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Die TV-Serie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

von Michael Scheyer

 

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Zuletzt soll der Begriff Aktualitätsdruck genauer erklärt werden. Leichtfertig hört man oft, dass sich jeder Medienkonsument eben genauso lange zu gedulden habe, wie es dauere, bis das gewünschte Medienprodukt legal und kostengünstig erhältlich ist.

Aber angesichts des technologischen Fortschritts und der theoretischen Vertriebsmöglichkeiten ist dies ein äußerst fragwürdiges Argument. Warum müssen Verbraucher Verhaltensweisen beibehalten, die ihnen selber zum Nachteil gereichen und unbefriedigend sind, obwohl es die Reproduktionstechnologie ermöglichen würde, das Interesse zu befriedigen? Und das einfach und problemlos.

Der Blick auf die Lebenswirklichkeit ist immer wesentlich komplizierter als in der Vorstellung. Die Rezipienten haben ein bestimmtes Interesse. Dieses Interesse wurde von einem gesellschaftlichen Wandel gefördert. Dieses individuelle Interesse stößt nun in der sozialen Wirklichkeit auf einen von außen kommenden Druck, den man fast als Gruppenzwang bezeichnen könnte. Denn wenn sich die Rezipienten in sozialen Kreisen bewegen, in denen das aktuelle Weltgeschehen inklusive der aktuellen Weltkultur in der Kommunikation eine größere Rolle spielt, so wächst der Druck von außen, illegal herunterzuladen, um Anteil am sozialen Gefüge haben zu können. Wenn also alle Freundinnen die neueste in den USA ausgestrahlte Folge von Sex and the City bereits gesehen haben und sich darüber unterhalten, wird diejenige Rezipientin aus dem Kreise ihrer Freundinnen ausgeschlossen, die sich gegen den Download entscheidet. Wer sich in solchen Kreisen bewegt, wird also augenblicklich dem äußeren Druck ausgesetzt sein, an der illegalen Reproduktionspraxis teilzunehmen, sofern derjenige nicht aus diesem sozialen Netzwerk ausgeschlossen sein will. Die Alternative, ein ganzes Jahr auf die Ausstrahlung der synchronisierten Fassung zu warten, ist angesichts diesen Drucks ziemlich schwierig.

Außerdem haben TV-Serien nicht selten aktuelle Bezüge, die immer weniger von Interesse sind, je länger sie in der Vergangenheit liegen. Bemerkenswert ist zum Beispiel eine Sequenz aus der aktuell in den USA ausgestrahlten Staffel 20 von The Simpsons, Episode 4 "Treehouse of Horror 19", in welcher die Hauptfigur Homer Simpson zur Wahlurne schreitet, um seine Stimme für die Wahl des US-Präsidenten abzugeben. Diese Sequenz verweist namentlich auf die Präsidentschaftskandidaten Barack Obama und John McCain und war einen ganzen Monat vor dem USamerikanischen Ausstrahlungstermin der Episode (2.11.2008) auf YouTube (29.9.2008) zu finden, damit der aktuelle Bezug zu den Wahlen (4.11.2008) im Vorfeld gewährleistet war. Ungeklärt ist, wer die Sequenz auf YouTube hochgeladen hatte, doch man sieht, dass besonders TV-Serien Bezüge zu aktuellen Vorkommnissen der Welt haben können und lange Wartezeiten immer seltener geduldet werden.

Und natürlich spielen die dramaturgischen Konzepte der neuartigen epischen Serien eine große Rolle, denn die Cliffhanger wecken beim Zuschauer ein besonders großes Interesse an der Fortsetzung. Darauf weist auch die Studie von Mediamétrie hin.

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