Das Verhör

Schwarz, ohne Milch, ohne Zucker. so mochte ich Kaffee schon immer am liebsten. Obwohl dieser hier ein wenig zu bitter schmeckt, schenke ich mir noch eine Tasse ein. Ich habe mir fest vorgenommen, die Büroklammer, die

vor mir auf dem Tisch liegt, nicht in die Hand zu nehmen. Aber bereits nach einer knappen halben Stunde greife ich ganz automatisch nach ihr und beginne das dünne Metall zwischen den Fingern hin und her zu biegen. Ich kann es nicht lassen. Ständig muss ich mit allen möglichen Gegenständen herumspielen. Die Oberfläche von Plastik, Metall oder Stoff auf meiner Handfläche zu spüren, beruhigt mich immer ungemein. Vielleicht ist das so etwas wie ein Tick. Um meine Mitmenschen nicht zur Weißglut zu bringen, muss ich mir oft selbst auf die Finger klopfen. Der Staatsanwalt wirft nur einen flüchtigen Blick auf die Büroklammer in meinen Händen, die ich immer noch knete, drehe und verknote.
Es müssen schon etliche Stunden vergangen sein. Mein Zeitgefühl ist neben meiner sonstigen Gelassenheit das erste gewesen, was mir an diesem Tag abhanden gekommen ist. Die Büroklammer in meiner Linken, bemerke ich, wie meine rechte Hand nach oben wandert, um mit Zeigefinger und Daumen meine Augen zu massieren. Eine Geste, die ich bislang nur bei älteren Leuten beobachtet habe und stets belächelte.
Ich muss unwillkürlich an meinen selbstsicheren Einzug in das Büro des Staatsanwalts denken. Er ist mir in gebeugter Haltung vorausgegangen, und ich habe mir im Kopf schon ausgemalt, wie ich bei der Vernehmung schnell die führende Rolle übernehmen würde, um dann, nach ein oder zwei Stunden, als klarer Sieger wieder hinauszugehen. Nachdem mehr als zwei Stunden vergangen sind, wäre ich froh, wenn die Vernehmung schon Jahre hinter mir läge. Mir wird von Minute zu Minute bewusster, dass das hier kein Spiel mehr ist.
„Wollen Sie vielleicht eine kleine Pause einlegen?“, fragt der Staatsanwalt. „Sie können gern mal kurz an die frische Luft gehen.“ Ich schüttle mit gespielter Selbstsicherheit den Kopf. „Nein, nein, ist schon in Ordnung. Ich bin voll da“, sage ich, während ich mich auf die Armlehne des Stuhls stütze, um meinen Körper in eine aufrechtere Haltung zu bringen.
Der Staatsanwalt blickt mich kurz prüfend an und nickt dann. „Wie kam es zu dieser Destruktivität“, fährt er mir ruhiger Stimme fort. „Ich meine, Sie sind doch ein talentierter Mensch. Sie sind zu solch unglaublichen Dingen fähig und …“, er überfliegt noch einmal die Akte, in der all die „unglaublichen Dinge“ vermerkt sind. „Ich kann mir gut vorstellen, dass man Sie in der Arbeitswelt mit offenen Armen empfangen würde.“

Fabian war zehn Jahre alt. Die meisten schätzten ihn auf zwölf: Einige hielten ihn sogar für noch älter und wunderten sich, wenn er ihnen sein wirkliches Alter verriet. Dann war er immer besonders stolz. Fabian besuchte die sechste Klasse eines Gymnasiums. Sein Schulrucksack war gefüllt mit dicken Schulbüchern, Heften und all den anderen scheinbar notwendigen Dingen, die ihn nicht im Geringsten interessierten. Für ihn war völlig klar, dass das Gewicht des Ranzens der Grund für seine Wirbelsäulenskoliose war, obwohl der Arzt seine Beschwerden auf mangelnde sportliche Aktivität und zu langes Sitzen vor dem Computer zurückführte. Für Mathematik, Englisch oder Biologie konnte er so gut wie keine Begeisterung aufbringen, was in seinem Alter sicherlich nichts Ungewöhnliches war. Der Unterschied zu seinen Mitschülern lag wohl eher darin, dass er auch keinerlei Gedanken an Fußball oder Mädchen verschwendete. Seine Welt bestand aus Prozessorzahlen und Programmroutinen.
