NO COPY

von Jan Krömer und William Sen
Buchautoren und Journalisten

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In vielen Berichten über Raubkopien ist auch vom Schaden die Rede, der durch Raubkopien entsteht. Häufig werden dabei konkrete Zahlen genannt.

Die Filmindustrie nennt für das Jahr 2004 einen Schaden durch Raubkopien in Höhe von rund einer Milliarde Euro.[1] Der Softwareindustrie-Verband BSA (Business Software Alliance) beziffert den weltweiten Schaden der Softwareindustrie im Jahr 2004 auf 32,7 Milliarden US-Dollar.[2]

Ob der Begriff „Schaden“ in Bezug auf Raubkopien zutreffend ist, ist umstritten. Anders als beim Diebstahl eines materiellen Gutes, bei dem der Dieb das Entwendete besitzt, der Bestohlene jedoch nicht mehr, besitzt bei der Verbreitung einer Raubkopie der Urheber immer noch das Original und kann es weiterhin verkaufen. Um einen Schaden zu ermitteln, gilt es in Bezug auf Raubkopien daher vielmehr zu klären, ob dem Urheber ein Einnahmeverlust entstanden ist. Von einem Einnahmeverlust kann man jedoch nur dann sprechen, wenn der Kopierende das Original gekauft hätte, wenn er es nicht hätte kopieren können. Der Schaden, von dem im Zusammenhang mit Raubkopien immer gesprochen wird, ist also eher ein potentieller Gewinnausfall.

BSA Studie

Die von der BSA in der sogenannten „Piracy Study“[3] veröffentlichten Schadenszahlen für das Jahr 2004 wurden durch das Marktforschungsinstitut IDC (International Data Corporation) ermittelt. Die Vorgehensweise ist in der Studie wie folgt beschrieben:

„1. Determine how much packaged software was put into use in 2004.

  1. Determine how much packaged software has been paid for during the year.
  2. Subtract one from the other to get the amount of pirated software“.[4]

Die IDC ermittelte also zunächst durch diverse Marktuntersuchungen, Interviews und Studien wieviel Software im Jahre 2004 weltweit eingesetzt wurde. Im zweiten Schritt ermittelte die IDC dann, wieviel Software im Jahre 2004 legal verkauft wurde. Die Zahl der verkauften Software subtrahierte die IDC nun von der Zahl der eingesetzten Software. Das Ergebnis bezeichnete sie als Raubkopien. Der Anteil der Raubkopien an der Gesamtzahl der eingesetzten Software bezeichnete sie als „Piraterierate“. In einem Vergleich von der Größe des rechtmäßigen Softwaremarktes mit der Piraterierate, gab die IDC nun auch den vermeintlichen Schaden durch Raubkopierer an. „These industry losses from piracy were calculated using the known size of the legitimate software market in a country or region and using the piracy rate to derive the retail value of the software that was not paid for“.[5] Bei dieser Art der Berechnung ist jedoch unwahrscheinlich, dass die von der BSA veröffentlichten Schadenszahlen den tatsächlichen Einbußen der Softwareindustrie entsprechen. Die Untersuchung setzt voraus, dass ausnahmslos jeder Raubkopierer die Software auch gekauft hätte, wenn er sie nicht hätte kopieren können. Zudem wird angenommen, dass jede Raubkopie einen wirtschaftlichen Schaden in Höhe ihres Verkaufspreises ausmachen würde. Beides kann aber nicht sicher angenommen werden, da es zum Beispiel möglich ist, dass ein Raubkopierer auf den Kauf des Originals auch dann verzichtet hätte, wenn er nicht die Möglichkeit des Kopierens gehabt hätte, oder dass seine maximale Zahlungsbereitschaft für eine Software lediglich die Hälfte des Verkaufspreises betrug. Auch bleibt es fraglich, ob die berechnete Zahl an Raubkopien der Realität entspricht. Die Validität der Untersuchung kann daher aus wissenschaftlicher Sicht durchaus in Frage gestellt werden. Dennoch haben die von der BSA ermittelten Zahlen einen Einfluss auf das Bild der Raubkopierer in der Öffentlichkeit und sogar auf die Gesetzgebung. Die Schadensberechnungen der BSA sind in den Medien sowie bei Diskussionen um Verschärfungen des Urheberrechts stets präsent. „Such jaw-dropping figures are regularly cited in government documents and used to justify new laws and tough penalties for pirates“.[6]

