Tetris

Tetris

Die Hacker-Story aus dem Buch Hackertales

Leicht torkelnd stelle ich den Karton mit Handys auf den Boden, um meine Haustür zu öffnen. Der Fernseher ist noch an. Ich habe vergessen ihn auszuschalten, als ich heute morgen das Haus verließ. Im sportsender läuft ein.

Baumfäller-Wettbewerb in der hundertsten Wiederholung. Das Rattern von Motorsägen hallt durch den Flur. Ich schmeiße meine Jacke in irgendeine Ecke und rufe nach Marie. Sie ist nicht da. Ich erinnere mich: Sie ist gestern wieder zu ihren Eltern gezogen. Ihre Mutter hat auf Band gesprochen, um mir auszurichten, dass Marie nicht mehr wiederkommen wird. Jemand hat am Mittag ihre Sachen mitgenommen und den Schlüssel auf den Küchentisch gelegt. Daneben ein Zettel. Obwohl ich weiß, was mich erwartet, falte ich das Papier auseinander und überfliege den maschinengeschriebenen Text. Am Schreibstil erkenne ich sofort, dass er von Maries Vater ist. Als Rechtsanwalt ist es ihm schon immer schwer gefallen, seinen Worten eine persönliche Note zu gehen. Ich versuche den Zettel wieder zu vergessen. „So nicht“, denke ich kopfschüttelnd und setze mich auf das Sofa im Wohnzimmer. Ihr grünes Kopfkissen liegt noch hier, der Duft ihres Parfüms steigt mir in die Nase. Eine Handbewegung genügt, und das Kissen landet auf dem Boden.

Dreißig Kanäle, einer wie der andere. Im Fernsehen läuft nur Mist! Ich schalte die Kiste aus und lehne erschöpft meinen Kopf nach hinten. Der Raum dreht sich. Ich versuche tief einzuatmen, um das Schwindelgefühl wenigstens für einen Moment unter Kontrolle zu bekommen. Mein Kopf schmerzt. Ich schließe die Augen und spüre den gleichmäßig pumpenden Druck in meinem Schädel, der mich dazu zwingt, den Nacken stillzuhalten.

Ich habe Marie vor drei Jahren an Silvester kennengelernt. Punkt zwölf stand sie plötzlich vor mir. Sie küsste mich, ich weiß nicht warum. Ich muss wie ein Penner ausgesehen haben, vom Alkohol völlig benebelt. Wir blieben bis zum frühen Morgen zusammen und feierten das neue Jahr. So wie unsere erste Begegnung war auch unsere ganze Beziehung. Wir verständigten uns ohne viele Worte. Ich brauchte nur wenige Tage, um zu erkennen, dass das die Beziehung war, nach der andere Menschen ihr Leben lang suchen. Etwa ein Jahr später lernte ich ihre Eltern kennen. Sie luden uns beide zu einem Weihnachtsessen ein. Obwohl sie mich als Freund ihrer Töchter akzeptierten, fühlte ich mich fehl am Platz. Marie schenkte mir einen goldenen Ring, den ich seitdem nicht mehr abgelegt habe. Immer wenn mir alles über den Kopf zu wachsen droht, berühre ich den Ring und höre ihre beruhigende Stimme. „Du bekommst das wieder in den Griff“, flüstert sie mir zu.

Noch ein kleiner Moment, und es ist nicht einmal mehr unangenehm. Jetzt geht es.

Das Telefon auf meinem Schreibtisch klingelt. Mir fällt ein, dass ich die Handys vor der Tür stehen gelassen habe. Es ist Holger. Er ist völlig aufgelöst und sagt mir, dass ich sofort vorbeikommen soll. Ich werde zu ihm in den Laden fahren müssen.

Vorher setze ich mich noch kurz an den Computer und lese meine Emails. Eine gute Ablenkung. Mein Monitor hat sich gestern verabschiedet. Mit meiner linken Hand muss ich das Kabel an der Hinterseite festhalten, damit die Verbindung zum Computer nicht durch die defekte Schnittstelle unterbrochen wird.

Uninteressante Nachrichten verstopfen mein Postfach. Massig neue DVD-Bestellungen, ich kann sie kaum zählen. Dazwischen immer wieder Grüße von Leuten, die ich schon lange nicht mehr kenne. „Hallo Alex, wie geht’s“, „Hey Alex, lang nichts mehr von dir gehört“, und so weiter und so fort. Ich schreibe die üblichen Antworten und überfliege sie noch einmal. Wie ich von mir selbst erfahre, geht es mir blendend. Das DVD-Geschäft läuft großartig. Das Set vom letzten Monat ist immer noch der absolute Verkaufsschlager.

Bevor ich losfahre, mache ich mir in der Küche noch einen Kaffee, lehne dabei meinen Kopf an den Dunstabzug und schließe kurz die Augen.

Ich kann den Wagen nur schwer in der Spur halten. Meine Augenlider sind wie Blei. Links und rechts zischen verschwommen Lichter an mir vorbei. Sollten mich die Bullen anhalten und mich in die Tüte pusten lassen, würden sie mich sicherlich auf der Stelle erschießen. Ich schüttle kräftig meinen Kopf und stelle den Lautstärkeregler meines Autoradios auf Anschlag. Das wird mich wach halten. Die Boxen klappern wie verrückt. Natürlich läuft „Only Love Can Break Your Heart“, ein alter Herzschmerz-Hit von Saint Etienne, den ich in voller Lautstärke mitbrülle. In Gedanken baue ich kleine DVD-Türme, die ich Sekunden später wieder zusammenfallen lasse wie Kartenhäuschen. Pro Tausend bestellter DVDs bekomme ich einen kleinen Rabatt beim Presswerk. Wie viele DVDs müsste ich bestellen, um gar nichts mehr zahlen zu müssen: Es ist so verlockend, die Augen zu schließen. Konzentration, Alex, Konzentration!

