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Die TV-Serie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

von Michael Scheyer

 

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Obwohl Internetportale wie der iTunes Store und Amazon.com (und viele andere) theoretisch und auch praktisch dazu in der Lage wären, ihre multimedialen Angebote weltweit anzubieten, unterliegen ihre Angebote Restriktionen, die sich dem weltweiten Handel entgegenstellen.

Schließlich erwirtschaften die TV-Sender, die TV-Serien produzieren (vor allem die US-amerikanischen), einen beträchtlichen Teil ihrer Gewinne allein durch den internationalen Lizenzhandel ihrer Produkte. Es liegt also nahe, dass es sowohl im Interesse der US-amerikanischen als auch im Interesse aller anderen TV-Sender ist, dieses Monopol aufrecht zu erhalten. Jedenfalls können einzelne Internet-Handelsportale deshalb wahrscheinlich ihre multimedialen Produkte noch nicht weltweit anbieten. Andernfalls, so befürchten wohl die TV-Sender, könnten die Einschaltquoten einbrechen, weil sich alle Zuschauer bereits vor den Ausstrahlungen im nationalen Fernsehen die TV-Serien "im Internet" angesehen haben.

Der iTunes Store bietet zum Beispiel verschiedene internationale Versionen seines iTunes Stores an, um zu verhindern, dass ausländische Kunden international noch nicht lizenzierte Produkte erwerben. Es gibt einen US-amerikanischen Store, einen deutschen, einen britischen, einen französischen und viele mehr. Es ist zwar möglich, die unterschiedlichen Versionen anzuwählen und sich in deren Produktsortiment umzusehen, der Kauf allerdings bleibt dem jeweils ausländischen Kunden verwehrt. Um hier Produkte erwerben zu können, muss der Kunde im entsprechenden Land entweder ein Bankkonto, eine Kreditkarte oder eine Paypal-Registrierung haben.

Amzon.com und Hulu.com (sowie fast alle US-amerikanischen TV-Sender) blockieren ihre Inhalte ganz einfach aufgrund der vom Computer mitgesendeten IPAdresse. Der Anbieter erkennt, dass der Zugriff nicht von einem Computer auf USamerikanischen Boden kommt und blockiert so die Inhalte. Das Problem dieser Methode ist natürlich, dass US-amerikanische Bürger, die sich im Ausland aufhalten, ebenfalls nicht auf diese Inhalte zugreifen können. Der iTunes-Store als programmimplementierter Handel mit Useraccount dagegen macht es jedem USAmerikaner möglich, auch im Ausland Produkte im US-amerikanischen iTunes Store zu kaufen. Leider ist der iTunes User jedoch an die Produktpalette von iTunes gebunden.

Dass der virtuelle Lizenzhandel gegenwärtig noch in den Kinderschuhen steckt, merkt man an einem recht unlogischen Sachverhalt: TV-Serien, die in den USA bereits ausgestrahlt wurden und auf DVD erschienen sind, können theoretisch von jedem Kunden weltweit bei Amazon.com auf DVD gekauft werden. Amazon.com versendet TV-Serien auf DVD, die in Deutschland zum Beispiel noch nicht ausgestrahlt wurden. Völlig legal. Das gleiche Produkt ist jedoch per VOD nicht erhältlich. Ob sich diese Paradoxa in naher Zukunft überholen, ist kaum einzuschätzen.

Der Umsatz von über das Internet verkauften Medien macht zur Zeit nur einen Bruchteil des Gesamtumsatzes von Medienprodukten aus. Seit 2005 steigt zwar der Anteil kommerzieller Downloads, trotzdem ist sein Anteil immer noch marginal. Das mag daran liegen, dass der normale Verbraucher noch immer nicht für Inhalte aus dem Internet bezahlen möchte, mir jedoch scheint ein ganz anderer Punkt viel bedeutender: Gegenwärtig werden über das Internet angebotene Medienprodukte immer noch mit einem Kopierschutz versehen. iTunes verwendet dazu das System DRM. Dieses soll die Verbraucher daran hindern, die über den iTunes Store gekauften TV-Serien mit anderen Verbrauchern illegal zu teilen. Andererseits erschwert das DRM-System auch dem tatsächlichen Käufer das Leben. So wird dieser von Apple dazu gezwungen, die über den iTunes Store gekauften TV-Serien zum Beispiel nur auf einem iPod ansehen zu können. Fremdhersteller werden nicht unterstützt. Das DRM-System schränkt die Nutzungsmöglichkeiten des Kunden ein.

Doch wenn die Geschichte des Vertriebs von Medienprodukten eines lehrt, dann ist es die Tatsache, dass der Verbraucher erst dann bereit ist zu kaufen, wenn seine Nutzung uneingeschränkt ist und ihm selber die Art und Weise der Nutzung der von ihm gekauften Produkte überlassen bleibt.

Es ist eine Spekulation, doch es ist anzunehmen, dass der Anteil von über das Internet vertriebenen Medienprodukten am Gesamtumsatz dann explosionsartig steigen wird, wenn die Händler die auf den audiovisuellen Medien liegenden Restriktionen lockern. Die Reproduktionsmöglichkeiten sind ein besonders wichtiger Teil der Nutzung von Medienprodukten und daher ein wichtiger Aspekt für den Käufer. Nicht, weil die Rezipienten mit anderen teilen wollen, was sie erwerben, sondern weil die Nutzung davon abhängt, ob man ein Medienprodukt reproduzieren kann. Es muss dem Rezipienten möglich sein, das gekaufte Produkt auf einen von ihm frei gewählten Multimediaplayer zu übertragen, auf ein Handy, es auf eine DVD zu brennen, um es im Heimkino verwenden zu können, usw.

Je größer die Nutzungsrestriktionen sind, desto geringer wäre demnach die Kaufbereitschaft der Rezipienten und desto eher wird sich dieser Rezipient nach Alternativen umsehen, um sich selber die von ihm antizipierte Nutzung zu ermöglichen. Auch, wenn dies der "illegale" Download sein sollte.

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