Kimble

Interview mit Kim Schmitz (Kim Dotcom)

Kim Dotcom in 1991

Operator: Ja?
User: Hast du non?
Operator: Was?
User: Komm schon, hehehe
Operator: Was meinst du mit non??? :)
User: non halt … weißt schon, hehehe

Rindfleisch

Ich zupfe irritiert an meinem Bärtchen herum. Einen derartigen Unsinn habe ich noch nie gelesen. „Interessant“, sage ich dann nickend. „Wirklich, ich muss sagen, sehr, sehr interessant!“ Ich habe keinen blassen Schimmer, was ich mir dein Ausdruck anfangen soll, den mir Kimble da in die Hand gedrückt hat. Ich falte das Stück Papier zusammen und stecke es lächelnd zu meinen Notizen.

„Ja genau“, sagt Kimble. „Nimm’s mit.“

„Danke.“

Ein Kellner in schwarzem Anzug rauscht an unserem Tisch vorbei und stellt mir dabei ein Glas Wasser hin. Ich nehme einen Schluck und lächle dann noch einmal. Schnellen Schrittes hastet der Kellner zu einem anderen Tisch.

„Was heißt denn nun ’non‘?“, frage ich in beiläufigem Ton.

Kimble verdreht die blau leuchtenden Knöpfe, die sonst unbewegt in seinen Augenhöhlen ruhen. Dann hebt sich sein Brustkorb, senkt sich wieder, bis er schließlich mit einem Prusten einige Liter Sauerstoff in die Freiheit entlässt.

„Sag mal, habt ihr Jungs von der Presse eigentlich von irgendwas einen Plan?“

„Na ja, die von den Computerzeitschriften sicherlich, ich bin aber nur so etwas wie ein … sagen wir mal Klatschreporter.“

Ich beiße mir auf die Zunge. Zu meiner Beruhigung zeigt Kimble jedoch keine Reaktion auf mein kleines Geständnis. Chirurgisch zerlegt er das argentinische Rindfleisch auf seinem Teller und schiebt sich dann ein großes Stück in den Mund.

„Non ist die Abkürzung für NONPD, also Non Public Domain“, antwortet er kauend. „Die Autoren der Public Domain Software bieten ihre Sachen umsonst an, oder für einen Betrag, über den sich keiner beschweren kann. NONPD dagegen ist alles, was kein PD ist. Kommerzieller Kram eben. Zeug, das man laut Gesetz nicht kopieren darf und das früher oder später als , also Raubkopien, in Umlauf kommt.“

„Ach so“, nicke ich, „und warum habt ihr dann nicht Raubkopien dazu gesagt?“

„Keiner von uns wäre auf so eine Idee gekommen. Wer will denn schon ein derartig langes Wort eintippen. Wir nannten das Stuff oder eben …“

„Non?“, unterbreche ich.

„Genau.“

„Und was ist mit den sogenannten Wares?“

„Nee, damals benutzte man den Begriff nur in wenigen Boards. Die lokale Szene nutzte diesen Slang nicht. Wir haben uns mit einem gewöhnlichen Modem in die BBS eingeloggt. Nummer wählen, fertig. Dann hat man den Systemoperator in den Chat gerufen. Der kam dann meistens, oder auch nicht, je nachdem wie er drauf war. Man fragte ihn, ob er einem den Zugang zu seiner NONPD-Sektion geben würde. Ein wenig ‚hehe‘, und ’na, komm schon‘ reichte da oftmals. Dann hat er einem den Zugang freigegeben …“

„Und die Polizei?“

Kimble hört auf zu kauen und legt die Gabel neben den Teller. Ich schaue mich vorsichtshalber um. Habe ich was Falsches gesagt?

