Massenphänomen Schwarzkopien

Nachwort zum Buch NO COPY

Schwarzkopien aller Art sind heute verbreiteter denn je zuvor. Auch die immer härteren Maßnahmen der Rechteinhaber werden das illegale Kopieren nicht eindämmen können. Im Gegenteil: Was vor Jahrzehnten als Hobby einiger Hacker und Computerfreaks begann, ist zu einem Massenphänomen geworden. Millionen Menschen auf der ganzen Welt downloaden und brennen CDs.

Die Rechteinhaber zeigten sich von derartigen Entwicklungen zunächst unbeeindruckt. Erst als ihre klassischen Vertriebsmethoden immer weniger Wirkung zeigten, wurden Schwarzkopierer für die anhaltenden Umsatzeinbrüche verantwortlich gemacht. Anstatt nach neuen Märkten und Strategien zu suchen, überließ die Industrie die Sache einfach ihren Anwälten. Seitdem werden Downloader verfolgt, die Rechte von Käufern systematisch eingeschränkt und die Strafen für Schwarzkopierer verschärft.

Die Industrie widmet sich dem Thema Schwarzkopien, ohne das Phänomen wirklich erkannt und verstanden zu haben. Sie scheint zu übersehen, dass es die Subkultur des Schwarzkopierens seit mehr als 20 Jahren gibt. Die Szene mit ihren eigenen Regeln und Werten abseits von Gesetzen und Gerichtsurteilen fühlt sich durch die Verfolgung nur noch mehr herausgefordert. Je heftiger sich die Industrie mit ihrem Rechtsverständnis gegen die Kunden wehrte, um so stärker wurde der digitale Widerstand. Außerhalb der Szene erhoben Tauschbörsennutzer das Downloaden zum Prinzip. Es entwickelten sich hochwertige, freie Projekte wie Linux und Wikipedia als Alternative zu lizenzgebundenen Programmen und Informationen.

Dabei wird immer unklarer, wer noch das Recht vertritt und wer gegen Gesetze verstößt. Als der Verband der US-Musikindustrie RIAA zu Beginn des Jahres 2006 eine neue Klagewelle gegen Downloader startete, meldete sich auch eines der angeblich geschädigten Unternehmen zu Wort. Überraschenderweise stellte sich das Label Nettwerk Music Group auf die Seite eines der Angeklagten: „Fans zu verklagen ist nicht die Lösung, sondern das Problem“, erklärte der Nettwerk-Chef Terry McBride. Das Recht sei dazu da, Menschen zu schützen, nicht dazu, als Schwert geführt zu werden. Nettwerk kündigte daher an, sowohl die Prozesskosten des Angeklagten David Greubel als auch die Strafe im Falle einer Verurteilung zu übernehmen.

Auch in Deutschland verwischen zunehmend die Fronten. So findet sich die GVU plötzlich auf der Seite der Schwarzkopierer wieder, die sie eigentlich bekämpfen sollte. Nach einer europaweiten Razzia gegen die Release-Szene im Januar 2006 wurde der Jäger zum Gejagten, als die Polizei auch die GVU wegen Verbreitung von Schwarzkopien verdächtigte und die Büros in Hamburg durchsuchte. Bei ihren Ermittlungen hatte die GVU angeblich die Grenze des Erlaubten überschritten und einem Serverbetreiber der Release-Szene Geld gezahlt, um die kontinuierliche Verbreitung von Schwarzkopien zu gewährleisten und Szenemitglieder überführen zu können. Viele Computernutzer zeigten sich empört darüber, dass die Privatdetektive der GVU für ihre Fahndung das Material anboten, das sie schützen sollten.

Daher führen die Anstrengungen der Industrie nicht, wie von ihr erhofft, zu einem stärkeren Unrechtsbewusstsein. Vielmehr beklagt die Internetgemeinschaft den Verlust individueller Freiheit und die wachsende Kontrolle der Urheber. Vieles, was bislang selbstverständlich war, wird durch dieses Vorgehen in Frage gestellt. Die Arbeit eines anderen fortzusetzen, zu verbessern oder daraus eine eigene Schöpfung zu kreieren wird zunehmend schwieriger. Musikern ist es mittlerweile untersagt, „Samples“ anderer ohne Lizenz in ihre eigene Musik zu mischen. Was seit vielen Jahrzehnten elementarer Teil der Musikproduktion ist, wird zum „geschützten Material“. Auch das Benutzen einiger Sekunden eines Films ist ohne Erlaubnis des Urhebers strafbar, wohingegen man seit Jahrhunderten frei aus Texten zitieren darf. Viele Künstler werden heute in ihrer Kreativität durch das Urheberrecht eingeschränkt.

Unter solchen Umständen fällt es schwer, die Werke der Unterhaltungsindustrie, sei es Musik oder Film, noch als Kulturgut zu betrachten. Sie stellen sich vielmehr als Produkte dar, die allein als Einnahmequellen der Industrie fungieren.

Auch das Urheberrecht selbst geriet dabei in die Kritik. Es geht mittlerweile nicht mehr darum, zu klären, wer „Recht“ im Sinne des Gesetzes hat. Es geht vielmehr um das Recht auf Meinungsfreiheit und freie Entfaltung. Zur Diskussion stehen essentielle Werte wie Kultur und Fortschritt. So ist es kaum verwunderlich, dass sich immer mehr Gegner des bestehenden Rechts zu Wort melden.

Studien renommierter Universitäten belegen, dass Schwarzkopierer nicht für die Umsatzeinbrüche der Industrie verantwortlich gemacht werden können. Den Rechteinhabern stehen bekannte Wissenschaftler wie Lawrence Lessig gegenüber, der eine ganze Kulturentwicklung in Gefahr sieht: „Gerade jetzt, wo die Technologie vielen Menschen erst ermöglicht, am Verändern und Remixen kultureller Werke teilzunehmen, wird dem ein Riegel vorgeschoben. Und das soll nicht empörend sein?“

Sicherlich ist ein funktionierendes Urheberrecht von enormer Bedeutung für die Gesellschaft. Doch wie kann das Urheberrecht noch förderlich sein, wenn es nicht mehr im Sinne der Gesellschaft wirkt, sondern unter dem Einfluss der Industrie steht? Die Konsumenten werden keinen Grund sehen, sich an die Gesetze zu halten, solange ihnen das Copyright wie ein Spielball einiger mächtiger Rechteinhaber vorkommt. So schaden die Anstrengungen der Industrie nicht nur der Kultur, sondern nutzen nicht einmal ihr selbst. Trotz des scharfen Vorgehens gegen Schwarzkopierer steigen die Umsätze nicht wie erwartet.

Nur langsam kommt Bewegung in die festgefahrene Diskussion. In Europa werden in vielen Ländern heftige Debatten um privates Kopieren und Urheberrechte geführt. In Frankreich soll Filesharing mittels einer Pauschalabgabe komplett legalisiert werden. In Schweden wurde sogar die „Piratenpartei“ gegründet, die sich gegen die Kriminalisierung von Musikliebhabern einsetzt. Und auch in Deutschland werden zur Zeit neue Gesetzesvorschläge diskutiert.

Klar scheint nach Jahrzehnten des Schwarzkopierens nur eins zu sein: Solange die Nachfrage existiert, wird es auch immer ein Angebot geben. Die Frage ist lediglich, wo und von wem.




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