„Bin ich eingeschlafen?“, habe ich sie gefragt. Sie lächelte und streichelte mir mit der Hand übers übers Gesicht. Ich versuchte so lange wie möglich wach, zu bleiben. Sie legte ihren Kopf auf meine Schulter, so dass ich ihren Atem auf meiner Brust spürte. Ihre langen dunklen Haare bedeckten meinen Oberkörper. Früher hasste ich es, Decke und Kopfkissen mit jemandem teilen zu müssen. Doch mit ihr war es anders. Kurz hielt sie den Atem an, und einen Augenblick später spürte ich, wie ihr Körper in einen tiefen Schlaf fiel.

Ich weiß nicht wie, aber ich habe es geschafft. Ich parke den Kombi schräg auf dem Gehweg vor dem Schaufenster. Auf zwei Monitoren flimmern unscharf Werbeslogans in einer Endlosschleife. Die Tür ist offen, es ist mitten in der Nacht. Holger erwartet mich bereits.

Der Händler

Das Licht im Laden ist leicht gedämpft. Im Verkaufsraum stehen sechs Tische, auf denen Computer aufgebaut sind. In den Regalen hinter der Glastheke liegen in geometrischen Mustern angeordnete Softwarepakete und Hardwareerweiterungen, die dem Kunden durch ihre farbige Aufmachung ins Auge fallen sollen. Dazwischen steht Holger in seiner Verkäuferpose. Glattes Hemd, schwarze Jeans und Turnschuhe. Mit den Händen auf die Glasablage gestützt schaut er mich ernst an. Sein Gesicht ist kalkweiß. „Einmal Gyros komplett“, scherze ich. Holger reagiert nicht. Ich mache einen Schritt auf ihn zu. Meine Schuhsohle löst sich mit einem Quietschen vom frisch gereinigten Fußboden. „Also, was gibt’s?“, frage ich und bemühe mich, nicht genervt zu klingen. „Ich glaube, die Bullen haben Wind von der Sache bekommen.“Ich ziehe die Augenbrauen ungläubig nach oben.

„Hier fährt ständig ein dunkler BMW die Straße auf und ab.“

Ich drehe mich um und schaue nach draußen. Außer meinem rostigen Kombi und einem Fahrrad, das an die Laterne auf der anderen Straßenseite gekettet ist, kann ich nichts Auffälliges erkennen.

„Ich sehe nichts“, sage ich.

„Die stehen bestimmt um die Ecke und warten, bis ich rauskomme.“

„Holger“, sage ich und blicke ihm in die Augen, „glaubst du nicht, dass du ein wenig übertreibst? Ich meine, du siehst einen BMW, der hier ein-, zweimal die Straße runtertuckert und rufst mich mitten in der Nacht an, weil du Angst hast, nach Hause zu fahren?“

Holger schweigt.

„Hockst du hier seit Ladenschluss?“

Ein vorsichtiges „Ja“ kommt hinter der Theke hervor. Leicht beschämt nimmt sich Holger ein Spielpaket aus dem Regal und beginnt daran herumzufummeln: „Ich habe schon vorher versucht dich zu erreichen, aber du warst nicht da.“

„Nein“, sage ich kopfschüttelnd. Ach war bei Forti.“

Holger kann manchmal wie ein kleines Kind sein. Ich zucke mit den Achseln und lasse meine Hände auf meine Oberschenkel klatschen. „Und was meinst du, was ich machen soll? Ich meine, jetzt, wo ich hier bin?“

„Keine Ahnung.“

„Dann gehe ich wieder, Holger, ich muss ins Bett. Ich habe jetzt keinen Bock auf sowas.“
Ich drehe mich um und will zur Tür. Plötzlich fliegt die große PC-Softwarebox an meiner Schulter vorbei gegen einen Computermonitor. Die Box schmettert auf den Boden, einige DVDs und Spielanleitungen fallen heraus.

„Meinst du, ich hab Bock auf sowas?“, brüllt Holger völlig aufgebracht.

Mind Master, Puzzle Mania, Tetris Kingdom. Mit meinem Fuß kicke ich vorsichtig die Anleitungen der Plagiate umher. Ich bin nicht in der Stimmung für ein Problemgespräch mit Holger.

„Das ist mein Laden hier, ich lebe davon!“

„Beruhige dich, Holger, ich kann da jetzt auch nichts …“

„Nein, ich beruhige mich nicht!“, unterbricht er mich. „Wenn’s Ärger gibt, machst du dich immer aus dem Staub.“ Er holt tief Luft. „Du verdammtes Arschloch!“, sagt er dann etwas unsicher. Meint er mich?

„Was ist bloß los mir dir, Holger?“, entgegne ich ruhig.

„Ich sage dir was, Alex“, er schnappt nach Luft, „ich halte meinen Kopf nicht mehr für dich hin.“ Sein Gesicht wird knallrot, ich sehe das Blut in den Adern an seinem Hals pulsieren. Bei dem Anblick spüre ich wieder meine Kopfschmerzen. Holger plappert. Ich kann seine Stimme nicht mehr hören. Bla, bla, bla, er hört nicht auf.

Holger war Zeitsoldat beim Bund und manchmal verfällt er in einen endlosen Redeschwall. Damit hätte man ihn großartig zur psychologischen Kriegsführung einsetzen können. Wie immer gibt er mir die Schuld, da ich der Kopf unserer Truppe bin. Angeblich war ich nicht vorsichtig genug. Ich würde ihm am liebsten meine Faust ins Gesicht drücken, damit dieses ovale Ding endlich Ruhe gibt. Doch dazu wäre ich im Moment zu schwach.