„Polizei? Damals kannten wir so etwas gar nicht. Mensch, das ist so lange her! Die Leute wussten noch nicht mal, was Computer sind. Wenn du den Bullen irgendwas von Raubkopien erzählt hast, dachten die, du redest von Videokassetten. Wir haben einfach alles kopiert, was es gab. Und wenn man alles kopiert hatte, besorgte man sich die Software in irgendeiner anderen Sprache und kopierte das dann auch. Verstehst du? Das war für uns das Selbstverständlichste auf der Welt.“

„Sicher“, sage ich. „Ich kann mir vorstellen, dass das ein Riesenspaß gewesen sein muss.“

„Da kannste aber einen drauf lassen!“

Kimble verdrückt noch das verkümmerte Salatblättchen, das er vorher von einer Seite des Tellers zur anderen geschoben hat, dreht sich um und winkt den Kellner heran. „Ich nehme dann doch noch die Fischsuppe.“

Der Kellner nickt und huscht wieder davon. Auf dem Weg nimmt er auch gleich das Geschirr vom Tisch nebenan mit.

Fischsuppe

„Ein paar Jahre später wurde dann das Phreaken zu einer Art Kult. Hunderte von Leuren fingen an umsonst zu telefonieren. Die Boards vermehrten sich, so dass die gesamte Szene anfing mit Warez zu traden. Sie tauschten das Zeug wie wild. Ich hab dann meine eigene BBS eröffnet.“

Ich heuchle Interesse und kritzle in meinen Notizblock. Neben den Worten „NONPD“ und „Wares“ steht immer noch ein großes Fragezeichen. Ein dicker Daumen landet plötzlich auf meinem Block.

„Das schreibt man mit Z!“, grummelt Kimble.

„Was denn? Wares?“

„Genau! “

„Zares also?“

Kimble schüttelt verständnislos den Kopf und rupft mir wortlos den Kugelschreiber aus der Hand. Dann streicht er das „s“ durch, ersetzt es durch ein „z“, und reicht mir den Kugelschreiber.

„Also“, fährt er fort, „wir waren bei den Boards.“

„Genau“ bestätige ich, notiere mir den Begriff „Board“ und mache dahinter ein großes Fragezeichen.
Kimble nimmt sich wieder den Kugelschreiber und streicht das Fragezeichen durch. Dann gibt er mir den Stift zurück.

„Aufschreiben!“

Ich nicke.

„Ein Board ist so etwas wie eine Mailbox. Man kommt von außen nur mit einem Modem da rein. Das ist wie Internet. Du wählst eine Nummer und bist drin, verstehst du das? Nur ist da keine Grafik, sondern Zeichen, im besten Fall sind die bunt. Und das geht auch ohne Maus. Du musst Befehle eingeben. So wie Telnet oder MS-DOS. Klar?“

„So ungefähr … Was ist Telnet?“

„Das ist doch jetzt völlig unwichtig!“

„Okay.“

„Also, die Leute haben sich bei mir eingeloggt. Ich war ja schon damals immer der schnellste.“

„Mit der Verbindung?“

„So ein Quatsch. Mit Modems? Was glaubst du, wie schnell die waren?“

Ich zucke mit den Achseln. „Sehr schnell?“

Nein, Mann, scheiß langsam! Also 9600-Baud-Modems, die haben eine Menge gekostet. 9600 Baud sind 9600 Bits in der Sekunde. Das heißt, du brauchst eine Stunde, wenn du ein Pornobildchen herunterladen willst.“

„Das ist langsam.“

„Was du nicht sagst!“

Ein neuer Geruch steigt mir in die Nase. Der Kellner schwingt den Teller mit der Fischsuppe elegant auf den Tisch. Dabei kleckert er auf die Tischdecke, was anscheinend niemandem auffällt.

Gewürze

„Also, mit schnell meinten wir eher etwas anderes.“ Kimble rührt ein wenig in seiner Suppe herum und hebt den vollen Löffel dann an seine Nase. „Hmm … Die riecht gut!“, stellt er anerkennend fest. „Ich war der schnellste, wenn es um das Besorgen von Warez ging. Wenn draußen auf der Welt irgendjemand ein Programm illegal verbreitet hatte, konntest du das in derselben Stunde in meiner Mailbox finden. Gib mir mal das Salz!“

Kimble deutet auf die edle Gewürz-Minibar vor mir. Obwohl seine Armlänge sicherlich dazu ausgereicht hätte, es sich selbst zu nehmen, reiche ich ihm den kleinen Designer-Salzstreuer. Ohne ein Danke nimmt er ihn an.

