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Die TV-Serie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

von Michael Scheyer

 

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Bereits Mitte des 20. Jahrhunderts beschäftigten sich Julia Kristeva und Roland Barthes mit einer neuen Literaturtheorie, welche von Kristeva als Intertextualitätstheorie bezeichnet wurde.

Sie besagt im Kern, dass jeder geschriebene Text sich aus bereits bestehenden Texten zusammensetzt, die der Autor gelesen oder gehört hat. Ähnlich einem Mosaik, das aus vielen Einzelbausteinen besteht, setzt der Autor einen Text neu zusammen. Texte bestehen also nur aus anderen Texten. Sie sind interdependent und verweisen aufeinander In gewissem Sinne ist also die Vernetzung der Welt und der Kultur durch Querverweise und Referenzen nichts anderes als "angewandte Intertextualität".

Angesichts der multimedialen Reproduktionskultur müsste man jedoch eher den Begriff Intermedialität verwenden, um dem (multidimensionalen) Phänomen gerecht zu werden. So können Filme textuelle, photographische oder musikalische Elemente von anderen Filmen, Musikstücken oder Texten haben.

Jedes kulturelle Werk ist demnach eine komplexe Ansammlung kultureller Querverweise. Im digitalen Zeitalter ist dieser Sachverhalt leichter rekonstruierbar und erreicht Dimensionen, die man bislang nicht wahrnehmen konnte. Die Reproduktionskultur ist insofern kein Phänomen der Neuzeit; die Reproduktion ist ein wahrscheinlich notwendiger Bestandteil der menschlichen Kultur. Neu sind die durch die Technologie entstandene Sichtbarkeit, Verfügbarkeit und Vergleichbarkeit.

Ähnlich wie Texte sich aus anderen Texten zusammensetzen, um ein Ganzes zu ergeben, bildet der Mensch seine kulturelle Identität auf der Basis aller ihn umgebenden Eindrücke. Die kulturelle Identität eines Menschen wird primär bestimmt von dem Umfeld, in dem er aufwächst. Der Zusammenhang zwischen dem ihn beeinflussenden Milieu und der Entwicklung seiner Persönlichkeit machte schon Bourdieu deutlich. Die Ergebnisse der modernen Hirnforschung legen sogar nahe, dass sich das gesamte Individuum Mensch primär aus dem bildet, was ihm im Leben von außen widerfährt. Ähnlich wie sich der Mensch aufgrund des ihn umgebenden Milieus, mit den Erziehungsformen, den sozialen Strukturen, den Traditionen und all den auf ihn einströmenden Informationen und Bedeutungen eine kulturelle Identität zulegt, kann man diese kulturelle Identitätsstiftung übertragen auf die Intertextualität. Wenn ein kulturelles Werk einzig das Ergebnis einer collagenhaften Ansammlung von ihn unmittelbar beeinflussenden, anderen kulturellen Werken ist, so erhält dieses Werk, ähnlich wie der Mensch, eine eigene kulturelle Identität. Zu diesen kulturellen Werken gehören auch TV-Serien. Diese haben also ebenfalls eine kulturelle Identität. Diese Identität zu entdecken, müsste die Grundlage jeder Übertragungspraxis sein, sofern diese den Anspruch erhebt, mehr Bedeutungen zu übertragen als die textliche Ebene beinhaltet.

Ebenso wie Sprache und Text auf einem semiotischen System beruhen, haben auch audiovisuelle Medien ein semiotisches System. Nach Umberto Eco findet Kommunikation dann und nur dann statt,

"… wenn sich der Sender eines Systems von konventionell durch die Gesellschaft (wenn auch auf unbewusster Ebene) festgelegten Regeln – eben der Codes – bedient."

Über die Zuordnung von Codes werden, genauso wie Texte, auch audiovisuelle Medien mit Bedeutung versehen. Für eine funktionierende Kommunikation (Rezeption) ist es demnach notwendig, dass der Rezipient in der Lage ist, sämtliche verwendeten Codes zu verstehen, d.h. zu erkennen und zu deuten. Zwar spricht Eco in dem Zitat nur von der Gesellschaft, doch muss man dies differenzierter betrachten, denn sowohl Sender als auch Empfänger müssen in diesem Fall Mitglieder derselben Gesellschaft sein. Nur, wenn der Rezipient, also der Zuschauer einer TV-Serie, in der Lage ist, sämtliche in der TV-Serie übertragenen Codes zu erkennen und zu deuten, findet Kommunikation statt bzw. versteht der Zuschauer, "was er da sieht".

Am Rande erwähnt Eco, dass diese Codes auch unbewusst übermittelt werden und daher auch nur unbewusst erkannt und gedeutet werden. Und gerade diese unbewussten Codes sind in den allermeisten Fällen die Hauptursache für schwache Übertragungen von TV-Serien. Das sind zum Beispiel alle die dynamischen (von der Außenwelt abhängigen) Faktoren einer Stimme, wie zum Beispiel Dialekt, Melodie, Sprechweise. Diese geben dem Zuschauer (meist unbewusst) Aufschluss darüber, was für eine kulturelle Identität, was für eine soziale Struktur eine Figur hat. Gerade bei der Synchronisation, bei der in einem gewissen Sinne nur die sprachliche Ebene neu konstruiert wird, sind solche Faktoren von enormer Wichtigkeit und in der Regel die Ursache für qualitativ schlechte Übersetzungen.