Studien belegen das Gegenteil

In der Öffentlichkeit weniger präsent sind die durchaus vorhandenen Studien, die zu einem anderen Ergebnis kommen. Zum Beispiel veröffentlichten Peitz und Waelbroeck im Jahre 2004 eine Studie, in der sie die Auswirkungen von Internet-Downloads auf CD-Verkäufe untersuchten.[7] Sie kamen zu dem Ergebnis, dass die Downloads zwar für einen erheblichen Teil des Umsatzeineinbruchs des Jahres 2001 verantwortlich gemacht werden können, nicht jedoch für den Rückgang der CD-Verkäufe im Jahre 2002. Hierfür seien andere Gründe zu suchen. Zum Beispiel sei anzunehmen, dass mit der verstärkten Nutzung des Internets der allgemeine Musikkonsum zurückgegangen sei. Stattdessen würde vermehrt Online-Aktivitäten nachgegangen, wie zum Beispiel dem Chatten, dem Anschauen von Videoclips oder dem ungezielten Surfen im Internet.[8] Ebenfalls im Jahr 2004 untersuchten Felix Oberholzer von der Harvard Business School und Koleman Strumpf von der University of North Carolina die Auswirkungen von Internet-Tauschbörsen auf die Musikverkäufe.[9] In ihrer Untersuchung verglichen sie die Zahl von heruntergeladenen Musikdateien mit dem Verkauf von CDs in den USA im Jahre 2002. Selbst hohe Downloadraten hatten laut ihrer Studie kaum einen Einfluss auf die Verkäufe. Der Großteil der Nutzer hätte sich das entsprechende Album ohnehin nicht gekauft. Nach ihrer Meinung ergäben selbst bei pessimistischster Schätzung erst 5000 Downloads eines Songs den Verlust einer realen CD.[10] Überdies wirke sich das Filesharing für die Alben, die sich im Untersuchungszeitraum am meisten verkauften, sogar positiv aus. Hier erhöhten bereits 150 Downloads eines Liedes die realen Verkäufe des jeweiligen Albums um eine Kopie.[11] Für die beliebtesten Alben könnte das Filesharing daher wie eine Art Verstärker wirken. Lediglich die Verkaufszahlen der weniger populären Alben könnten eher negativ von Downloads beeinflusst werden. In jedem Fall sei der Einfluss der Downloads gering: „Downloads have an effect on sales which is statistically indistinguishable from zero, despite rather precise estimates. Moreover, these estimates are of moderate economic significance and are inconsistent with claims that file sharing is the primary reason for the recent decline in music sales“.[12] Im Juni 2005 bestätigte die OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) ebenfalls eine ähnliche Einschätzung. In einer Analyse des Online-Musikhandels kam sie zu dem Schluss, dass ein kausaler Zusammenhang zwischen den Einkommensverlusten der Musikindustrie und dem Anstieg der Tauschbörsennutzung nicht nachweisbar sei. Vielmehr könnten hierfür auch andere Gründe in Frage kommen wie die mangelhafte Verfügbarkeit und Qualität der legalen Downloadportale sowie eine zunehmende Konkurrenz anderer Formen der Unterhaltung, wie Computerspiele oder DVD-Filme.[13]

Die Ergebnisse solcher Studien werden jedoch nur selten erwähnt und eher in Fachkreisen diskutiert als einer breiten Öffentlichkeit durch die Massenmedien vorgestellt.

NO COPY

von Jan Krömer und William Sen
Buchautoren und Journalisten

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Jan Krömer und Dr. William Sen sind u. a. Autoren des Buchs "NO COPY - Die Welt der digitalen Raubkopie" - erschienen im Klett-Cotta Verlag. Das Buch sorgte vor allem in Deutschland für Aufklärung für das Verständnis für Raubkopien und untersuchte kritisch das gesellschaftliche und auch ökonomische Grundverständnis für "die Kopie".

Das Buch NO COPY ist kostenlos online verfügbar.