„Die Leute haben also die Dinger von meiner Box runtergeladen und gleichzeitig ihre neusten Sachen reingetan“, verrät er mir, den Designer-Salzstreuer immer noch in seiner Linken haltend. „So hat sich meine Mailbox zu einer der größten Tauschbörsen in Sachen Warez entwickelt. Das Problem war nur, dass ich keine große Lust hatte, meine Telefonleitung und die teure Hardware für irgendwelche Scenefreaks kostenlos zur Verfügung zu stellen. Ich wollte schließlich auch Geld verdienen.“

„Es heißt doch, dass Hacker Idealisten sind.“

Kimble lacht kurz auf und hält mir dann seine Hand mit dem Salzstreuer entgegen.

„Siehst du das hier?“, fragt Kimble, während er sich eine Fischgräte aus dem Mund angelt.

„Ein Designer-Salzstreuer?“

„Nein, Mann!“ Kimble rüttelt einmal kräftig mit seinem Handgelenk. Plötzlich rutscht eine mit bunten Steinen verzierte gelbe Uhr aus dem Ärmel. „Ich meine das hier!“

Ich nicke.

„Oder denkst du, das Ding lässt sich mit Idealismus bezahlen?“

Kimble hustet noch einmal kräftig, pult sich noch eine weitere Fischgräte aus dem Mund und macht sich dann fluchend an dem Designer-Salzstreuer zu schaffen.

„Ich für meinen Teil … Scheißding … habe daraufhin angefangen Calling Cards zu verkaufen … Scheiße, wo sind denn hier die Löcher?“

Ich lasse demonstrativ meinen Daumen hochschnellen. „Man muss den kleinen grünen Deckel vorher hochklappen.“

„Ach so …“

„Also, Calling Cards“

„Was?“

„Du sprachst eben von Calling Cards.“

„Calling Cards. Stimmt. Ich habe natürlich nicht die Karten verkauft, sondern nur die Nummern. Zuerst über den internen Chat der Mailbox. Ich saß zu Hause, und die haben mir das Geld auf mein Konto überwiesen.“

„Was, wer denn?“, frage ich verwirrt.

„Na, die Leute, die sich in meiner Box getroffen haben, um das ganze Zeug zu tauschen.“

„Natürlich“, sage ich etwas verärgert über mich selbst. „Woher hast Du eigentlich die Calling-Card-Nummern bekommen?“

„Ist doch klar. Es riefen täglich über hundert Leute bei mir an. Darunter auch Phreaker. Ich habe denen gesagt, sie können sich bei mir so viele Warez herunterholen, wie sie wollen. Dafür bekam ich dann regelmäßig geklaute Nummern von Calling Cards. Ein Deal eben.“

„Und woher haben die diese Nummern bekommen?“

Kimble atmet tiefe ein und blickt mich genervt an.

„Was interessiert mich das? Von überall her“, sagt er frustriert. „Vielleicht hatten die ihre Supplier in den amerikanischen Telefongesellschaften oder haben sich die Dinger selbst erhackt. Für mich war nur wichtig, dass ich den Mist bekommen habe.“

„Du warst sozusagen an der Quelle.“

Wasser

„Genau! Apropos Quelle, bekomme ich hier eigentlich auch was zu trinken?“

Kimble rutscht auf seinem Stuhl herum und winkt den Ober erneut zu sich heran.

„Rotwein, aber bitte nicht wieder so einen Böckser wie eben. Und wenn du schon unterwegs bist, bring mir noch dieses Zeug á la Châtelaine.“

„Sicher, noch ein Glas Wasser für Sie?“, fragt mich der Kellner mit versteinerter Miene.

„Nein danke, ich habe noch“, antworte ich.

Der Ober nickt und ist schon wieder verschwunden.