Seinen damaligen Mathematiklehrer, der sich erst viel später als Fabian einen Computer zugelegt hatte, überkam eines Tages das Bedürfnis, der Klasse zu erklären, wie ein Computerprogramm funktioniert. Natürlich war das ein Thema, bei dem sich Fabian zu beteiligen wusste. Vor allem, weil es für ihn ganz offensichtlich war, das Herr Verhoeven eine Reihe von Fehlinformationen an seine Schüler weitergab. Fabian versuchte seinem Lehrer recht undiplomatisch klar zu machen, dass er keine Ahnung von Computern und deren Programmierung hatte. Doch Herr Verhoeven fand in Fabians schlechten Schulnoten Grund genug, nicht weiter auf diese Diskussion einzugehen.
Für Herrn König, seinen Englischlehrer, war jedoch offensichtlich, dass Fabian eine besondere Begabung hatte. „Es ist nicht von der Hand zu weisen, argumentierte er, Fabian hat ein Talent, mit Computern umzugehen und dies ist in jedem Fall förderungswürdig. Da niemand sonst aus dem Lehrerkollegium es für notwendig erachtete, versuchte Herr König, Fabian im Alleingang zu helfen, und trat mit seinen Eltern in Kontakt. Die Tatsache, dass Fabian an Wochenenden stundenlang merkwürdige Zahlen und Befehle wie „poke 54296,3t“ oder „sta $d418“ in den Computer eingab, unterstützte die Entscheidung der Eltern, eher Herrn König als Herrn Verhoeven Glauben zu schenken. So landete Fabian bei Herrn Rietmann, dem Vater eines recht unbeliebten Klassenkameraden. Herr Rietmann war Ingenieur und sollte herausfinden, wo die Stärken von Fabian lagen.
Fabian mochte diese Treffen nicht und bis heute hat er nicht verstanden, worin der Sinn dieser Zusammenkünfte lag. Als begeisterter und vielleicht sogar erfahrener Computerbenutzer versuchte Herr Rietmann, Fabian die Strukturen seiner selbstentwickelten Programmroutinen näher zu bringen. Fabian verglich sich indessen mit einem NBA-Spieler, den man als Fördermaßnahme mit einem Minigolfer zusammenbrachte. Natürlich wollte Fabian Herrn Rietmann zeigen, dass er es nicht mit einem Anfänger zu tun hatte, und führte ihm vor, wie man kopiergeschützte Programme mit einem einfachen Hexadezimaleditor knacken konnte. In seinem Übereifer löste Fabian unbeabsichtigt eine heftige Reaktion bei Herrn Rietmann aus. Wutentbrannt und unter Androhung einer Strafanzeige setzte er Fabian vor die Tür. In seiner naiven Angst entschied sich Fabian, niemandem von diesem Vorfall zu erzählen.
Zu dieser Zeit etwa erkannte eine Gruppe von Leuten, die zu den innersten Geheimdienstkreisen zählten, ein schwerwiegendes Problem, das sich für die nahe Zukunft abzeichnete. Man sah voraus, dass die Übertragung von Daten über die Telefonleitung zur Selbstverständlichkeit werden würde. Die Abhörmöglichkeiten dafür waren zwar schon gegeben, ohne einen richterlichen Beschluss jedoch konnten solche Aktionen nur unter enormem Aufwand stattfinden. Aber das sollte derzeit weder Fabian noch sonst jemanden stören.

„Haben Sie eigentlich schon mal daran gedacht, sich einen Job zu suchen?“
Ich denke nach. Ein großes „Nein“ platzt in meine Gedanken. Ich habe mich tatsächlich noch nie um einen Job bemüht. Nach Beendigung meiner Schulausbildung erschien mir der Zivildienst ein gutes Versteck vor dem Gedanken „Was jetzt?“ Danach begann ich mit einer Ausbildung als Bürokaufmann. Es hätte auch jeder andere Beruf sein können. Nach zwei oder drei Monaten brach ich die Ausbildung ab. Mit dem Unterhalt, den ich von meinem Vater bekam, konnte ich leben, Miete zahlen, am Wochenende ausgehen. Warum also jobben?
