Original Kopie Adaption

Original – Kopie – Adaption

Die TV-Serie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

von Michael Scheyer

 

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Das erste massentaugliche, digitale Produkt audiovisueller Medien war die DVD. Audiovisuelle Medien waren nun nicht mehr an sperrige und teuer herzustellende Videokassetten gebunden, sondern konnten über flache, mit enormer Kapazität ausgestattete DVDs (oder CDs) vertrieben werden.

Damit war es zum ersten Mal möglich, ganze Staffeln von TV-Serien in handlichen und kostengünstigen DVD-Sets anzubieten, die im Vergleich zu den VHS-Sets wesentlich kompakter waren. Die erste Staffel von Sex and the City benötigt zum Beispiel drei VHS Kassetten. Jeder, der sich noch an die Dimension einer VHS-Kassette erinnert, kann sich vorstellen, wie viel Platz diese Box im Regal einnahm, verglichen mit dem wenigen Platzbedarf einer Dreifach- DVD-Box.

Nun ist allerdings nicht allein der Platz im Regal der Verbraucher entscheidend. Entscheidend wird der Platz im Regal des Handels. Dazu ein einfaches Rechenbeispiel: Eine DVD Hülle, die drei DVDs aufnehmen kann, ist 2 cm breit. 3 VHS-Kassetten dagegen sind 9 cm breit. Das ist also ein Faktor von 1:4,5. Mit der Umstellung auf DVD hatte der Handel auf einmal praktisch das Vierfache an Lagerkapazitäten übrig, die darüber hinaus keine zusätzlichen Kosten verursachen. Und da auch die Herstellungskosten einer DVD bei weitem unter den Herstellungskosten einer VHSKassette liegen, war es möglich, ja geradezu unumgänglich, die Palette von multimedialen Produkten zu erweitern. Auffällig hohe Absätze erzielten plötzlich vor allem TV-Serien und dabei nicht nur die zeitgenössischen. Gerade klassische Serien erlebten eine Renaissance durch den DVD-Handel. Da es im Fernsehen für klassische Serien nicht ausreichend Sendeplätze gibt und der Handel sich vorher nicht rentierte, füllte die DVD letztlich nur eine klaffende Marktlücke.

Da jedoch auch der Handel in der Regel nur auf Nachfragen reagiert, muss man auch fragen, warum die Nachfrage an TV-Serien vorher so gering war? Der Platzvorteil ist ein Grund, aber er allein scheint mir nicht ausreichend. Der Vorteil einer DVD gegenüber einer VHS-Kassette, was Meinungsumfragen auch bestätigten, ist deren ausgiebiges Bonusmaterial. Während eine VHS-Kassette üblicherweise nur den Spielfilm enthält (und diverse Werbetrailer zu Beginn), beinhaltet eine DVD sehr häufig entfallene Szenen, Kommentare, Making-Ofs, "Hinter-den-Kulissen"- Dokumentationen, etc. Eine DVD bietet nicht nur den "Hauptfilm", sondern auch darüber hinaus gehende Unterhaltung, die man bei der TV-Ausstrahlung nicht hat.

Obligatorisch ist mittlerweile die sprachliche Originalfassung. Zwar gab es auch vor der Einführung der DVD VHS-Angebote mit einem Zweikanalton, doch war dieser immer mit einer qualitativ schlechteren Mono-Tonwiedergabe verbunden. Auch war nicht jeder VHS-Player oder Fernseher früher in der Lage, den Ton zu trennen. Ohne diese Trennung war der Konsum einer VHS-Kassette dieser Art sinnlos. Bei einer DVD kann jedoch jede Tonspur im Raumklang-Verfahren angeboten und von jedem Player abgespielt werden.

Neben den Zusatzangeboten gibt es natürlich noch andere Gründe, warum Konsumenten bestimmte Produkte kaufen, etwa die emotionale Bindung an eine TVSerie oder deren Figuren, allerdings ist die Kaufmotivation der Konsumenten für diese Arbeit weniger von Bedeutung, sondern vielmehr die Tatsache, dass mit der Reproduktionstechnologie der DVD nun nicht mehr allein die deutschsprachigen Synchronfassungen von TV-Serien in den Regalen der Zuschauer stehen, sondern in den allermeisten Fällen gleichzeitig auch die originalsprachigen Fassungen von TV-Serien.

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