„Das ist überhaupt das Beste an der Geschichte“, fährt Kimble fort. „Da meine Mailbox für viele Computerfreaks die erste Anlaufstelle war, konnte ich von dem Insiderwissen der Leute profitieren. Ich selbst brauchte nicht viel zu tun. Ich habe einfach die Hardware zur Verfügung gestellt und alles am Monitor beobachtet.“

„Du konntest die Emails von anderen lesen?“

„Na klar, ich war doch der Verwalter meines eigenen Systems. Jeder Systemoperator hat höchste Privilegien, die kein anderer Benutzer im System hat. Ich konnte Mails lesen, User rausschmeißen, Accounts sperren. Du warst Systemgott, wenn du Op warst.“

„Dann wussten die Leute, dass Du ihre Mails gesehen hast?“

„Natürlich nicht, sonst hätten die kein Vertrauen mehr in die Box gehabt. Es war damals so, dass man dem Sysop vertraut hat. Das war eine Art Ehrencodex, dass der Sysop die Mails der anderen nicht liest. Die Leute waren eben bescheuert.“

„Wie ist das denn heute? Wenn ich Emails an einen Freund durch das Internet verschicke, vertraue ich meine Emails doch auch dem Internet-Provider an, der sie weiterleitet.“

„Die Leute sind heute halt genauso bescheuert.“

„Wie ging es dann weiter?“, frage ich und schaue auf meine Notizen. „Ich glaube, Du hattest eine Telefonline?“

„Das Ding hieß Partyline. Irgendwann hin ich auf die Idee gekommen, eine eigene Partyline zu eröffnen. Das ist so etwas wie eine Telefonkonferenz, wo sich mehrere Anrufer gleichzeitig unterhalten können. Ich habe das beantragt und den ganzen Szene-Fuzzies gesagt, sie können ab sofort realtime miteinander plaudern, also nicht immer nur durch Getippe im Chat. Partylines gibt es, seit es Telefone gibt.“

„War das nicht zu teuer für die Mitglieder? Die mussten doch schließlich die Kosten für die Verbindung zur Telefonline …“

„Partyline!“

„Entschuldigung, Partyline … Also die Leute mussten das doch bezahlen?“

„Das war denen völlig egal. Die meisten Typen, die anriefen, haben sowieso kostenlos telefoniert. Das war die Zeit, wo jeder Idiot eine geklaute Calling Card besaß.“

„Das war doch nicht ganz ungefährlich für den Anrufer, richtig?“

„Das war mir doch egal, womit die bei mir angerufen haben. Ich habe pro Anruf abkassiert. Das ist wie Telefonsex. Der Anrufer hat Spaß, und ich knöpfe ihm dafür eine Gebühr ab. Ob die jetzt mit geklauten Kreditkarten telefonierten, das ist doch nicht mein Problem, oder?“

„Nein, sicher nicht …“ Ich zögere und schaue erneut auf meine Notizen: „Irgendwann wurdest Du erwischt, richtig?“

„Moment, nicht so schnell. Mit der Partyline habe ich gutes legales Geld verdient, da kann mir niemand was. Da ich den Zugang zu dem ganzen Equipment hatte, habe ich die Anrufe abgehört. Das war schließlich meine Partyline, und ich durfte das auch.“

Rindfleisch mit Artischockenböden

„Und wieder wussten die Leute nichts davon?“, frage ich, doch Kimble richtet seine ganze Aufmerksamkeit schon wieder auf den Kellner, der ihm sein Essen bringt.

„Na ja, eigentlich hätten die sich das auch denken können. Ahhh, das sieht gut aus.“

„Bitte sehr.“ Der Kellner verneigt sich kurz und will dann wieder von dannen ziehen.

„Moment mal!“, ruft ihm Kimble zu. „Was ist das überhaupt?“ Der Kellner guckt leicht verdutzt: „Zartes Rindfleisch mit Artischockenböden und Zwiebelpüree garniert, dazu gedünstete Maronen in einer Madeirasoße. Das haben Sie doch bestellt.“

„Denke schon“, murmelt Kimble, während er seinen Blick über den Teller wandern lässt. Dann schaut er mich an und zuckt mit den Achseln.