Schlimmer noch: Den Zuschauern, die beide Sprachfassungen miteinander vergleichen, fallen diese Schwächen meist nur unbewusst auf und sie bemessen ihren Unmut in der Regel an irrelevanten, aber offensichtlichen Kriterien. Da audiovisuelle Medien aufgrund ihrer multidimensionalen Natur viel komplexere und vielschichtigere Bedetungsebenen haben, ist es eben auch schwerer, sämtliche miteinander korrespondierenden, aufeinander Bezug nehmenden und unbewusst wirkenden Codes zu erkennen. Wegen ihrer Komplexität werden die allermeisten Ebenso wie Sprache und Text auf einem semiotischen System beruhen, haben auch audiovisuelle Medien ein semiotisches System. Nach Umberto Eco findet Kommunikation dann und nur dann statt,

"… wenn sich der Sender eines Systems von konventionell durch die Gesellschaft (wenn auch auf unbewusster Ebene) festgelegten Regeln – eben der Codes – bedient."

Über die Zuordnung von Codes werden, genauso wie Texte, auch audiovisuelle Medien mit Bedeutung versehen. Für eine funktionierende Kommunikation (Rezeption) ist es demnach notwendig, dass der Rezipient in der Lage ist, sämtliche verwendeten Codes zu verstehen, d.h. zu erkennen und zu deuten. Zwar spricht Eco in dem Zitat nur von der Gesellschaft, doch muss man dies differenzierter betrachten, denn sowohl Sender als auch Empfänger müssen in diesem Fall Mitglieder derselben Gesellschaft sein. Nur, wenn der Rezipient, also der Zuschauer einer TV-Serie, in der Lage ist, sämtliche in der TV-Serie übertragenen Codes zu erkennen und zu deuten, findet Kommunikation statt bzw. versteht der Zuschauer, "was er da sieht".

Am Rande erwähnt Eco, dass diese Codes auch unbewusst übermittelt werden und daher auch nur unbewusst erkannt und gedeutet werden. Und gerade diese unbewussten Codes sind in den allermeisten Fällen die Hauptursache für schwache Übertragungen von TV-Serien. Das sind zum Beispiel alle die dynamischen (von der Außenwelt abhängigen) Faktoren einer Stimme, wie zum Beispiel Dialekt, Melodie, Sprechweise. Diese geben dem Zuschauer (meist unbewusst) Aufschluss darüber, was für eine kulturelle Identität, was für eine soziale Struktur eine Figur hat. Gerade bei der Synchronisation, bei der in einem gewissen Sinne nur die sprachliche Ebene neu konstruiert wird, sind solche Faktoren von enormer Wichtigkeit und in der Regel die Ursache für qualitativ schlechte Übersetzungen.

Schlimmer noch: Den Zuschauern, die beide Sprachfassungen miteinander vergleichen, fallen diese Schwächen meist nur unbewusst auf und sie bemessen ihren Unmut in der Regel an irrelevanten, aber offensichtlichen Kriterien.

Da audiovisuelle Medien aufgrund ihrer multidimensionalen Natur viel komplexere und vielschichtigere Bedetungsebenen haben, ist es eben auch schwerer, sämtliche miteinander korrespondierenden, aufeinander Bezug nehmenden und unbewusst wirkenden Codes zu erkennen. Wegen ihrer Komplexität werden die allermeisten 2. Für die Übertragung:

Nur diejenige Übertragung einer TV-Serie, die sämtliche Codes des ersten Kulturkreises bedeutungsäquivalent in die Codes des zweiten Kulturkreises überträgt, ist eine vollständige Bedeteutungsübertragung. Diese Übertragung, in der sich alle Sinnzusammenhänge der Originalfassung durch die Codes des zweiten Kulturkreises neu konstituieren, ist für den Zuschauer des fremden Kulturkreises die bessere Option, sofern er keine Kenntnisse des ersten Kulturkreises besitzt.

Die Kenntnisse einer fremden Kultur decken sich dabei nicht mit den Kenntnissen einer Fremdsprache. Dies ist ein sehr weit verbreiteter Irrtum bei den Rezipienten, die sich verstärkt für originalsprachige Fassungen interessieren. Allein, dass jemand dazu in der Lage ist, die englische Sprache zu verstehen – selbst fließend – heißt noch lange nicht, dass er in der Lage ist, die volle Bedeutung des Gesehenen oder Gehörten zu begreifen. Die Kenntnis des Englischen ist zwar eine notwendige Voraussetzung für die Rezeption englischsprachiger Medienprodukte, es ist aber keine hinreichende Bedingung, um die vollständige Bedeutung des Gesehenen zu begreifen.

Es sind verschiedene Grade an Komplexität zu unterstreichen. TV-Serien können sehr einfach konstruiert sein, mit nur wenigen Anspielungen auf kulturelle Zusammenhänge, sie können aber auch sehr komplex werden und direkten Bezug auf das soziale Leben der entsprechenden Kultur nehmen. So gibt es TV-Serien, die für das breite deutsche Publikum ungeeignet sind, weil sie zu viele US-amerikanische Kulturkenntnisse voraussetzen. Diese TV-Serien finden in der Regel Sendeplätze auf Spartenkanälen, die ein spezifisch anglophiles Publikum haben. The Wire ist eine kulturell äußerst komplexe Serie, die in Deutschland vorerst nur über den Fox-Kanal des Bezahlsenders Premiere ausgestrahlt werden wird, wo sie auf ein Publikum trifft, dass in der Tendenz zur US-amerikanischen Kultur Bezug nehmen kann. Ähnlich wie The West Wing oder Curb Your Enthusiasm. Diese beiden Serien waren in den USA große Erfolge, schafften aufgrund ihrer kulturellen Gebundenheit jedoch nicht den Einzug in das deutsche Fernsehen, standen deshalb aber Pate für deutsche Adaptionen: Das Kanzerlamt und Pastewka.

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