„Das ist Zeitverschwendung“, sage ich.
„Ich glaube, Sie haben überhaupt keine Ahnung, wie händeringend Firmen nach Fachkräften mit ihren Qualifikationen Ausschau halten. Es ist wirklich schade, dass Sie diese Einstellung haben.“ Ist dem so? Ich weiß es nicht. Mir ist es zumindest bis zu diesem Zeitpunkt ziemlich egal gewesen. In meinem Kopf höre ich piepsende Töne, die vereinzelt auftauchen. Da sind Tastaturklicken, CD-Brenner, Mausklicken, jubelnde Leute. Wenn ich mich mit der Szene treffe, ist alles anders. Dieser Staatsanwalt ist kein Szenemitglied. Er kann mich nicht verstehen.
„Kann schon sein“, sage ich. „Warum auch nicht. Ich habe nur keine Lust, irgendwo zu arbeiten, wo die Leute keine Ahnung von Assemblerroutinen, Netzwerk- und Systemprogrammierung haben.“
„Dann bringen Sie es ihnen doch bei. Außerdem glaube ich nicht, dass Sie der einzige Mensch auf der Welt sind, der sich mit all diesen Dingen auskennt.“
„Nein, in der Szene gibt es viele solcher Leute“, gebe ich zu.
„Nun, scheinbar haben die trotzdem ein anderes Verhältnis zum Leben. Schließlich sitzen nur Sie hier.“
Wieder dieses Piepsen, vielleicht ist es nur die Müdigkeit. Doch ich lasse mich darauf ein. Mit den Tönen kommen Erinnerungen, die mich ablenken und mich nicht länger über die Fragen des Staatsan-walts nachdenken lassen.

Es war definitiv ein ungewöhnlich kalter Tag, selbst für dieses Land, das so hoch im Norden liegt. Der Wind, der Fabian ins Gesicht wehte, schien tiefe Schnitte in seine Haut zu ziehen. Die nach unten gezogenen Mundwinkel unterstrichen seinen eisigen Gesichtsausdruck. Der Dreck auf den Straßen wirbelte um seine Beine. Seine Füße stampften bei jedem Schritt wie Betonklötze auf den Boden. Fabian kam nun schon zum achten Mal auf diese Party. Abgesehen davon, dass jedes Jahr immer mehr Lamer auf ihr zu finden waren, amüsierte es ihn dennoch, sich mit alten Bekannten und Gleichgesinnten zu treffen.
Er hatte diese Stadt bislang nie wirklich wahrgenommen. Er wusste nicht einmal genau, wo Dänemark auf der Weltkarte zu finden war. Da er mittlerweile jedoch das Gefühl hatte, nichts wirklich Neues mehr auf dieser Party entdecken zu können, hatte er Tinman zu einem kleinen Spaziergang überredet.
„Lass uns wieder zurück zur Party gehen“, sagte Tinman nach ungefähr fünf Minuten. „Ich friere mir den Arsch ab.“
„Stell dich nicht so an. Lass uns doch mal schauen, was es hier in der Stadt so alles gibt.“
Die beiden waren gerade mal his zu der kleinen Einkaufsstraße gekommen, die nicht weit von der Partyhalle entfernt lag. Sie blieben zufällig vor einer Buchhandlung stehen und starrten mit müden Blicken in das Schaufenster, in dem Microsoft-Produkte angepriesen wurden.
„Was hat das in einer Buchhandlung zu suchen?“, fragte Tinman nach einer Weile.
Fabian zuckte mit den Schultern: „Bookware halt. Wusstest du nicht, dass Microsoft die ersten Bücher herausgebracht hat, die sich von selbst schließen. Dieses Buch wird aufgrund eines ungültigen Vorgangs geschlossen. Klapp, Buch zu. Verwunderte Leser auf der ganzen Welt.“
„Ja, und wenn man das Buch wieder aufschlägt, sind alle Buchstaben gelöscht“, sagte Tinman amüsiert, worauf Fabian laut loslachen musste.