Ich nicke anerkennend: „Eine gute Wahl.“

„Ich muss es ja nicht zahlen“, sagt Kimble und deutet lachend mir dem Finger auf mich. Dann schnappt er nach Luft und versucht sich wieder auf das Thema zu konzentrieren.

„Also, wo waren wir? Ach ja, wenn man bei einer Partyline anruft, besteht immer die Gefahr abgehört zu werden. Da kann sich jeder einklinken und lauschen. Dafür ist das Ding ja gedacht. Ich konnte die Gespräche abhören, und das völlig legal.“

„Das muss spannend gewesen sein, den ganzen Leuten zuzuhören, wie hießen die noch?“

„Phreaker!“

„Genau.“

„Ich habe das als Job angesehen. Dadurch, dass ich diesen Leuten zugehört habe, bekam ich so ziemlich alles mit, was in der Scene abging. Ich bekam beispielsweise Passwörter von Computern der Telefongesellschaften. Und es ging noch weiter. Die Maronen sind übrigens fantastisch. Die Typen haben auf meiner Partyline über Möglichkeiten geredet, wie man Kreditkarten und Telefonkarten selber herstellen kann. Ich habe mir dann das Equipment besorgt und mich an die Arbeit gemacht. Nach ein paar Wochen hatte ich meine erste Kreditkarte und konnte Calling-Card-Nummern selber erhacken. Die habe ich dann schließlich unter falschem Namen über meine eigene Partyline verkauft.“

„Wieviel Geld hast Du damit verdient?“

„Einiges. Ich verkaufte den Leuten sogar Nummern, die nicht funktionierten. Es waren natürlich auch Einsteiger dabei, die einfach nur Lust hatten, mal was Illegales zu tun. Die haben mir dann blind jede Information abgekauft, ob sie taugte oder nicht.“

„War das nicht Betrug?“

„Nö. Die haben nach illegalen Informationen verlangt. Ich habe denen etwas gegeben, womit sie nichts anfangen konnten. Das ist doch völlig legitim gewesen. Irgendwie fehlt da noch Salat.“

Kimbles Hand huscht wieder nach oben, der Kellner schnellt an unseren Tisch heran.

Mona-Lisa-Salat

„Ich nehme noch den Mona-Lisa-Salat.“

„Sicher“, sagt der Kellner und dreht seinen Kopf zu mir. „Für Sie noch ein Glas Wasser?“

„Nein danke, ich melde mich schon“, winke ich lächelnd ab.

„Wie kam Dir die Polizei auf die Spur?“, frage ich, als der Kellner wieder weg ist.

„Irgendjemand von der Scene muss für einen Rechtsanwalt gearbeitet haben. Der hatte nichts mit der Partyline zu tun. Der interessierte sich nur für die Warez in meiner BBS. Daher kam der Hausdurchsuchungsbefehl. Die Polizei wollte nur meine Mailbox und die Warez mitnehmen. Das wäre alles nicht so schlimm gewesen, wenn in meinem Zimmer nicht noch Hunderte von gefälschten Kredit- und Telefonkarten herumgelegen hätten.“

„Die wolltest Du verkaufen?“, frage ich und merke gleich, dass ich mir die Frage hätte sparen können.

„Nein, die wollte ich an die Wand hängen“, kommt es wie aus der Pistole geschossen. „Mann, natürlich verkaufen, was denn sonst? Die Polizei hat alles mitgenommen. Damit hatte ich Telefon- und Kreditkartenbetrug am Hals.
Kimble schaut sich noch einmal um. „Aber“, flüstert er plötzlich geheimnisvoll und streckt dabei seinen Kopf nach vorne über den Tisch. „Das war das Beste, was nur passieren konnte!“

„Ihr Mona-Lisa-Salat.“ Ein Teller wird zwischen uns auf den Tisch geschoben.

„Wieso das?“, flüstere ich verwundert zurück.

