Demontage

Warum Hacker alles demontieren müssen

NO COPY

von Jan Krömer und William Sen
Buchautoren und Journalisten

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„Gregor, ein ehemaliges, sehr aktives Mitglied der Szene in den 80er Jahren, hatte bereits im Alter von vierzehn Jahren ein ungewöhnliches Hobby. Während andere es vorzogen, ihre Computer einfach nur zu benutzen, nahm er in seiner Freizeit Geräte auseinander.

Gregor hielt auf Schrottplätzen oder in Industrie-Müllcontainern ständig Ausschau nach defekten Videorecordern oder Fernsehern, um sie zu Hause wieder in Schuß zu bringen. Er fummelte für sein Leben gern an allem, was elektrisch war. Vor ihm war kein Gerät sicher, das ein Netzteil besaß. In seinem Zimmer hatten sich mittlerweile unzählige Geräte angesammelt, die wild verstreut herumlagen. Er hatte immer mindestens ein Gerät neben sich liegen, das sich in seinen Augen als wertvoll genug erwies, ganzkörperobduziert zu werden.“

Viele Erzählungen von Hackern spiegeln eine ähnliche Faszination an der Demontage wider, so auch die bekannte Geschichte von den „kleinen Leuten im Radio“: Die Eltern kommen nach einem längeren Einkauf nach Hause und müssen entsetzt feststellen, dass der kleine Sohnemann die teure Musikanlage komplett auseinandergenommen hat, um die „little people“ im Radio herauszulassen.

Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was wir glauben zu wissen, und dem, was wir bereit sind, aktiv zu erforschen. Der begeisterte Bastler oder typische Hacker wird sich lieber damit beschäftigen, Geräte oder Software selber auseinanderzunehmen, um sie zu verstehen. Auch Kevin Mitnick, einer der bekanntesten Hacker der Welt, beschreibt, dass seine Faszination bereits mit dreizehn Jahren damit begann, Geräte auseinanderzunehmen und wieder zusammenzufügen. Im selben Alter fing Mitnick an, Radios zu konstruieren.

John Draper alias Cap’n Crunch, der Erfinder des Blue Boxing und einer der ersten Phreaker der Welt, baute bereits in jungen Jahren einen eigenen Piratensender. Später wurde das Manipulieren von Telefonnetzen zu seinem Hobby, woraus sich eine eigene Disziplin des Telefonhackens entwickelte.
Das Verlangen, elektronische Geräte oder Software zu demontieren, taucht in der Hackerkultur regelmäßig auf. Es gehört zu den elementaren Antrieben eines Hackers. Gary Robson, Ingenieur und Autor, beschreibt in einem seiner Artikel die Eigenschaften, die ein Hacker entwickeln sollte. Dort zählt er die Neugier zur Hauptvoraussetzung: „Sei neugierig. Nimm Dinge auseinander. Sieh unter die Haube. Bohr dich in das System und schau, was dort ist.“ Beim Auseinandernehmen steht jedoch nicht der destruktive Akt im Vordergrund. Vielmehr ist dabei die Neugier an der Technik entscheidend. Maßgeblich sind das Verständnis und die Erforschung des Unbekannten. Auch Tim-Berners Lee, der Erfinder des ersten Internet-Browsers und damit des World Wide Web, vergleicht seine Faszination mit „Herumbasteln am Softwarespielzeug“.

Die Demontage von Technologie wird unter Hackern oft als positiver Akt im Namen der Neugier und Forschung legitimiert. Die Gesetzgeber der EU-Länder sehen die Angelegenheit jedoch anders. Sie haben sich gegen das Recht auf Zerlegen von Software ausgesprochen und klare Gesetze verabschiedet. Hiernach darf niemand ohne Genehmigung des Urhebers Software auseinandernehmen. Unternehmen müssen sich daher nicht zwangsläufig gefallen lassen, dass ihre Software seziert wird. Auf der anderen Seite lassen sich die Hacker von derartigen Gesetzen nur bedingt beeindrucken. Sie fühlen sich durch jegliche Blockaden in ihren Grundprinzipien und Freiheitsrechten verletzt. Viele Unternehmen stützen sich auf Gesetze und die Ratschläge ihrer Anwälte, anstatt zu versuchen, die Beweggründe der Hacker nachzuvollziehen.

Großspurige Behauptungen, eine bestimmte Technik sei nicht zu knacken, können unerwartete Folgen haben. Eine solche Erfahrung musste auch die Musikindustrie machen. Als klar wurde, dass das Dateiformat MP3 sich immer weiter verbreitet, entschied der Industrieverband SDMI (Secure Digital Music Initiative), den ultimativen Kopierschutz zu entwickeln. MP3-Musik sollte mit einem einzigartigen Algorithmus vor dem Kopieren geschützt werden. Im September 2000 war die High-Tech-Initiative, der rund 180 Plattenfirmen und Technologieunternehmen angehörten, offenbar davon überzeugt, einen unknackbaren Code geschaffen zu haben. In einem offenen Brief rief sie alle Hacker der Welt mit einer Belohnung von 10.000 US-Dollar dazu auf, die entworfenen SDMI-Technologien zu knacken. Der Direktor des SDMI, Leonardo Chiariglione, forderte von der digitalen Community: „Hier ist die Einladung: Attackiert die vorgestellte Technologie: Knackt sie.“

Bereits nach kurzer Zeit wurde der SDMI-Kopierschutz von verschiedenen Hackern geknackt. Dies war nicht zuletzt auf den provokativen Aufruf des Verbandes zurückzuführen. Überraschenderweise war es schließlich Edward Felten, Professor der Universität Princeton, der die Ergebnisse im Namen der Forschung veröffentlichen wollte. Als die Plattenlobby den Professor daraufhin zu verklagen drohte, wurden die Ergebnisse von den Hackern Julien Stern und Julien Beuf kurzerhand auf einer Website veröffentlicht. Es wurde offensichtlich, dass der Verband mit dem Hackeraufruf einen Fehler begangen hatte. Der Direktor Leonardo Chiariglione trat zurück, und SDMI verschwand bald darauf von der Bildfläche.

Nach Meinung von Steven Levy, dem wohl bekanntesten Forscher der Hackerethik, sind Hacker bestrebt, alle Barrieren zu brechen, die ihnen den Zugang zu Informationen versperren. Dieses Grundprinzip wird damit begründet, dass die essentielle Erkenntnis, wie die Welt funktioniert, nur dadurch gewonnen werden kann, dass man Dinge auseinandernimmt, um sie zu verstehen. Nur das Wissen darüber, wie etwas funktioniert, kann neue und noch interessantere Dinge erschaffen. Folglich müssen Informationen frei sein. Sind sie es nicht, macht es sich ein Hacker zwangsläufig zur Aufgabe, die gesperrten Daten zu befreien. So ist letztendlich auch die Idee der freien Software auf das Bedürfnis zur Demontage zurückzuführen.

NO COPY

von Jan Krömer und William Sen
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Jan Krömer und Dr. William Sen sind u. a. Autoren des Buchs "NO COPY - Die Welt der digitalen Raubkopie" - erschienen im Klett-Cotta Verlag. Das Buch sorgte vor allem in Deutschland für Aufklärung für das Verständnis für Raubkopien und untersuchte kritisch das gesellschaftliche und auch ökonomische Grundverständnis für "die Kopie".

Das Buch NO COPY ist kostenlos online verfügbar.

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