Im Grunde gab die Stadt nicht mehr her als geschlossene Geschäfte, leere Straßen und einige Dänen, die den beiden mürrisch nachschauten, wenn sie ihren Weg kreuzten.
„Hast du eigentlich den Harddisk-Killer dabei“, fragte er Tinman, nachdem eine Gruppe von jugendlichen Dänen breitschultrig an ihnen vorbeigegangen war.
„Klar“, antwortete Tinman. „Da fällt aber eh keine Sau mehr drauf rein. Das ist eine stinknormale Exe-Datei. Wie blöd muss man sein, um so etwas zu starten …“
Fabian unterbrach Tinman hastig. „Hör zu. Ich habe eine Idee. Lass uns das Ding als ‚Quake Level-Editor‘ tarnen. Wenn die Leute das aus dem Partynetz ziehen, werden sie es todsicher installieren.“
Tinman überlegte kurz. Die Idee war simpel, aber das waren die wirklich guten Ideen eigentlich immer. Nach einigen Sekunden zeichnete sich ein lächeln um seine Mundwinkel ab.
„Super“, sagte er dann. „Das ist doch mal ein Plan. “
Die beiden machten sich sofort wieder auf den Weg zur Party.
Eine der größten Veranstaltungshallen in Hering war für die noch verbleibenden zwei der insgesamt vier Tage nicht bloß ihre Herberge. Neben Fabian und Tinman waren da noch mehrere Tausend weitere Computerfreaks, die diese Veranstaltung mit ihrer Anwesenheit zur größten und verrücktesten Computerparty der Welt machten. Computersysteme, wie sie unterschiedlicher nicht sein konnten, waren chaotisch auf die unzähligen Tische verteilt. Das Spektakel beeindruckte zudem noch durch eine schier unbeschreibliche Geräuschkulisse. Das Rattern der Diskettenlaufwerke und die sanft zischenden Geräusche der CD-Brenner paarten sich mit den Melodien bekannter Computerspiele. Technomusik hallte aus der einen, Heavy Metall aus der anderen Ecke des Saals. Alle Geräusche zusammen ergaben einen Klangteppich, der selbst den des größten Casinos in Las Vegas in den Schatten stellte. Der ganze Raum war in das flackernde Licht der Monitore getaucht, auf denen überall programmiert, musiziert, editiert, kopiert oder gespielt wurde.
Für Tinman und Fabian war das hier nicht Dänemark, es war nicht einmal mehr ein Ort auf dieser Welt. Eben noch in der erdrückenden Kälte, erschien ihnen die Halle plötzlich als eine Art Hightech-Oase.
Tinman kopierte den Virus auf eine Diskette und steckte ihn Fabian zu. Dieser setzte sich an einen freien Rechner, der an das partyeigene Netz angeschlossen war. Der Besitzer hatte seinen Computer unbeaufsichtigt gelassen. Man würde den Virus zu diesem System zurückverfolgen können und somit einen Schuldigen haben. Ein paar Handgriffe reichten, um den Virus für jeden zugänglich zu machen.