Kimble reißt den Salat an sich. „Als die Staatsanwaltschaft mich wegen Kreditkartenbetrugs anklagen wollte“, kichert er, „hatte ich ganz andere Sorgen als die paar Warez, die man bei mir gefunden harte. Dieser Rechtsanwalt, der Urheber vertrat, musste sich hinten anstellen. Weil der Anwalt in der selben Stadt wohnte wie ich, kam dann ein persönlicher Kontakt zustande. Er merkte sofort, dass ich eine Menge Insiderwissen besaß, und schlug mir einen Deal vor. Ich sollte ihm helfen, an weitere Systeme mit Warez zu gelangen. Ich hatte Zugang zu fast allen Boards in Deutschland. Und dafür hat er mich dann bezahlt. Später hat er mich sogar bei den Anklagen wegen Kreditkartenbetrugs unterstützt. Plötzlich war ich auf der legalen Seite und verdiente gutes Geld damit.“

„Was sagten Deine Szenekumpels dazu?“

„Die fanden den Besuch der Polizei natürlich nicht so toll. Was soll’s. Ich glaube, fast jeder Systembetreiber, den ich kannte, wurde belangt.“

„Damals hat das ZDF einen Bericht über Dich gebracht. War das das erste Mal, dass Du Dich in der Öffentlichkeit gezeigt hast?“

„Kann schon sein. Plötzlich hatte ich im Fernsehen einen Auftritt nach dem anderen. Ich wurde zu einer Art Hackerberühmtheit!“

Ich versuche seiner Prahlerei keinerlei Aufmerksamkeit zu schenken. „Hat die Szene Dir nicht gedroht?“

„Ach, die Scene. Die verstecken sich alle nur hinter ihren kleinen Computern und denken, sie seien die Größten. Ich wollte Geld machen und nicht mit dem Computer pöbeln, bis ich in irgendeiner Gosse lande. Die hatten mich außerdem in diesen Schlamassel hineingebracht. Also war es auch okay, dass ich sie später der Polizei ausgeliefert habe. Außerdem kommt jetzt das Beste: Die Staatsanwaltschaft hat das als eine Wiedergutmachung akzeptiert. Daher wurde in meinem Fall keine Anklage erhoben. Es hätte nicht besser kommen können.“

„Wie ging es weiter?“

Essig und Öl

„Also, da war so ein Typ, den ich auf Umwegen kannte. Der hat damals erzählt, er könne über das D1-Netz auf fremde Kosten telefonieren. Er kam zu mir, hat sich mit einem Laptop und seinem selbstgebastelten Equipment zu mir gesetzt und ließ mich mit meinem Handy telefonieren.“

Kimble fängt an in seinem Salat herumzustochern. Wortlos reiche ich ihm Essig und Öl. „Das war der berühmte GSM-Hack!“, sage ich und streiche wieder ein Fragezeichen von meinem Notizblock.

„Exakt, das war der berühmte GSM-Hack.“

„Wie funktionierte das?“

„Also, ganz kurz und simpel. Im Prinzip sendet beispielsweise das D1-Handy ein verschlüsseltes Signal an die Zentrale. Mit Hilfe bestimmter Geräte kann man dieses Signal stören. Wenn dies geschieht, versucht das Handy das Signal erneut zu senden. Diesmal unverschlüsselt. Jetzt kann man das Signal abfangen und speichern. Dann überträgt man diese Informationen auf eine selbst hergestellte D1-Karte und telefoniert damit.“

Ich nicke und mache wieder ein großes Fragezeichen hinter „GSM-Hack“

„Das klingt sehr einfach“, lüge ich. „Kann ich das auch?“

„Vielleicht im nächsten Leben!“, antwortet er überheblich. „So einfach ist das nicht. Dieser Typ, der das geschafft hat, war ein Genie. Ich wollte ihm sogar Geld dafür zahlen, dass er mir das zeigt.“

Das letzte Salatblatt wandert in Kimbles Mund. „Aber der Typ wollte gar kein Geld. Das war einer von den Leuten, die der Meinung waren, man müsse die Öffentlichkeit aufklären, so eine Art Cyber-Lucky-Luke. Ich habe ihm erzählt, dass ich alles publik machen würde. So dachte er, ich würde ihm helfen wollen. Dann gab er mir alle Informationen.“