„Hör auf, hier Saltos zu schlagen“, versuche ich zu schreien, doch meine Stimme lässt mich im Stich. Ich hätte im Auto nicht so laut mitsingen sollen. „Es ist nichts passiert … nichts!“, fiepst es aus meiner Kehle. Ich höre mich an wie ein Teenager im Stimmbruch.

Holger starrt mich an, als ob ihm sein eigener Sohn ins Gesicht gespuckt hätte. Was will er eigentlich? Wir sind weder Freunde noch miteinander verwandt. Außerdem haben wir alle Geld mit den DVDs gemacht. Reno, Mick, Forti, Holger und ich. Und jetzt dreht er durch, nur weil ein dunkler BMW an seinem Laden vorbeigefahren ist.

Normalerweise bin ich nicht so leicht zu erschüttern, doch im Moment kann ich die Situation wirklich nur schwer ertragen. Ich lasse meinen Blick wieder auf die Spielebox auf dem Boden wandern. Tetris, denke ich schmunzelnd.

Marie hat nie etwas für Computer übrig gehabt. Das einzige, was sie mit der Kiste verband, war das Spiel Tetris. Sie liebte es, und wir verbrachten eine Menge Zeit damit, uns gegenseitig die Rekorde streitig zu machen. Ihrer Meinung nach hing ich zu viel vor dem Rechner. Sie beschwerte sich oft darüber, dass ich mir zu wenig Zeit für sie nahm. Doch ich wollte mir keine Gedanken darüber machen. So war es schon immer gewesen, und so sollte es auch bleiben. Wir hatten uns nie wirklich über diese Themen gestritten. Ich sah es nur immer wieder an ihrem Blick, wenn ich nachts nach Hause kam und mich noch an meinen Schreibtisch setzte, anstatt mich zu ihr ins Bett zu legen.

„Sag mal, ist dir das alles scheißegal, oder was?“

Also zugegeben, es wird langsam eng. Die Konkurrenz ist aufgeflogen. Ein paar Typen aus der Szene, über die ich mir bisher keine allzu großen Gedanken gemacht habe, sitzen seit November in Untersuchungshaft und schreien nach ihrer Mami. Holger bekommt das große Flattern, und übermorgen kommen noch ungefähr vierzigtausend DVDs mit Schwarzkopien über die polnische Grenze. Und selbst wenn sich Holger die Niagarafälle in die Hosen pinkelt, die DVDs kommen hier in diesem Laden an.

Ich räuspere mich: „Wir werden diese DVDs verkaufen. Wir machen das!“Der tiefe Ton, der nun wieder in meiner Stimme liegt, beruhigt mich. „Die Akira-Serie ist im Arsch. Was meinst du, wie viele Leute in diesem Monat auf unsere DVDs angewiesen sind?“ Noch während ich die Wörter ausspreche, bemerke ich, wie Recht ich mit dieser Aussage habe. Dadurch, dass das halbe Loopteam und mit denen fast die gesamte Akira-Mannschaft festgenommen worden ist, sind wir eine der wenigen Gruppen, die überhaupt noch DVDs in dieser Größenordnung verkaufen. Wie die Akira-Serie hat jedes Set von uns vier bis sieben DVDs. Meist tummeln sich auf solchen Ausgaben nahezu zweihundert brandneue, illegal kopierte Programme. Darunter Anwenderprogramme, einfache Tools, Software-Updates und natürlich jede Menge Spiele. Der eigentliche Verkaufspreis aller Originalprogramme kam im letzten Monat bei Set acht auf ungefähr fünfzehntausend Euro. Verständlich, dass unser Preis von etwa dreißig Euro pro Ausgabe für Zwischenhändler ziemlich attraktiv ist.

Meine in Falten gelegte Stirn entspannt sich. „Hätte ich das vorher gewusst, hätte ich gleich noch dreißigtausend DVDs mehr pressen lassen“

„Wir müssen diesmal sehr vorsichtig sein“, sagt Holger.

Den BMW scheint er wieder vergessen zu haben.

„Das werden wir!“, sage ich mit gespielt freundlichem Blick.

„Ich weiß es nicht“, er sackt wieder zusammen. „Ich weiß es einfach nicht.“

Ich brauche Holger und seinen Laden. Die nächste Fuhre ist bereits hierher unterwegs. Sollte er sie nicht annehmen wollen, kann ich alles vergessen. Dramatisch atmet er noch einmal durch und starrt mich dann mit diesem „Ich will nicht in den Knast“-Blick an.

Marie wartete draußen, als ich aus dem Polizeipräsidium kam. Es war nicht meine erste Verhaftung, das wusste sie. Zweihundertfünfzig DVDs hatte die Polizei in einer Routinekontrolle in meinem Kofferraum entdeckt. Als man mich durchsuchte, fand man noch ein kleines Tütchen Gras in meiner Jackentasche. Marie war wütend. Sie machte sich Sorgen um mich, und ich mochte das. Ich musste ihr schwören, damit aufzuhören. Doch sie wusste, dass ich ihr damit nicht mehr vesprach, als in Zukunft vorsichtiger zu sein.

Einmal noch, Holger. Hey, dreh jetzt nicht durch. Wenn wir alle ganz cool bleiben, können wir noch mal so richtig abkassieren.“ Ich zaubere ein Robert de Niro-Lächeln auf meine Lippen.

