Original Kopie Adaption

Original – Kopie – Adaption

Die TV-Serie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

von Michael Scheyer

 

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Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Kopieren und Reproduzieren schon zu einem festen Bestandteil der Produktionspraxis geworden ist.

Dass wir auf dem Weg in eine "Repro-Kultur" waren, erkannte Hans-Jürgen Seemann bereits 1992 und legte eine (recht pessimistische) Zukunftsprognose der Wirkungsmacht von Bildern und Medien vor. Schon damals wies er darauf hin, dass ein auf der gesamten Welt verteiltes Glasfasernetz zu einer "absoluten Konvertibilität aller Medienprodukte" führen würde. Der internationale Formathandel, Ideenklau und Medien-Reproduktionsapparat boomt und ist größer als nie zuvor. Alle Medienprodukte sind Kopien von Kopien von Kopien. Doch auch Seemanns Prognosen folgen der technikdeterministischen Tradition.

Thomas L. Friedman beschrieb in seinem zwar populärwissenschaftlichen aber weltweit erfolgreichen Buch das durch das Glasfaserkabel freigelegte Potenzial optimistischer. Was machbar sei, würde auch gemacht werden. Von irgendwem, irgendwo. Auch wenn Friedmans Ansichten zum technologischen Wandel ein wenig optimistischer klingen, sollte das Potenzial des globalen Glasfaserkabelnetzes relativ neutral gesehen werden. Auf welche Art und Weise es genutzt wird, hängt von der sozialen Struktur und der Bedürfnisse der darauf zurückgreifenden Gesellschaften ab. Doch Seemann sah damals schon die Grenze zwischen Original und Kopie verschwinden; dass dem Konsumenten der Sinn für den Reproduktionsprozess an sich und das Verständnis dafür abhanden kommt. Daraus folgt, dass sich die Wahrnehmungsgewohnheit des Originals auf die Wahrnehmungsgewohnheit der Kopie überträgt. Der Reproduktionsprozess wird ein Teil des Originals. Seitdem die Reproduktionsprozesse als verlustfrei wahrgenommen werden, scheint sich diese Erwartungshaltung auf die Übersetzungspraxis (von TV-Serien) übertragen zu haben.

Die Übersetzung ist, so gesehen, ein reiner Reproduktionsprozess, der keine Veränderungen oder Verluste beinhalten darf, denn eine Veränderung oder ein Verlust würde als technologischer Rückschritt empfunden werden. Im Kontext einer Reproduktionsgesellschaft, die das Original zudem auch noch mystifiziert, wird die Übersetzung zum bloßen Reproduktionsprozess reduziert.

Da aufgrund der ungerechtfertigten Erwartungshaltungen der Zuschauer die sprachliche Übertragung von TV-Serien immer für Enttäuschungen sorgen und ein immer noch größeres Bedürfnis an originalsprachigen Fassungen erzeugen. Das Problem einer Reproduktionskultur ist, dass der Mensch irgendwann den Überblick darüber verliert, welches Produkt ein Original ist und welches eine Kopie.

Darüber hinaus wird es auch immer schwieriger werden, zwischen den Begriffen Original und Kopie zu unterscheiden. Die Vielfältigkeit dieses Phänomens zeigt schon das Buch Originalkopie, dessen Beiträge illustrieren, in welche Gebiete die Reproduktionspraxis hinein reicht und welche Auswirkungen sie hat. Das "Sekundäre" hat lange schon Einzug in unsere Kultur gehalten, z.B. indem unzählige Musiker immer wieder die gleichen Musikstücke interpretieren, samplen und covern. Angesichts dieser Praxis des "Sekundären" wird es immer schwieriger zu erkennen, welches Produkt tatsächlich ein Original ist und welches Produkt nur eine Imitation oder Reproduktion ist. Insbesondere die Samplingpraxis von Musiktiteln weist eine gut zu beobachtende Eigenschaft dieser Reproduktionskultur auf.

In unserer Reproduktionskultur entwickelt sich ein Schwerpunkt auf den Querverweis, der ähnlich wie die vernetzte Wikipedia-Struktur von Information zu Information zu Information, etc. verweist. Der Querverweis wird metaphorisch der rote Faden unseres Informationszeitalters; allerdings ein verwobener Faden, ein Netz. Das Internet vernetzt Computer, Wikipedia das Wissen und die Kulturschaffenden vernetzen ihre eigenen kulturellen Güter mit jenen anderer über kulturelle Querverweise oder auch Referenzen.

Es gibt zum Beispiel vermutlich keine Episode der Simpsons, die nicht mindestens einen interkulturellen Verweis auf andere Filme, Kunstwerke, Musikgruppen oder Kulturschaffende aufweist. Ein Blick in die Geschichte der Literaturwissenschaft zeigt: Neu ist dieser Gedanke auch nicht.

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