„Was hast Du mit den Informationen gemacht?“

„Die habe ich für teures Geld verkauft. Zunächst wollte ich wissen, ob der Chaos Computer Club etwas davon wusste. Ich ging auf der CeBIT zu einem Chaos-Typen und habe ihm davon erzählt. Der wollte aber nicht kooperieren. Das tun die nie mit Hackern, die nicht die gleichen Ideale vertreten wie sie.“ Lächelnd deutet Kimble auf sein Handgelenk, an dem nach einem kurzen Schütteln wieder die Uhr erscheint. „Erst später erfuhr ich dann, dass die nichts über die Schwachstellen von D1 wussten. Diese Penner liefen sofort zur Presse und gaben alle Informationen, die sie von mir hatten, an die Weltwoche weiter. Und die haben das am nächsten Tag gebracht. Prompt bekam ich einen Anruf von DeTeMobil. Von einem Herren, dem ich klar machte, dass die Chaos-Typen nichts damit zu tun haben.“

„Hättest Du nicht besser sagen sollen, dass Du nichts mit der Sache zu tun hast? Das wäre doch sicherer gewesen.“

„Ganz im Gegenteil. Ich habe dem Komiker erzählt, dass ich genau weiß, wie man deren System überlistet.“

„Warum hat er Dich nicht sofort der Polizei übergeben?“

„Du scheinst nicht zu verstehen, wie so etwas abläuft. Ich habe dem gesagt, entweder er kooperiert mit mir, oder er kann die ganze Geschichte nächste Woche im Spiegel lesen. So wäre ich auch noch dem Wunsch von Lucky Luke nachgekommen.“

„Und er ging darauf ein?“

Bratwurst

Kimble nimmt seine Gabel vom Tisch und spielt damit herum. „Und wie er darauf einging!“, sagt er und klopft mit der Gabel auf den Tisch. „Die hatten bereits viel Ansehen durch den Artikel in der Weltwoche verloren. Dabei waren da die technischen Mängel nicht einmal genau erläutert worden. Was glaubst Du, was das Unternehmen gemacht hätte, wenn plötzlich auch noch der Beweis geliefert worden wäre? Die hätten einpacken können. Niemand hätte mehr D1-Handies gekauft.“

„Das ist hart.“

„So ziemlich. Danach haben wir uns getroffen. Ich nahm mehrere Rechtsanwälte mit. Die D1-Typen haben mir einen Beratervertrag vorgeschlagen. Darin stand in groben Zügen, dass ich ab sofort den Berater in Sachen Sicherheit spielen sollte. Dafür bekam ich dann eine Menge Geld. Um die 30,000 Mark im Monat.“

„Als Berater hast Du sicherlich viel dazugelernt.“

Kimble schüttelt lachend den Kopf. „In dem Vertrag stand noch drin, dass ich niemanden über die technischen Möglichkeiten Auskunft geben durfte. Klar, dass so etwas in einem Vertrag steht, wenn man mit firmeninternen Dingen herumhantieren soll. Darum ging es letzten Endes. Ich sollte einfach nur den Mund halten. Offiziell war ich Berater. Beraten habe ich niemanden.“

„Du hast ein Einkommen im Monat gehabt, ohne etwas zu tun?“

„Nun, ich habe dem Spiegel nichts erzählt, oder?“

„Haben die ihre Systeme danach verbessert?“

„Das ist mir ziemlich egal, was die dann letztendlich gemacht haben. Ich habe mir dem Geld meine eigene Firma gegründet.“

„Und in welchem Bereich ist Deine Firma tätig?“, frage ich, ohne mich wirklich für die Antwort zu interessieren. Kimble schaut sich kurz um und reibt sich mit der flachen Hand über den Bauch.

„Ich mach dir einen Vorschlag“, sagt er mir erhobener Gabel. „lch kenne eine gute Pommesbude gleich um die Ecke. Wir gehen da jetzt ’ne leckere Bratwurst essen und ich erzähle dir den Rest.“

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