Original Kopie Adaption

Original – Kopie – Adaption

Die TV-Serie im Zeitalter ihrer technischen Reproduzierbarkeit

von Michael Scheyer

 

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Eine der neuesten Praktiken von Reproduktionstechnologien ist das „Filesharing„. Das „Daten-Teilen“. Gelangt das digitale Abbild einer DVD zum Beispiel auf eine Filesharing-Plattform, können es binnen weniger Sekunden Millionen von Usern anwählen und über den Download digital Reproduzieren.

Das Konzept der Filesharingreproduktion beruht darauf, dass alle User mit allen anderen Usern die Daten simultan teilen, weshalb die Praxis als kollektive Reproduktionspraxis bezeichnet werden müsste. Erstaunlich ist, dass tatsächlich nur Teile ausgetauscht werden und diese erst auf dem Computer zu einem Ganzen zusammengesetzt werden. Die Reproduktion ist bei diesem System also keine Reproduktion von ganzen Produkten, sondern nur eine Reproduktion von Teilen, die am Ende ein Ganzes ergeben.

Nun ist das Filesharing an sich noch nicht strafbar. Sofern keine rechtlich geschützten Inhalte verbreitet werden, darf man mit anderen Usern teilen, was man will. Werden jedoch rechtlich geschützte Produkte vervielfältigt, ist das ein strafbarer Akt. Doch von primärem Interesse ist auch hier, dass es möglich ist und dass es getan wird, ob illegaler Weise oder nicht.

Ähnlich wie die Angebote vom iTunes Store und von Amazon.com in den USA sind die gewünschten Medienprodukte über die P2P-Server und Netzwerke permanent und einfach abrufbar. Der auf der Hand liegende Vorteil dieser Kopien: Sie sind kostenlos.

Gemeinhin wird eine solche illegale Kopie als „Raubkopie“ bezeichnet, was ein rechtlich irreführender Begriff ist, weil der Tatbestand eines Raubes nicht erfüllt ist; korrekter wäre der Begriff „Schwarzkopie“. Diese Schwarzkopien sind gegenwärtig nicht zu verhindern. Wird eine Plattform, welche die erforderlichen Index-Dateien anbietet, geschlossen, werden auf einem anderen Server zwei neue eröffnet.

Über diese Filesharing-Netzwerke werden vor allem auch TV-Serien verbreitet. Zur Anschaulichkeit wurden die Suchergebnisse zweier Bittorrent-Börsen abgebildet. Die zum Zeitpunkt dieser Untersuchung in den USA ausgestrahlten TV-Serien Dexter (Staffel 3), Heroes (Staffel 3) und Die Simpsons (Staffel 20) sind in beiden Börsen mit einer großen Anzahl von verfügbaren Quellen vorhanden. Für Dexter werden bei btjunkie.org über 45.000 Quellen für die am 16.11. auf dem US-amerikanischem Pay- TV Sender Showtime ausgestrahlte achte Episode „The damage a man can do“ angezeigt. Bei der Bittorrent-Börse eztv.it sind es mit 9000 Quellen zwar vergleichsweise wenige, jedoch gibt die Spalte Completed Aufschluss darüber, dass die Episode bereits fast 240.000 mal komplett heruntergeladen wurde (und zwar nur die kleinere, komprimierte Version der Folge). Für Heroes (Episode 8, 17.11., NBC) waren es auf btjunkie.org nahezu 100.000 Quellen und auf eztv.it fast 24.000 Quellen mit fast 490.00 kompletten Downloads. Für Die Simpsons kommen geringere Werte auf, was daran liegen könnte, dass es aufgrund des weltweit gesättigten Angebots der Simpsons durch TV-Sender nur wenig Interesse an neuen Folgen gibt. Diese Zahlen sind nur Werte für zwei Portale. Die User vieler Portale zusammengenommen ergeben natürlich weit größere Zahlen. Zudem sagen die Zahlen nichts aus über die in den Netzwerken befindlichen User. Die Relationen geben dennoch ausreichend Aufschluss für diese Arbeit.

Da es sich beim Filesharing von TV-Serien um ein recht neues Phänomen handelt, gibt es bislang keine Statistiken darüber, wie hoch der Anteil von TV-Serien am Gesamtvolumen der Downloads ist, die über Filesharing-Netzwerke verbreitet werden. Bemerkenswert ist der Sachverhalt, dass der Anteil von synchronisierten TV-Serienepisoden auf dem Downloadsektor merklich geringer ist als der Anteil von originalsprachigen TV-Serienepisoden. Um an eine synchronisierte Episode von USamerikanischen Serien zu gelangen, ist ein wesentlich höherer Suchaufwand notwendig und der Download ist mit einer wesentlich höheren Ladezeit verbunden.

Nun könnte man diesen Unterschied damit erklären, dass die originalsprachigen Versionen auf ein weltweites Interesse stoßen, während synchronisierte Versionen in der Regel nur in jeweils einem Land auf Interesse stoßen. Doch eine solche Vermutung wird der Beobachtung nicht gerecht, dass auch auf Filesharing-Portalen, die sich gezielt an deutsche Downloader richten (z.B. durch eine deutschsprachige Oberfläche) eine Verhältnismäßigkeit zugunsten der US-amerikanischen Produkte existiert. Es muss also noch einen anderen Faktor als Kostengründe geben, der Rezipienten dazu veranlasst, illegale Downloads in Anspruch zu nehmen.

Vor allem die Rezeption von TV-Serien macht diesen Faktor deutlich. Denn im Gegensatz zu Kinospielfilmen, deren Deutschlandpremiere im Vergleich zu TVProdukten zeitlich relativ nah an die Premiere in den USA heran reicht (deren Premieren sogar immer häufiger identisch miteinander, also Weltpremieren, sind), benötigen TVSerien einen sehr langen Zeitraum, bis sie in Deutschland im Free-TV ausgestrahlt werden. Bei Dexter waren es 23 Monate und bei Heroes waren es 13 Monate.

Wenn man all die Downloader von US-amerikanischen TV-Serien nicht generell der kriminellen Energie bezichtigen möchte, den TV-Sendern bewusst schaden zu wollen, muss man zur Kenntnis nehmen, dass im Falle von TV-Serien das Interesse an einer zeitlich aktuellen Rezeption größer ist als die Hemmschwelle vor der illegalen Reproduktionspraxis. Um diesen Umstand etwas besser untersuchen zu können, ist es wohl sinnvoll, eine Differenzierung der Motive der Downloader vorzunehmen. Denn es überschneiden sich hier mehrere Interessen, auf die seitens der TV-Industrie anscheinend nicht differenziert eingegangen wird.

 

 


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Die Schwarzkopierer-Szene ist eine hochorganisierte Subkultur mit Mitgliedern aus allen Ländern. In der untersten Ebene allerdings befinden sich die Filesharer – diese, die letztlich nicht wissen, woher die Moviez, eBookz, Software und sonstige Kopien ihren Ursprung haben.

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