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Die TV-Serie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

von Michael Scheyer

 

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Nun waren Nachrichten, die politisch von globalem Interesse sind, schon immer relativ zeitnah zu verfolgen. Aber die Informationen wurden von den Medieninstituten gefiltert und auf Sende- und Druckplätze gebündelt.

Die Menge an Informationen, die auf diese Weise übertragen werden konnte, war beschränkt. Zudem war die Geschwindigkeit der Informationsübertragung vom technologischen Stand des Ortes abhängig, an dem sich die Geschehnisse ereigneten. Es konnte mitunter mehrere Tage dauern, bis eine Information beim entsprechenden Empfänger ankam.

Die Medienunternehmen entschieden über die Relevanz der Information für die Empfänger und hielten bestimmte Informationen allein aus Platz- und Zeitgründen verständlicherweise zurück. Informationsbedürftige, die sich für spezifische Sachverhalte interessierten, mussten einen großen Aufwand in Kauf nehmen, um an die gewünschten Informationen zu kommen, eventuell internationale Printmedien teuer sich schicken lassen oder selber vor Ort reisen, o.ä.

Heute ist die Informationsübermittlung dezentralisiert und ungefiltert, also nicht mehr abhängig von der Relevanzentscheidung eines Dritten. Jede Information, die auf ein Interesse stößt, wird übermittelt beziehungsweise für jedes Informationsbedürfnis entwickelt sich ein spezifisches Angebot.

Um wieder den Weg zur TV-Serie zurück zu finden: Interessiert sich ein nicht-USamerikanischer TV-Konsument beispielsweise für das Programm eines USamerikanischen TV-Senders, kann er dieses innerhalb von Sekunden abrufen. Er muss nur die Internetadresse dieses Senders anwählen. Auf diese Art und Weise kann er sämtliche Informationen zu allen Sendungen abrufen, die ihn interessieren. Da es ihn nichts außer Zeit und Mausklicks kostet, kann er sie bei Bedarf Gleichgesinnten in einer Datenbank zur Verfügung stellen. Auf diese Weise entstand in den vergangenen Jahren dank der Dezentralisierung der Informationskanäle zu jedem existierenden Informationsbedürfnis ein dazugehöriger Informationskanal. Jedes noch so kleine Informationsbedürfnis wurde somit weltweit mit dem entsprechenden Informationsangebot gleich geschaltet.

Diese Gleichschaltung findet zeigt sich zum Beispiel auch durch die illegale Downloadpraxis. Da die Rezipienten Kenntnis von Spielfilmangeboten in den USA haben, entwickeln sie auch ein Interesse daran, diese zu konsumieren. Sind diese nicht legal erhältlich, laden sich die Rezipienten die Spielfilme illegal herunter. Die Gleichschaltung der Welt ist mitverantwortlich für den herrschenden Aktualitätsdruck.

An dieser Stelle wäre es interessant, über Statistiken zu verfügen, die Aufschluss geben über die Höhe des illegalen Downloadvolumens von Kinospielfilmen, die eine Weltpremiere haben (einen global gleich geschalteten Start), im Vergleich zu solchen Kinospielfilmen, die international unterschiedliche Premierentermine haben. Trifft die Aktualitätsthese zu, müsste das illegale Downloadvolumen ersterer Filme deutlich unter dem letzterer liegen. Diese Annahme müsste für das Downloadvolumen von TV-Serien analog gelten.

Alle drei Teile von Herr der Ringe wurden weltweit am gleichen Tag ausgestrahlt. Die Fans, die sich schon seit Jahren auf den Film freuten, konnten den Film weltweit gleichzeitig legal anschauen und mussten nicht, wie es bei den meisten Filmen der Fall ist, mehrere Monate darauf warten bis der Film nach dem US-Start national gezeigt wird. Es ist anzunehmen, dass das Downloadvolumen der Herr der Ringe Trilogie kleiner war als das Downloadvolumen anderer Filme, die nicht gleichzeitige Starttermine haben.

Es wird deutlich, dass angesichts der globalen Gleichschaltung von Informationsbedürfnissen und -angeboten, des daraus resultierenden wachsenden transkulturellen Interesses und der Verbesserung der Rezeptionsfähigkeit englischsprachiger Medienprodukte der Gleichschaltungsfaktor (Aktualitätsdruck) ein ganz wesentlicher Auslöser für das weltweit illegale Downloadvolumen ist. Dabei wird die soziale globale Gleichschaltung von den TV-Sendern und anderen Anbietern von Medienprodukten entweder stark unterschätzt, weshalb es noch kein auf dieses Interesse reagierendes Angebot gibt, oder aber sie betrachten die illegale Downloadpraxis tatsächlich als Messinstrument für den Medienkonsum. Das würde indirekt bedeuten, dass die Industrie kein Interesse daran zu haben scheint, dass die Downloadpraxis verschwindet. Was die virtuelle digitale Downloadpraxis von der bisherigen Praxis an Schwarzkopien unterscheidet, ist die Möglichkeit, sie zu beobachten. Die "analoge" Reproduktionspraxis konnte nur sehr geringfügig beobachtet werden. Die digitale Reproduktionspraxis dagegen ist ein statistisch signifikantes Messinstrument und ohne großen Aufwand zu beobachten und zu verwerten.

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