„Schau dir all die Leute an,“, sagte Fabian, nachdem er den Compurer wieder sich selbst überlassen hatte. „In ungefähr zwei Stunden werden sich viele von ihnen den Level-Editor installiert haben und zusehen müssen, wie sich ihre Festplatten verabschieden.“
„Ich habe mir mal das OSI-Schichtenmodell und den ganzen Source von TCP angeschaut“, sagte Tinman scheinbar unbeeindruckt von Fabians Prophezeiung. „Es gibt da Modifizierungsmöglichkeiten, um das Netzwerk total auszutricksen. Du kannst sämtliche Ports ausnutzen und herumblöken, ohne dass es jemand merkt.“
„Dazu gibt es doch schon Unmengen von Scripts“, bemerkte Fabian spöttisch. Er verstand zwar, was Tinman meinte, doch er verspürte nicht das leiseste Bedürfnis, darauf einzugehen. Tinmans Problem lag definitiv in seiner Faulheit. Es würden sowieso mindestens drei Jahre vergehen, ehe er sich die Mühe machen würde, diese Idee in die Tat umzusetzen. Aus diesem Grund langweilten Fabian derartige Unterhaltungen. Er hielt sie für den Inbegriff von Zeitverschwendung. Die durchaus unterhaltsamen Script-Aktionen waren bekannt unter Hackern. Selbst wenn Tinman sein Script in den nächsten Tagen programmieren würde, erschien es mehr als sinnlos. Es gab doch bereits Unmengen existierender Scripts, die jeden Job mindestens doppelt so gut erledigen konnten wie alle ungeschriebenen Scripts von Tinman zusammen. „Wir könnten ein eigenes Script programmieren“, versuchte Tinman es noch einmal, worauf er nur einen müden Blick von Fabian kassierte.

Er schaut mich nie direkt an, wenn er spricht, und das macht mich sicherer. Dass ich ihn beobachte, scheint er gar nicht wahrzunehmen. Mitte sechzig oder vielleicht jünger. So ganz kann ich sein Alter nicht einschätzen, darin war ich nie gut. Der Staatsanwalt macht in jedem Fall einen sehr erfahrenen Eindruck und versteht es trotz einer seltsamen Milde, immer noch autoritär zu wirken.
Obwohl der ganze Hackerdialekt bei einem Normalsterblichen zu Verwirrung führen könnte, lässt er sich keinen Moment von der Komplexität des Themas beeindrucken. Er wiederholt vieles und macht knappe Zusammenfassungen von dem, was ich mit Mühe zu beschreiben versuche. Hin und wieder verlässt er sein analytisches Podest. Unverblümt macht er mir dann durch Belehrungen klar, dass ihm mein Verhalten mehr als nur unverständlich erscheint. Mit Sätzen wie „Das war verantwortungslos“ oder „Haben Sie nicht gewusst, dass Sie Leuten schaden?“, haben ich mich nie beschäftigt. Doch jetzt frage ich mich tatsächlich, warum ich niemals einen Gedanken daran verloren habe. Niemand hat mir zuvor solche Fragen gestellt.
„Diese Leute wollten sich auf der Party amüsieren. Sie haben ihre Daten zerstört. Was glauben Sie, was für einen Schaden Sie dort angerichtet haben: Wenn Ihnen jemand Ihr Eigentum kaputtmacht, würde Sie das doch auch ärgern, nicht wahr?“
Ich versuche ein nachdenkliches Gesicht aufzusetzen, indem ich meine Augenbrauen herunterziehe und meine Lippen leicht aufeinander presse.
„Die sind es doch selbst schuld, wenn die das Zeug bei sich installieren“, sage ich und realisiere zugleich die Absurdität meiner Aussage.
Vor kurzem noch hätte ich das, was er sagt, als leeres Gerede abgetan. Mittlerweile fangen seine Bemerkungen an, Wirkung zu zeigen. „Verdrehtes Schuldbewusstsein“ fällt des öfteren in seinen Sätzen, und allmählich erschließt sich mir der Sinn dieser Worte.
Tobi’s Terminal war die erste Mailbox, die Fabian mit seinem Akustikkoppler, der an einen Commodore 64 Computer angeschlossen war, angewählt hatte. Das war am i. Juli 1985, vier Jahre, bevor das sogenannte „G-10-Gesetz“, ein Zusatz zu Artikel 10 des Grundgesetzes, geändert wurde und verschiedene Geheimdienste allen Grund zu jubeln haben sollten.
Während die meisten Menschen nicht einmal wussten, was ein Computer war, geschweige denn eine Datenfernübertragung, gab es in den Reihen der Geheimdienste ernsthafte Überlegungen, wie sich die rasante Entwicklung der Computertechnologie auf die zukünftige Gesellschaft auswirken würde. Als die Bevölkerung das Tastentelefon noch als etwas Fortschrittliches ansah, arbeiteten diese geheimen Einrichtungen bereits daran, die Datenfernübertragung per Computer innerhalb der nächsten Jahre zu einer Selbstverständlichkeit zu machen. Um eine kontrollierbare Entwicklung der neuen Technologien von Anfang an sicherzustellen, wurde frühzeitig die Entwicklung einer flächendeckenden Abhörstrategie geplant.