Holger bewegt seinen Kopf. Er weiß selber nicht, ob daraus ein „Ja“ oder „Nein“ werden soll. Ich werde ihm Zeit geben, die Sache zu überdenken.
Der Schlüssel zu meinem Kombi ist total verbogen. Ich brauche eine Weile, um die Banane ins Schloss zu bekommen. „Übermorgen kaufe ich mir ’ne neue Karre“, denke ich und starte den Motor. Die kleine Digitalanzeige an meinem Armaturenbrett verrät mir, dass es kurz nach vier ist.

Der Gestalter

Mick ist bestimmt schon wach. Seine Freundin und er arbeiten bei einem Paketzustellungsdienst und müssen immer zeitig zur Arbeit. Ich fahre schnell nach Hause, um die Kiste mit den Handys mitzunehmen. Forti und ich haben uns von einem zwielichtigen Händler aus Italien hundert Mobiltelefone besorgt. Allerneuste Nokia-Teile. Forti wollte eigentlich gar nicht mit einsteigen, aber ich habe das Paket einfach an seine Adresse schicken lassen. Und als die Telefone dann bei ihm ankamen, war er damit einverstanden. Mick hat für die Dinger auf seiner Arbeitsstelle einen Käufer gefunden. Ich werde sie ihm vorbeibringen.

Micks Bude stinkt wie getrocknete Kotze. Ich kenne Mick seit fünf Jahren und kann mich nicht erinnern, dass das je anders gewesen wäre. Wir konnten uns damals schon nicht richtig ausstehen. Auf einer Party hab ich ihm einmal eine Portion Fritten mit Curryketchup auf sein Hemd geschmiert, weil er seine Finger nicht von Marie lassen konnte. Seine Klamotten waren auch schon vorher so verdreckt gewesen, dass es sowieso keinen Unterschied machte.

Micks Hauptarbeit bei uns besteht darin, die DVD-Cover zu gestalten. Er modelliert am liebsten irgendwelche Raumschiffe an seinem Raytracer. Die Resultate sind meist in Ordnung. Das fertige Cover und somit die gesamte DVD sieht dann auch auf den zweiten Blick wie ein gewöhnliches, kommerzielles Produkt aus. Die perfekte Tarnung.
Ich schaue mich um. Im Teppich klebt neben anderen Lebensmittelresten ein halber Snickers, den ich heute nicht zum ersten Mal entdecke. An der Wand über Micks Computer hängen Poster von UPS-Flugzeugen und -Lastwagen. Daneben ein Bild von zwei Katzenbabys in einem zerfetzten Lederstiefel, und etwas weiter rechts eine fünf Jahre alte, auf Micks Freundin ausgestellte Urkunde für die erfolgreiche Teilnahme am Lehrgang „Moderne Frisuren für den Mann“. Aufgrund einer Allergie hat sie ihren Traumjob aufgeben müssen und arbeitet seitdem mit Mick zusammen.

„Hallo Alex“, trällert es aus einer Ecke des Zimmers. Ich nicke Micks Dauerwellen-Freundin zu, die barfuß im Pyjama auf dem Sofa hockt und eine Kippe nach der andern qualmt. Sie blinzelt mir zu, zumindest sieht es von hier so aus. Die Augen, die mich fokussieren, werden niemals mehr als UPS-Fließbänder, Sofas und Fernseher sehen. Und das Schlimmste ist, dass sie glücklich damit sind.

Pakete

Tagsüber verlief ich nur selten das Haus, um die vielen DVDs überhaupt verpackt zu bekommen. Am frühen Abend ging ich dann zur Post und verschickte die Pakete an meine Kunden. Marie konzentrierte sich derweil auf ihr Studium. Sie war immer fleißig und arbeitete still an ihrem Schreibtisch, wenn ich wieder spät nach Hause kam. Sie traf sich oft mit einem Typen, mit dem sie zusammen studierte. Einmal wühlte ich in Maries Handtasche herum und fand einen Zettel mit seiner Adresse. Gleich nachdem ich meine letzten DVDs verpackt hatte, führen Reno und ich los, um den Penner zu suchen. Reno schlug dem Scheßkerl mehrmals mit der Faust ins Gesicht. Ich wollte ihm einen wuchtigen Tritt in den Unterleib geben, traf aber nur seinen Oberschenkel. Reno saß einige Monate in Haft. Ich wartete draußen, als er aus dem Knast kam.

Mick kommt verschlafen aus dem Badezimmer. Ich gebe ihm die Kiste mit den Mobiltelefonen. Er öffnet sie und nimmt sich ein Gerät heraus.

„Ja nu …“, sagt er dann mit einem prüfenden Blick.

„Sind okay“, sage ich, obwohl ich mir die Dinger noch nicht einmal angeschaut habe.

„Ich will auch eins“, sagt die Dauerwelle und schiebt ihre gelb leuchtenden Füße unter ihren Hintern. Mick und ich ignorieren sie.

„Heute Abend gebe ich dir die Kohle“, gähnt Mick und stellt den Karton an die Tür.

„Kannst es mir auch übermorgen geben.“

Mick zuckt mit den Schultern. „Was’n los? Bist doch sonst immer so scharf auf Kohle.“

„Die Fuhre kommt am Mittwoch morgen. Wir treffen uns um sieben bei Holger im Laden und teilen die DVDs auf. Es reicht, wenn du mir das Geld für die Handys am Mittwoch gibst.“

„Ich lasse meinen Teil bei Holger und hol ihn später ab.“

„Das geht nicht, Holger will die DVDs nicht bei sich herumstehen haben“, fahre ich ihm ins Wort und habe damit nicht einmal die Unwahrheit gesagt.
Mein Herz fängt an zu klopfen, ich werde die Sache abblasen müssen, wenn er nicht kommt. Mick muss am Mittwoch da sein, er muss einfach.
„Kannst du die DVDs nicht für mich mit einpacken?“

„Na komm schon“, sage ich abfällig. „Wie soll ich das alles in meinen Wagen kriegen?“

Mick zögert noch einen Moment.