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1. Einleitung
1.1. Einleitung
1.2. Zielsetzung
1.3. Abgrenzung
1.4. Aufbau


2. Begriffsdefinitionen
2.1. Netzkultur
2.2. Hacker
2.3. Hackerkultur
2.4. Informationsgesellschaft
2.5. Raubkopie


3. Hacker und Raubkopierer in der Informationsgesellschaft
3.1. Informationsgesellschaft
3.1.1. Geschichte der Informationsgesellschaft
3.1.2. Bedeutung der Informationsgesellschaft
3.1.3. Information als Wirtschaftsgut
3.2. Strukturen der Erstellung und Verbreitung von Raubkopien


4. Typen von Raubkopierern
4.1. Release-Szene
4.2. FXP-Szene
4.3. Filesharing-Nutzer


5. Verbreitungswege der Raubkopien
5.1. Warez
5.2. MP3z
5.3. Moviez
5.4. eBookz


6. Bild der Raubkopierer in der Öffentlichkeit
6.1. Raubkopierer in den Medien
6.2. Schadenszahlen in der Öffentlichkeit


7. Formulierung der Thesen
7.1. These A: Die heutige Informationsgesellschaft ist von der Hackerkultur geprägt.
7.2. These B: Raubkopien sind das Produkt einer von der Hackerkultur geprägten Gesellschaft.
7.3. These C: Raubkopierer handeln destruktiv.
7.4. These D: Raubkopierer betrachten Raubkopieren nicht als kriminelles Vergehen.


8. Entstehung der Hacker
8.1. Die ersten Hacker (ab 1955)
8.2. Faszination der Software (1960 – 1975)
8.3. Entstehung der Hackerkultur (1975 – 1980)
8.4. Erste Gruppierungen von Hackern
8.5. Kommerzialisierung der Hardware
8.6. Kommerzialisierung der Software


9. Entstehung der Raubkopierer-Szene
9.1. Entstehung der ersten Cracker (1982 – 1999)
9.2. Die erste Generation
9.3. Cracking Groups
9.4. Qualität der gecrackten Software
9.5. Mitgliederzahl der ersten organisierten Raubkopierer-Szene
9.6. Verbreitung der Raubkopien
9.7. Entwicklung der 2. Generation


10. Elemente der Netzkultur
10.1. Die Idee des Teilens von Software
10.2. Freie-Software-Bewegung
10.3. Open-Source-Bewegung


11. Selbstregulierung statt Kontrolle
11.1. Internet als dezentrales u. freies Netzwerk
11.2. Selbstregulierende Projekte im Internet
11.2.1. Wiki-Konzept und Wikipedia
11.2.2. Open Source Directory Project (ODP) und Weblogs


12. Hacker-Ethik
12.1. Feindbilder der Hacker
12.2. Feindbild IBM
12.3. Feindbild Post


13. Konstruktive Destruktion
13.1. Demontage
13.2. Verbesserung
13.3. Kreation


14. Fazit Netzkultur


15. Verhaltenspsychologische Aspekte
15.1. Motivationsfaktoren der organisierten Raubkopierer-Szene
15.2. Motivationsfaktoren der Gelegenheitskopierer


16. Zusammenfassende Bewertung der Thesen
16.1. These A
16.2. These B
16.3. These C
16.4. These D


17. Optionen der Rechteinhaber für einen wirksameren Umgang mit Raubkopierern
17.1. Juristische Mittel
17.2. Kopierschutzmaßnahmen
17.3. Illegale Download-Angebote
17.4. Öffentlichkeitsarbeit
17.5. Resümee


18. Fazit
Literaturverzeichnis
Tabellenverzeichnis
Abbildungsverzeichnis
Danksagung


[1] Vgl. Schmidt 2006, S. 42. ff.
[2] N.n. 2005 (i).
[3] N.n. 2005 (j).
[4] Ebd., S. 10.
[5] Ebd., S. 4.
[6] N.n. 2005 (b).
[7] Vgl. Peitz; Waelbroeck 2004.
[8] Ebd., S. 16.
[9] Vgl. Oberholzer; Strumpf 2004.
[10] Ebd., S. 3.
[11] Ebd., S. 23.
[12] Oberholzer; Strumpf 2004.
[13] Vgl. Wunsch-Vincent 2005.

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