Original Kopie Adaption

Original – Kopie – Adaption

Die TV-Serie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

von Michael Scheyer

 

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1995 startete Amazon.com als einfacher Buchversandhandel und entwickelte sich zu einem der größten Versand-Warenhäuser der Welt mit einer außergewöhnlich großen Produktpalette.

Zusätzlich zu den DVD-Verkaufsangeboten betrieb Amazon.com für längere Zeit auch einen DVD-Versand-Verleih, der mittlerweile verkauft wurde. Vermutlich deshalb, weil der amerikanische Mutterkonzern derzeit ein eigenes Video On Demand (VOD) Angebot testet, was gegenüber dem DVD-Verleih wesentliche Vorteile hat. Ein DVD-Versand-Verleih hat schließlich immer noch die schon angesprochenen Lagerungs- und Personalkosten und auch Versandkosten zu tragen, die bei einem VOD-Angebot vergleichsweise gering bis nichtig ausfallen. Bei Amazon.com lässt sich also gut die Integration des virtuellen VOD-Angebots in das Produktsortiment des Händlers beobachten.

Aber nicht allein die materiellen Kosten sprechen für das digitale Angebot von Amazon.com, auch ein anderer wesentlicher Faktor spricht dafür: Aktualität. Der iTunes Store in Amerika erwirtschaftet einen Teil seines Gewinns mit zeitlich aktuell ausgestrahlten TV-Serien, welche die Nutzer kurze Zeit nach der Ausstrahlung dort erwerben konnten, wenn diese zum Beispiel die entsprechende Episode verpasst oder ein Interesse daran hatten, die Episode ein zweites Mal zu sehen. Über einen DVDVersand- Handel fällt der Aktualitätswert gänzlich weg. Einzelne Episoden können aufgrund des für den DVD-Vertrieb notwendigen Aufwands auf diese Weise nicht vertrieben werden, und selbst wenn der Aufwand in Frage käme, würde die Zeitspanne von der Ausstrahlung über den Versand bis hin zur Wiederholung auf dem heimischen Wiedergabegerät zu groß werden, um für den Verbraucher interessant zu bleiben.

Dieser zeitliche Vorteil ist der Wichtigste, den die digitale Reproduktionstechnologie dem virtuellen Handel ermöglichte. Besonders TV-Serien bekamen auf diesem Wege einen völlig neuen Absatzmarkt, der ohne die digitale Reproduktionstechnologie nicht möglich gewesen wäre, weil einzelne Episoden auf physischer Reproduktionsbasis praktisch nicht zu vertreiben sind.

Amazon.com ist in dieser Hinsicht keineswegs der einzige Anbieter und sicher kein Vorreiter, denn zum Beispiel Hulu.com bot schon vor Amazon.com TV-Serien unmittelbar nach der Ausstrahlung im Internet an. Amazon.com ist allerdings aufgrund seiner Größe eine ernstzunehmende Plattform, denn sie erreicht einen extrem großen Kundenstamm, was zur Folge haben könnte, dass wesentlich mehr Menschen VODAngebote nutzen werden als dies bislang der Fall ist. Sollte das VOD Angebot von Amazon.com erfolgreich sein, ist es wohl nur eine Frage der Zeit, bis die deutsche Version online gehen wird.

Die virtuellen Distributionsplattformen, wie auch immer diese sich dem Kunden präsentieren, erschufen in ihrer Gesamtheit nicht nur einen kostengünstigen und ortsunabhängigen Vertrieb von TV-Serien, sie erweiterten den Sendeplatz von Medienprodukten. Da sie Einzelepisoden von TV-Serien unmittelbar nach der Ausstrahlung zur Verfügung stellen können, erweiterten die Onlinevertriebswege die Rezeptionsmöglichkeiten von TV-Serien beträchtlich. Die Rezeption von TV-Serien ist seither zeitlich flexibel, was zur Folge hat, dass kein Zuschauer mehr eine Einzelepisode verpassen kann oder muss.

Ebenfalls als VOD-Angebot anmerken muss man neben den Handelsplattformen auch sämtliche Onlinepräsenzen der TV-Sender. Denn auch TV-Sender machen viele ihrer Medienprodukte auf ihren eigenen Webseiten verfügbar. Und das teilweise kostenlos. Natürlich nicht diejenigen Produkte, die gleichzeitig im Handel verkauft werden, aber trotzdem muss der Vollständigkeit halber erwähnt werden, dass auch kostenfreie Angebote als VOD gelten. Video on Demand bedeutet, dass Medienprodukte jederzeit nach Bedarf legal abrufbar sind, entweder kostenfrei oder mit Kosten verbunden. Kommerzielle TV-Serien sind aber in der Regel mit Kosten verbunden.

Die programmunabhängigen Handelsplattformen im Internet können theoretisch von jedem Menschen der Welt zu jeder Zeit aufgerufen werden. Doch auch hier liegen die Theorie und die Praxis weit auseinander, denn das VOD-Angebot vieler Onlineplattformen unterliegt jeder Menge Restriktionen.

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