„Ja nu“, gibt er dann murrend von sich. „Wenn es nicht anders geht. Wollte übermorgen nur mal ausschlafen.“

„Geht halt nicht“, betone ich und lächle in mich hinein. Jetzt habe ich ihn im Sack. „Also, dann bis übermorgen.“ In meiner Stimme schwingt ein befehlender Unterton mit.
Prustend versucht Mick seine mangelnde Begeisterung zur Schau zu stellen. „Ja nu“, sagt er. „Dann halt bis übermorgen.“

Erinnerungen

Als ich nach Hause komme, ist es kurz nach sechs. Ich ziehe mir meine vollgeschwitzten Socken aus und lege sie auf den Wohnzimmertisch. Dann gehe ich zu meinem Rechner und stupse kurz die Maus an. Mit einem Klicken schaltet sich der Bildschirmschoner aus. Der Monitor ist an, der Kühler läuft. Ich rufe einige MP3s auf, und kurze Zeit später säuselt auch schon Donna Summers Stimme durch meine Wohnung. Es ist hell geworden. Draußen vor meinem Fenster sitzen zwei kleine Vögel auf einem Baum und zwitschern um die Wette. Ich haue mir einen Joint und genieße eine Weile meine Erschöpfung. Die Müdigkeit, die mir in allen Gliedern steckt, fühlt sich nicht mehr unangenehm an. Zum ersten Mal seit langer Zeit empfinde ich alles um mich herum als friedlich und ruhig. Vielleicht war es immer so, und ich habe es nur nie bemerkt. Der Wind, der vorsichtig durch die Blätter streift, mein durch den Qualm vernebeltes Wohnzimmer, das in ein sanftes Licht getaucht ist, und die feinen Gräser, die ich tief in meine Lunge ziehe.

„Was so ein bisschen Natur ausmacht“, murmle ich leise und lächle. Es wäre schön, wenn Marie jetzt bei mir wäre. Doch wahrscheinlich hätte ich mich nach fünf Minuten gleich wieder an meinen Rechner gesetzt. Irgendwie merkwürdig. Meine Zunge fühlt sich sandig an. In einer Ecke meines Kühlschranks finde ich noch eine Dose Chocomel, die ich aus Holland mitgebracht habe.

Marie und ich wollten zusammen in den Urlaub fahren, um unsere Beziehung zu retten, wie sie sagte. Weiter als nach Maastricht kamen wir nicht. Wir landeten nachts um eins im Mississippi, einem recht ungemütlichen Coffeeshop auf einem Hausboot. Wir rauchten eine Bong nach der anderen. Auf dem Weg zum Hotel entdeckte ich eine Spielhalle. Ich versprach ihr, in einer Viertelstunde im Hotel zu sein. Um fünf Uhr morgens, als sie schon schlief kam ich in unser Zimmer. Als wir am nächsten Tag wieder zu Hause ankamen, schaltete ich gleich den Computer an.

Ich habe nur wenige Stunden geschlafen. Die Musik läuft noch. Mittlerweile sind wir bei Diana Ross angekommen. Es geht mir deutlich schlechter als zuvor. Ich hätte wach bleiben sollen. Es scheint, als hätte mir der Schlaf die letzten Energiereserven geraubt. Vielleicht bin ich auch einer von den Leuten, die im Schlaf den Atem anhalten und sich dadurch fühlen, als hätte man sie gerädert. Ich nehme noch drei Kopfschmerztabletten und lege mich wieder aufs Sofa. Obwohl ich genug am Computer zu tun hätte und mich das sonst immer ablenkt, ist mir im Moment überhaupt nicht danach.

Der Fahrer

Das ändert sich zwangsläufig, als Reno vorbeikommt, der erst seit drei Monaten wieder auf freiem Fuß ist. Er fragt mich, ob ich unter einen Laster gekommen sei. Ich sage, dass alles in Ordnung ist. Die Antwort reicht ihm. Reno ist Möbelpacker und hat Arme wie ein Ochse. Wann immer ich in der Vergangenheit mit jemandem ein Problem hatte, war er meine erste Anlaufstelle. Weil ich verantwortlich dafür war, dass er in den Bau musste, war ich ihm eindeutig etwas schuldig. Ich habe ihn mit in das DVD-Geschäft einsteigen lassen, obwohl er bis heute nicht die leiseste Ahnung hat, worin er sein Geld eigentlich investiert hat. Hauptsache wir sind quitt. Reno setzt sich auf den Sessel vor mir und zündet sich eine Zigarette an. Er wirkt angespannt.

„Ich habe mit Holger telefoniert.“

Ich zucke mit den Schultern, gehe kurz zu meinem Rechner, um Dianas seichtes Gedudel in etwas Schwungvolleres zu verwandeln, und setze mich dann wieder.
„Denkst du nicht, dass das alles langsam zu gefährlich wird?“

Ja, das denke ich. Es wird sehr gefährlich. Die Bullen werden uns wahrscheinlich schnappen. Trotzdem wird mich nichts in der Welt davon abhalten, das Ding durchzuziehen. Reno weiß, dass er keine Ahnung hat. Meine Meinung war ihm aus diesem Grund immer wichtig. Es ist ein Leichtes, ihm die Angst zu nehmen.

