich heraus, dass gerade Musik auf Mundpropaganda und Empfehlungen angewiesen ist. Ohne ein Brennen und Downloaden und damit einem kollektiven Erleben von Musik gehen somit auch die Verkäufe zurück. Viele Musiker bringen daraufhin ihre Alben nicht mehr bei den großen Plattenfirmen sondern im Eigenvertrieb mit weniger restriktiven Lizenzmodellen heraus. Dankbar greifen die Kunden zu. Alternative Film- und Videospielfirmen entstehen aus dem Kreis kreativer Internetfreaks heraus. Die Unterhaltung der Massen verlagert sich von den großen Firmen zu kleinen Gemeinschaften im Internet. Die Zeiten der großen Gewinne sind für die Unterhaltungsindustrie damit endgültig vorbei. Immer weniger Musikalben erscheinen, Kinos schließen und bald sind neue Filme kaum mehr als 30 Minuten lang …

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Fazit

Ganz abwegig sind derartige Szenarien nicht. Beide dürften jedoch kaum jemandem wünschenswert erscheinen. Es stellt sich daher die Frage, ob nicht vielleicht die aktuelle Situation für beide Seiten am erträglichsten ist. Schließlich wird zwar ausgiebig schwarzkopiert, es werden aber trotzdem noch genügend Originale gekauft. Immer wieder zeigt sich, dass mit den richtigen Verkaufsstrategien trotz Schwarzkopien hohe Gewinne erzielt werden können.

Auch die Schwarzkopierer können mit dem Status Quo zufrieden sein. Entgegen aller Gesetze können sie fast jedes Produkt der Unterhaltungsindustrie kopieren. Möchte ein Konsument einen Datenträger für einen Freund brennen oder eine neue Software testen, ist er nicht zwangsläufig auf den Kauf des Originals angewiesen.

Diese Situation kann jedoch nur bestehen bleiben, wenn das Gleichgewicht zwischen Kaufen und Kopieren nicht zerstört wird. Gewinnt eine der beiden Seiten die Oberhand, droht entweder das Szenario 1 oder Szenario 2 Realität zu werden. Momentan ist es vor allem die Industrie, die daran arbeitet das Gleichgewicht ins Wanken zu bringen. Prozesse gegen Filesharer, der Kampf für schärfere Gesetze und die Entwicklung immer neuer Kopierschutzmechanismen sollen die illegalen Kopien bezwingen. Doch auch die Schwarzkopierer sollten das Downloaden und Brennen nicht zum Prinzip erheben. Denn auf lange Sicht kann nur kopiert werden, wenn es auch Originale gibt.

Dieser Beitrag vom wurde vor der Veröffentlichung von den Autoren des Buchs NO COPY als Zusatzmaterial zum Nachwort erstellt.

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