Tobi selbst lernte Fabians zufällig bei einem Usertreffen kennen. Das muss um 1992 in einem Cafe in der Stadt gewesen sein. Aufgrund seines Alters stellte der Achtundzwanzigjährige für den damals sechzehnjährigen Fabian so etwas wie eine Respektsperson dar. Während andere Fabians Fragen als infantil empfanden, begegnete Tobi ihnen mir einer Art gelangweiltem Verständnis. Egal, ob Fabian wissen wollte, wie man Systeme am besten und effektivsten zerstören konnte, oder einfach nur, wie man in sie eindringt, Tobi nahm sich die Zeit und teilte ihm alles mit, was er wusste. Auch wenn Fabians vergeblich versuchte andere Leute zu motivieren, eine Gruppe zu bilden, um gemeinsam fremde Systeme zu zerstören, nickte Tobi immer nur nachdenklich.
Eine weitere denkwürdige Begegnung an diesem Tag war seine Diskussion mit einem User namens Baxter. Fabian empfand ihn als etwas sonderbar, scheute sich jedoch nicht, ein Gespräch mir ihm zu beginnen. Baxter erzählte, dass eines Tages die gesamten Kommunikationswege durch den Staat überwacht werden würden. Der Startschuss dazu wäre der Tag, an dem das G-10-Gesetz offiziell in Kraft treten würde. Dieses bestimmte, wann und unter welchen Umständen das Post- und Fernmeldegeheimnis künftig nicht mehr gelten sollte. Für Fabian war Baxters Flüsterpropaganda damals nicht mehr als eine wilde Verschwörungstheorie. Trotzdem interessierte es ihn, und er lauschte gebannt dessen Ausführungen. Als er versuchte auch Baxter für die Idee zu gewinnen, mit ihm eine Gruppe zu gründen, verabschiedete der sich rasch. Er holte sich ein Bier und ging zu einem Platz auf der anderen Seite des Cafés. Danach sah Fabian Baxter nie wieder. Auch nicht, als am 18. Mai 1995 die Fernmelde-Überwachungs-Verordnung in Kraft trat.
Die Beziehung zwischen Tobi und Fabian entwickelte sich zu einer Art Freundschaft. Wann immer Fabian Schwierigkeiten bei der Programmierung von Software hatte, stand Tobi ihm mit Rat und Tat zur Seite. Fabian empfand es als Ehrensache, ihn mit Software aus der Szene zu versorgen, auch wenn er sie nie direkt verlangte. Fabian hatte immer das Gefühl, dass er sich aufdrängte. Tobi sagte nie Nein und bedankte sich jedes Mal herzlich.
„Halt!“, ruft der Staatsanwalt der Protokollantin zu. Ich bin irritiert. „Wollen Sie wirklich, dass wir das so protokollieren?“, fragt er mich.
Ich blicke die Frau an, die zuvor jedes meiner Wort gnadenlos zu Papier gebracht hat und jetzt mit versteinerter Miene auf neue Instruktionen wartet. Ihre glatten Haare glänzen, als hätte sie ihren Kopf gebügelt und anschließend poliert. Die Haare sind exakt unterhalb der Ohren abgeschnitten. Mit ihren schmalen Lippen und einem Blick, der gelangweilter nicht sein kann, macht sie auf mich einen unsympathischen Eindruck. Mir fallen ihre langen rotlackierten Fingernägel auf, und ich frage mich, wie sie es überhaupt schafft zu tippen. Dann denke ich noch einmal über meine Worte nach. Also gut, ich habe etwas an der Wahrheit gedreht. „Nein“, sage ich, „ich habe TFA nicht zufällig, im Internet gefunden. Ich habe gezielt danach gesucht und mich darum bemüht, es zu bekommen.“

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