„Wir müssen eben etwas vorsichtiger sein als sonst, mehr nicht“, antworte ich und nehme mir eine filterlose Zigarette aus seiner Schachtel. Eigentlich habe ich überhaupt keine Lust zu rauchen, doch damit werde ich meine gespielte Gelassenheit unterstreichen. Reno beobachtet mich. Er hat schon länger nicht an seiner Zigarette gezogen. Die Asche kann sich der Schwerkraft nicht entziehen und segelt in Zeitlupe auf seine Hose hinab.

Das Feuerzeug in meiner Hand zittert. Ich weiß nicht, ob es meine Hände oder Augen sind, die gerade schlapp machen. Ich kann die Entfernung zwischen Flamme und Zigarette nur schwer abschätzen. Das leise Knistern des Tabaks verrät mir, dass die Zigarette brennt. Ich inhaliere den Rauch und spüre davon rein gar nichts in meiner Lunge. „Glaub mir, Reno, es wird nichts passieren“, lüge ich und puste dabei eine große Qualmwolke aus mir heraus. Reno schaut mich regungslos an. Er wartet auf einen Blick von mir, der meinen Satz noch bekräftigt. Ich gebe ihm, was er will. Ein selbstsicheres Augenzwinkern wird ihm sicherlich reichen.

„Dann ist ja alles klar.“ Reno nickt, steht auf und klopft sich die Asche von seiner Hose.

„Ja“, sage ich leise. „Alles ist klar.“

Ich weiß, dass ich ihm damit unrecht tue. Er hat es am wenigsten verdient.

Marie und ich redeten über Probleme, wie andere Pärchen es auch tun. Ich sagte ihr, dass die Fuhre am Mittwoch bei Holger im Laden ankommen würde und ich danach mehr Zeit für sie hätte. Ich war kurz nach vier aus der Wohnung gegangen, um mit Holger und Forti noch einige Dinge zu klären. Ich versprach Marie, am frühen Abend wieder bei ihr zu sein. Sie wollte für mich kochen. Forti, seine Schwester Ella und ich gingen zusammen ins Pit Stop. Wir betranken uns hemmungslos. Ella versuchte ständig ihren Körper an meinen zu schmiegen. Forti tat so, als fände er das witzig. In Wirklichkeit machte es ihn rasend, was mich wiederum dazu animierte, Ellas Attacken zu erwidern. Ich kam erst um vier Uhr nachts nach Hause und setzte mich direkt wieder an meinen Rechner. Marie war wütend. Sie riss den Monitor vom Tisch.

Zwischen den Sofakissen finde ich meinen MP3-Schlüsselanhänger, den ich irgendwann achtlos auf das Sofa geschmissen habe. Ich knipse ihn an meine Gürtelschnalle, packe den Kopfhörer in meinen Rucksack und stelle ihn neben das Sofa. Dann greife ich zum Telefon und rufe Fortmeier an. Ella geht an den Apparat, auch gut. Ich sage ihr, dass sie Forti ausrichten soll, er habe morgen um sieben bei Holger im Laden zu erscheinen. Ich kenne Forti. Wenn man ihm keine Chance lässt sich zu beschweren, willigt er immer ein.

„Was vor heute Abend, Ella?“, frage ich plötzlich keck.

Nach einigen kurzen Atemlauten kommt ein vorsichtiges und fragendes „Nein“ durch den Hörer. Ella ist über meine Offensive erstaunt. Um noch einmal zu unterstreichen, worauf ich hinaus will, frage ich, ob sie nicht Lust hätte, heute Nacht bei mir vorbeizukommen.

Highscorelisten

Ich setze mich an den Rechner, schiebe den Monitor nach hinten, so dass das Kabel in der halb herausgebrochenen Buchse durch die Wand arretiert wird. Ein Doppelklick auf das Spiele-Verzeichnis bringt das Tetris-Symbol zum Vorschein. Ich starte das Spiel. Nach dem Titelbild erscheint die Highscore-Liste. An erster Stelle blinken die drei Buchstaben „MAR“. Ich klicke auf den viereckigen Kasten mit der „Start Game“-Aufschrift und versuche mich auf das Spiel zu konzentrieren. Anfangs ist es noch leicht, und ich kämpfe mich Level um Level höher. Die Balken und Blöcke zischen immer schneller hinab und bilden immer schwierigere Barrieren und Probleme, die nicht mehr durch pure Logik zu lösen sind. Links oder rechts? Die Welt um mich herum verschwimmt, bis sie nicht mehr vorhanden ist. Meine ganze Konzentration ist auf die T- und L-förmigen Klötze gerichtet. In meinem Zustand kann ich keine sinnvollen Entscheidungen mehr treffen. Mein Herz rast. Es liegt schon Jahre zurück, dass mich ein Computerspiel derart ins Schwitzen gebracht hat. Jede falsche Anordnung der farbigen Klötze wird auf der Stelle bestraft. Die Gelenke in meinen Fingern beginnen allmählich zu schmerzen, und meine Bewegungen werden hölzern. Dann löst sich meine Hand vorsichtig von der Tastatur. Ich erlaube, was früher oder später auch gegen meinen Willen passiert wäre. Die Bausteine stapeln sich Linie für Linie übereinander, bis sie den Bildschirm völlig verbaut haben und die Worte „Game Over“ erscheinen. Es gibt keinen anderen Ausweg, und doch bleibt es meine Entscheidung, dieses Spiel zu verlieren.

Ich sah dabei zu, wie der Monitor zu Boden krachte. Ein Ruck durchfuhr meinen Körper, als ein Stück aus dem Gehäuse unter lautem Ächzen zerssplitterte. Der offene Computertower, der mit dem Monitor verkabelt war, folgte dem Bildschirm, kippte langsam zur Seite und knallte dann auf den Tisch. In ihm war die Seele des Computers und mein Herzstück zugleich: die Festplatte. Ich nahm nicht wahr, auf was meine geballten Fäuste niederschlugen. Ihre zierlichen Arme, die sie schützend vor mir hob, schmetterten immer wieder zurück, bis sie schließlich zusammengekauert vor meinen Füssen lag. Ich hatte sie nur selten weinen sehen, doch jetzt fiel es ihr schwer die Tränen zurückzuhalten. Ich nahm die Festplatte und ging wortlos davon, ohne sie ein letztes Mal anzuschauen. Erst am späten Nachmittag kam ich wieder nach Hause. Der Anrufbeantworter wartete mit einer Nachricht von Maries Mutter auf. Marie würde nicht mehr wiederkommen. Ihr Vater hatte einen Zettel hinterlassen. Er drohte damit, meinem Tun ein Ende zu setzen.

Neben mir liegt Ellas warmer Körper. Sie schläft mit dem Rücken zu mir. Ich habe wieder einmal kaum ein Auge zugetan. Ich lege vorsichtig meine Hand unter ein Büschel ihrer schwarzen Locken, führe es zu meinem Gesicht und rieche daran. Obwohl ich gehofft hatte, es wäre anders, riechen sie gut. Glücklicherweise hat Ella nicht sehr viel Ähnlichkeit mit ihrem Bruder. Der Gedanke, mit der weiblichen Version von Forti ins Bett zu gehen, hätte mich gestört.

Endspiel

Draußen wird es allmählich wieder hell. Die Vögel auf dem Baum vor meinem Fenster bereiten sich auf ihr übliches Pfeifkonzert vor. Ich stehe auf und gehe in die Küche. Auf einem Holzbrett liegen zwei vertrocknete Scheiben Toastbrot. Aus dem Kühlschrank nehme ich eine Packung Butter, die längst abgelaufen ist, und schmiere etwas davon aufs Brot. Meine Zunge ist derart gelähmt, dass ich den ranzigen Geschmack kaum bemerke. Ich schlucke die letzten Bissen hinunter. Mein Magen schläft noch, ich spüre, wie sehr er sich dagegen wehrt, mit der Verdauung zu beginnen. Dann ziehe ich mich an, nehme mir noch den Rucksack und verlasse meine Wohnung.

Auf der Straße ist kein Mensch. Die Temperatur und das spärliche Sonnenlicht lassen jetzt schon vermuten, dass auch dieser Tag wieder ungewöhnlich kalt für die Jahreszeit werden wird. Ich schlendere über die Straße zu meinem Auto, das gleich um die Ecke steht. Auf der Windschutzscheibe hat sich Tau gebildet. Mit dem Ärmel meines Pullovers wische ich eine kleine Stelle frei, gerade groß genug, um eine ausreichende Sicht auf die Straße zu haben.

Ich parke den Kombi schräg auf dem Gehweg vor dem Schaufenster. Auf zwei Monitoren flimmern unscharf Werbeslogans in einer Endlosschleife. Die Tür ist offen. Holger, Forti, Mick und Reno erwarten mich bereits. Obwohl ich mir sicher bin, am wenigsten von uns vieren geschlafen zu haben, sieht jeder von ihnen um einiges fertiger aus als ich.

„Hey, endlich!“ Forti versucht zu lächeln. „Die Ladung kommt jede Minute!“

Ich lächle zurück. Keiner der Idioten findet es seltsam, dass wir alle um sieben Uhr morgens in Holgers Laden stehen, um auf eine DVD-Lieferung zu warten, die doch durchaus noch einige Zeit hier bei Holger hätte auf uns warten können.

Natürlich kann sich Forti die Frage, wie mein Abend mit Ella verlaufen ist, nicht verkneifen.

„War ganz nett“, sage ich beiläufig. „Wir haben nur etwas gequatscht. “

Obwohl er genau weiß, was passiert ist, zeigt er sich zufrieden mit meiner Antwort. Reno zündet sich unruhig eine Zigarette an und lehnt sich an die Theke. Er ist zwar nicht unbedingt ein Freund vieler Worte, trotzdem wundert es mich, dass er, seitdem ich hier bin, völlig stumm geblieben ist. Ich versuche seinem Blick auszuweichen. Ein Lastwagen, der vor die Tür des Lieferanteneingangs rollt, hält Holger davon ab, Reno auf das Rauchverbot im Laden aufmerksam zu machen.

„Na also!“ Holger stapft als erster nach draußen, gefolgt von Mick und Forti. Während sich die drei Lemminge um den Lieferwagen positionieren, schaut mich Reno immer noch an. Ich zögere kurz, dann nicke ich. Ein Arbeitskollege von Mick klettert aus der Fahrerkabine und begrüßt ihn freundlich. Dann geht er zur Rückseite des Lastwagens, öffnet den Laderaum und hievt einen Karton nach dem anderen von der Ladefläche. Ebene für Ebene stapelt er die Kästen vor unseren Füßen übereinander. Links, rechts, ich weiß nicht, wohin ich gucken soll, ohne nervös zu erscheinen.

Nach einer halben Stunde liegt etwa die Hälfte der insgesamt vierzigtausend illegal gepressten DVDs vor uns. Alle auf einem Haufen und in unscheinbaren braunen Kartons verpackt. Holger unterschreibt krakelig einen Wisch für acht Monitore, die er laut Lieferschein erhalten haben soll und lächelt dabei dem Fahrer zu. Mick greift in seine Tasche und holt ein kleines Bündel Hunderter heraus, das er in einen Händedruck verpackt an seinen Arbeitskollegen weitergibt. Reno steht vor mir. Er ist nervös. Das Gefühl, diese ganze Situation schon einmal erlebt zu haben, überkommt mich für einen kurzen Moment. Wahrscheinlich liegt es daran, dass Pharaohs ebenfalls beim Umladen vor seiner Garage von der Polizei verhaftet worden ist.

„Alles klar, Reno?“, frage ich leise. Reno regt sich kaum. Ich schaue mich noch einmal um. Niemand zu sehen.
„Wir sind quitt“, schießt es mir immer wieder durch den Kopf. Doch das Gefühl, Reno Unrecht zu tun, drängt sich in den Vordergrund. Was hätte Reno eigentlich mit der Sache zu tun, wenn ich ihn nicht zu unserer Group geholt hätte? Er würde weiter irgendwelche Möbel schleppen und, obwohl er schon einmal im Knast gesessen hat, auch jetzt noch jedem die Nase brechen, der mir zu nahe käme. Ich greife in meine Jackentasche, hole meine Autoschlüssel heraus und reiche sie ihm.

„Stell mal meinen Wagen um“, sage ich in ungekonnt beiläufigem Ton.

Mick, der gerade mit einem Karton in den laden marschiert kommt, dreht mir den Kopf zu. Reno guckt mich misstrauisch an.

„Den Kombi“, sage ich etwas lauter. „Ich bekomm da vorne ’ne Knolle.“

„Ja nu, jetzt doch nicht“, meckert Mick. „Es ist gerade mal kurz nach halb acht, und wenn da jemand kommt, sehen wir das doch.“

Ich ignoriere Mick und schaue Reno in die Augen. „Stell schon den Wagen um“, presse ich fast lautlos über meine Lippen. Reno bewegt sich nicht. In seinem Gesicht zeigt sich ein Anflug von Panik. Was ist los mit ihm? Will der Trottel ausgerechnet jetzt damit anfangen mir zu misstrauen? Ich schaue noch einmal über meine Schulter. Noch sieht alles ruhig aus.

„Was soll der Scheiß!“, ruft Forti, der schon seinen dritten Karton in den Laden getragen hat. „Fahr ihn doch selber weg!“

„Komm, ich mach das.“ Mick versucht mir den Schlüssel aus der Hand zu nehmen.

„Nein, warte“, unterbricht ihn Reno. „Ich geh schon!“

Na also. Ich nicke Reno zu. Dann gehe ich mit Holger hinaus. Ich nehme mir auch eine Kiste und trage sie in den Laden.

Reno geht zum Auto.

Vom Laden aus habe ich alles im Blick. Rechts der Lieferanteneingang, vor mir das Schaufenster, vor dem mein Kombi steht. Reno versucht den verbogenen Schlüssel ins Schloss zu bekommen. Die meisten Kisten sind bereits im Laden.

Reno fummelt an dem Zündschloss herum. „Bieg das Ding gerade“, flüstere ich leise vor mich hin.

„Was ist, hilfst du jetzt, oder was?“, ruft mir Mick wild gestikulierend zu.

„Ja, ja! Ich komm ja schon!“, brülle ich zurück.

Reifenquietschen, zwei, nein, drei dunkle BMWs kommen hinter dem Lastwagen zum Stehen.

Reno bekommt den Schlüssel ins Schloss.

„Fahr du Depp … fahr!“

Vier Leute stürmen aus dem einen, drei weitere aus den anderen Autos. Sie haben uns umzingelt und kommen auf uns zu. Einer von ihnen schnappt sich Forti, der sich wie gelähmt einkassieren lässt.

Reno sitzt im Auto, der Motor springt an.

Holger rennt aus dem Lager und läuft einem Polizisten direkt in die Arme.

Reno merkt, dass etwas nicht stimmt. Er reckt seinen Hals, sieht aber nicht, was um die Ecke geschieht.

Wir haben keine Chance zu entkommen. Überall um uns herum stehen Polizisten und Ermittler.

„Fahr, du Dorftrottel!“, brülle ich so laut ich nur kann.

Anscheinend will niemand den Fahrer des Lasters festnehmen, der mit aufgerissenen Augen und erhobenen Händen dabei zusieht, wie alle anderen in Gewahrsam genommen werden. Ich spüre, wie ein Beamter von hinten meine Handgelenke zu fassen bekommt.

Reno bleibt unbeweglich im Auto sitzen und beobachtet mich. Ich fühle, wie das kalte Eisen der Handschellen um meine Gelenke einrastet. Reno schaut mich noch immer an. Die dummen Gesichter von Mick, Holger und Forti, die in Handschellen in den BMW verfrachtet werden, kann ich von hier aus schon nicht mehr sehen. Reno steigt ruhig aus dem Kombi, den Blick noch immer auf mich gerichtet. Der LKW-Fahrer sitzt bereits in einem anderen Wagen, der erst vor wenigen Augenblicken dazugestoßen ist. Einer der Beamten geht langsam auf Reno zu, der seine Hände hebt, um zu demonstrieren, dass von ihm kein Widerstand zu erwarten ist. Erst als man ihn abführt, lässt sein Blick von mir ab.

Ich hoffe, jetzt nicht im selben Wagen mit ihm sitzen zu müssen. „Kommen Sie“, höre ich die tiefe und strenge Stimme des Beamten hinter mir sagen, der meine Hände noch immer fest im Griff hält. Ich versuche mich herumzudrehen, so dass ich ihm ins Gesicht sehen kann. Mit einem kräftigen Ruck an meinen Handschellen weist er mir die Richtung.


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